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10 Jahre nach Lehman-Brothers-Kollaps
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10 Jahre nach Lehman-Brothers-Kollaps
Freitag, 21. September 2018

Der Lehman-Brothers-Kollaps brachte das globale Finanzsystem vor 10 Jahren an den Rand des Abgrunds. SNB-Präsident Thomas Jordan und Ökonom Aymo Brunetti schauen auf eine turbulente Zeit zurück.

Markteinbruch am Tag der Lehman-Pleite. Bild: Pixnio (CC)

Am 15. September 2008 meldete die US-amerikanische Investmentbank Lehman Brothers Konkurs an und versetzte damit den Finanzsektor in Aufruhr. Die Nachricht vom Lehman-Brothers-Kollaps brachte das bereits durch die Subprime-Krise unter Druck geratene Finanzsystem endgültig in Schieflage.

Ein Rückblick aus Sicht von SNB-Präsident Jordan

Zehn Jahre nach der Insolvenzerklärung von Lehman Brothers gewährt Notenbankchef Thomas Jordan in einem Interview mit der NZZ einen Einblick in die Krisenpolitik der Schweiz in dieser turbulenten Zeit.

Der Lehman-Brother Kollaps in den USA schürte weltweit Befürchtungen, dass eine Depression – ähnlich wie diejenige der 30er Jahre – bevorstehen würde. Anders als in den 30er Jahren haben die Zentralbanken dieses Mal rasch reagiert und das Bankensystem umgehend mit sehr viel Liquidität versorgt.

Laut Jordan reichte diese Massnahme zur Stabilisierung der Schweizer Volkswirtschaft jedoch nicht aus. Vor diesem Hintergrund entschied die Schweizerische Nationalbank zusammen mit dem Bund, dass die Notenbank im Fall einer sich verschärfenden Krise «toxische Papiere» - also ausfallgefährdete Wertpapiere - von Schweizer Grossbanken mit globalen Engagements übernehmen würde, sofern die Situation es erfordere.

Als Lehman Brothers Konkurs anmeldete, wurde der UBS im Oktober 2008 umgehend ein Rettungspaket gewährt. Gemäss Jordan musste die massive Liquiditätsspritze «auf einen Schlag erfolgen und die Märkte vollkommen überzeugen». Tatsächlich wurde die UBS vor der Insolvenz bewahrt und eine mögliche Ausweitung der Krise im Schweizer Bankensystem verhindert.

Auch der Credit Suisse wurde ein ähnliches Rettungspaket angeboten. Doch ihr gelang es damals, genügend Kapital am Markt aufzunehmen, ohne dass sie auf das Rettungspaket angewiesen war.

Das UBS-Rettungspaket war eine von vielen Massnahmen, die die SNB in Zusammenhang mit der Finanzkrise 2007/2008 ergreifen musste. In der Folge wurde eine Serie unkonventioneller geldpolitischer Massnahmen ergriffen und bis heute sind Arbeiten im Gange, die auf eine Restrukturierung von systemrelevanten Banken abzielen.

Teil der Restrukturierung beinhaltet eine genügend hohe Kapitalisierung der Banken, damit sie im Falle einer Krise ihre Verluste selber absorbieren könnten. Mit vernünftigen Kapitalanforderungen soll der Schweizer Bankensektor krisenresistenter gemacht werden. Vor diesem Hintergrund ist eine gute Kapitalisierung kein Wettbewerbsnachteil, sondern vielmehr eine Qualitätsauszeichnung für den Schweizer Finanzstandort, sagt Jordan.

Eine Einschätzung von Uniprofessor Brunetti

Pünktlich zum zehnjährigen Jubiläum der Lehman-Pleite hat der Ökonom Aymo Brunetti ein neues Buch mit dem treffenden Namen «Ausnahmezustand» publiziert. In zugänglicher Sprache nimmt er darin Stellung zur Finanzkrise 2007/2008 und informiert darüber, was sich seither geändert hat. Brunettis Fazit lautet ähnlich wie dasjenige von SNB-Präsident Jordan: Im Vergleich zur Grossen Depression der 1930er Jahre reagierte die Wirtschaftspolitik während der Finanzkrise 2007/2008 besser, indem sie die Volkswirtschaft umgehend mit Liquidität versorgte.

Die sehr expansive Geldpolitik der Zentralbank und die lockere Fiskalpolitik der Regierungen vermochten die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stützen. Dadurch konnte Schlimmeres verhindert werden. Des Weiteren wurden mit Rettungspaketen notwendige Massnahmen ergriffen, um systemrelevante Banken vor einem Konkurs zu bewahren. Laut Brunetti sind diese zwei Faktoren mitverantwortlich dafür, dass die Folgen der Finanzkrise 2007/2008 nicht so langwierig sind wie diejenigen der 1930er Jahre.

In der ausgesprochen expansiven Geldpolitik sieht Brunetti hingegen ein Indiz dafür, dass der «Ausnahmezustand» noch keineswegs überwunden ist. Seines Erachtens wird es schwierig sein, die Geldpolitik wieder zu normalisieren, ohne dass der Übergang wirtschaftliche Turbulenzen verursacht. Insbesondere bei Wertanlagen (Aktien, Obligationen, Immobilien) könnte die Normalisierung der Geldpolitik zu Preiseinbrüchen führen, meint Brunetti.

Grund für Zuversicht bieten hingegen die regulatorischen Anpassungen im Bankensektor, die die systemrelevanten Banken gemäss Brunetti stabiler und dadurch krisenresistenter gemacht haben.

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