Schweizerische Nationalbank

Drei Fragen an Christoph Eisenring

Innovation als Antwort auf aktuelle Herausforderungen

NZZ-Wirtschaftsjournalist Christoph Eisenring sprach kürzlich mit Philippe Aghion (siehe das kleine Bild unten), einem führenden Forscher zum Thema Wachstum und Innovation. Eisenring sprach mit Aghion über dessen Vision eines Kapitalismus, der in der Lage ist, die grossen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.

Im Zentrum steht dabei der Prozess der Innovation, bei dem zukunftsweisende Unternehmen neu in den Markt eintreten und etablierte Unternehmen verdrängen. Dieser Prozess wird auch schöpferische oder kreative Zerstörung genannt – ein Begriff, den der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter vor 80 Jahren geprägt hat.

Durch kreative Zerstörung entstehen Aufstiegschancen. Zugleich geraten aber auch Menschen unter die Räder, beispielsweise Arbeitnehmende, die um ihre Jobs bangen. Gemäss Aghion braucht es deshalb ein Sozialsystem, das diesen Prozess der permanenten Zerstörung und Erneuerung begleitet.

In seinem neuen Buch «Die Kraft der kreativen Zerstörung», das er zusammen mit Céline Antonin und Simon Bunel geschrieben hat, bekräftigt Aghion seine Überzeugung, dass Innovation uns dabei helfen kann, die heutigen Herausforderungen zu bewältigen, von der Pandemie bis zur globalen Erwärmung.

Wir haben Christoph Eisenring gebeten, uns drei Fragen zum Interview mit Philippe Aghion zu beantworten:

cover Power of Creative DestructionPhilippe Aghion ist Professor an der London School of Economics und am Collège de France. Sein neuestes Buch handelt von der Bedeutung der kreativen Zerstörung im 21. Jahrhundert.

Iconomix: Zunächst: Wie ist das Gespräch mit Philippe Aghion abgelaufen, wie muss man sich das in der heutigen Zeit vorstellen?

Christoph Eisenring:  Die Corona-Krise hat hier die Dinge sogar vereinfacht. Weil wir alle im Home-Office sind, stellt sich die Frage gar nicht erst, ob man für ein Interview nach Paris fährt oder nicht. Also trifft man sich zum virtuellen Gespräch. Philippe Aghion ist mit ganzer Leidenschaft Ökonom. Wenn er in Fahrt kommt, ist es gar nicht so einfach, ihn zu bremsen. Aghion ist aber ein zugewandter und herzlicher Mensch. Während die Interviewten manchmal ein Gespräch noch ziemlich umschreiben wollen, kam bei ihm rasch das OK – ohne jegliche Änderungen.

Sie sind selbst ein erfahrener und gut ausgebildeter Ökonom. Was haben Sie im Gespräch mit Aghion Neues erfahren bzw. gelernt?

Zunächst habe ich nicht gewusst, aus was für einem faszinierenden Milieu Aghion stammt. Seine Eltern sind aus Ägypten nach Frankreich eingewandert, und seine Mutter hat dabei das Luxusmarken-Label Chloé gegründet, das es auch heute noch gibt. Aghion kommt also aus einem unternehmerischen Haushalt. Seine Mutter hatte als Modeschöpferin das Ziel, die Rollenbilder der 1950er Jahre aufzubrechen. Hier knüpft Aghions Buch über die «schöpferische Zerstörung» durch Innovation ein wenig an seine eigene Biografie an. Was mich überrascht hat: Dass innovative Firmen gerade für Arbeitnehmer mit geringen Qualifikationen grossartig sind. Diese Unternehmen verschaffen ihnen etwa ein Training «on the job». Von daher wäre eine «Roboter-Steuer» kontra-produktiv.

Teilen Sie die Ansicht von Aghion bezüglich der Kraft der Innovation und der damit verbundenen Verantwortung des Staates?

Vom Jahr 1000 bis 2000 nach Christus kletterte das Pro-Kopf-Einkommen um den Faktor 13. Und der grösste Teil dieses Anstiegs passierte in den letzten 200 Jahren. Dies liegt an der «schöpferischen Zerstörung». Dies sind Erfindungen, die ganze Branchen revolutionieren. So hat die Erfindung des Autos die Kutschen verdrängt oder der Traktor die Pferdekraft. Aghion ist der Ansicht, dass der Staat mit Geld solche Innovationen durch Private anstossen solle. Ich bin dagegen skeptisch, ob ein solch aktiver Staat ein Klima schafft, in dem Menschen sich entfalten können. Für mich stehen sich staatliche Lenkung und Kreativität entgegen. Untersuchungen zeigen, dass diejenigen Länder gut aufgestellt sind, in denen ein grosser Teil der Forschung durch private Firmen erfolgt.

Christoph Eisenring ist Wirtschaftsjournalist bei der NZZ. Nach Abstechern in Frankfurt, Washington und Berlin arbeitet er heute wieder auf der Redaktion in Zürich - beziehungsweise im Moment natürlich im Home-Office.

Links zum Thema

Essential Schumpeter: Creative Destruction - www.youtube.com/

The Fraser Institute (02.07.2020)

Joseph A. Schumpeter - Die Supernova im Blut - www.fuw.ch/

Finanz und Wirtschaft (23.09.2013)

Der unternehmerische Staat erstickt die Kreativität - www.nzz.ch/

NZZ. Kommentar von Christoph Eisenring (08.12.2020)

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