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Was man aus den kuriosesten Steuern lernen kann
Staat und Gesellschaft
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Was man aus den kuriosesten Steuern lernen kann
Freitag, 25. Mai 2018

Der Einfallsreichtum von Königen und Zaren beim Eintreiben von Steuern trug bisweilen eigenartige Früchte. Urin- oder Fenstersteuern sind nur zwei von vielen erheiternden Beispielen.

Zugemauerte Fenster in Frankreich, um die Fenstersteuer zu sparen. Bild: Wikimedia – Daniel Villafruela (CC)

«Es gibt keine Kunst, die eine Regierung schneller von einer anderen lernt, als die Kunst, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen.» Mit diesem Zitat spielt der schottische Moralphilosoph und Urvater der Ökonomie, Adam Smith (1723–1790), auf den schon zu seiner Zeit vorherrschenden Einfallsreichtum an, den die politischen Entscheidungsträger beim Erheben von Steuern an den Tag legen. Die Geschichte der Besteuerung, die mit «dem Zehnten» begann, hat allerlei Kurioses hervorgebracht. Werfen wir einen Blick auf die ulkigsten Steuern der Geschichte und auf den Anschauungsunterricht, den sie trotz aller Kuriosität bieten.

Pecunia non olet – Geld stinkt nicht

Geld ist immer gut, egal woher es kommt. Das dachte sich wohl auch der von 69 bis 79 n. Chr. regierende römische Kaiser Vespasian, der die Staatsfinanzen mit der Steuer auf Urin bei öffentlichen Toiletten – der sog. Urinsteuer – aufbesserte. Aufgrund seines Ammoniakgehalts wurde Urin als Zutat für eine Reihe chemischer Prozesse verwendet – u.a. für die Wäschereinigung – und war entsprechend gefragt. Dies machte sich der Kaiser zu Nutze und knöpfte den Käufern des begehrten Harnstoffs eine Steuer ab. Seinem Sohn und späteren Nachfolger Titus missfiel die Praxis. Vespasian hielt ihm eine von der Urinsteuer stammende Münze unter die Nase, worauf der Filius eingestehen musste, dass sie nicht stank. Die Redewendung «Geld stinkt nicht» soll auf diese Konversation zurückzuführen sein. Auch im französischen und italienischen Wortschatz lebt die Steuer auf die Notdurft weiter: «vespasienne» und «vespasiano» bezeichnen bis heute die Stehtoilette.

Dem Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt

Der preussische König Friedrich I. nutzte die Popularität von Perücken zu Beginn des 18. Jahrhunderts und erhob eine Steuer von drei Talern pro künstliche Haarpracht. Inspektoren überprüften auf offener Strasse die Perücken der Passanten auf den Stempel, der als Nachweis für den geleisteten Obolus angebracht wurde. Die Idee soll sich sein spitzfindiger Premierminister Johann Kasimir Kolbe von Wartenburg ausgedacht haben, auf dessen Kreativität auch Kuriositäten wie Hutsteuer, Strumpfsteuer oder Jungfernsteuer zurückzuführen sind. Letztere brummte unverheirateten Frauen zwischen 20 und 40 Jahren eine monatliche Abgabe auf.

Russlands Zar Peter I. störte sich an den Rauschebärten und erhob ab 1698 eine Bartsteuer. Jeder, der sich nicht von seiner Gesichtsbehaarung trennen wollte, musste zahlen. Ebenfalls zum Schmunzeln sind die Tür- und Fenstersteuern, die in England bis Mitte des 19. und in Frankreich bis Anfang des 20. Jahrhunderts erhoben wurden. Mittels einem fein austarierten Tarifsystem wurde in Abhängigkeit der Anzahl Fenster und Türen die zu leistende Steuer bestimmt. Wenig überraschend betrieben die besteuerten Bürger Steueroptimierung, indem sie die Anzahl Fenster und Türen gering hielten. Dies hatte neben wenig lichtdurchfluteten Wohnzimmern auch eigenartige Hausfassaden zur Folge (s. obiges Bild).

Schon die Pharaonen im alten Ägypten waren einfallsreich. Sie baten die Bauern zur Kasse in Abhängigkeit des Wasserpegels des Nils. Je höher der Wasserpegel anstieg, desto mehr waren die Felder mit fruchtbarem Nilschlamm überflutet und desto besser war die Ernte. Dementsprechend war die Steuer umso höher, je höher der Wasserpegel des Nils war. Die Könige der frühen Hochkultur erhoben also quasi eine Nilschlammsteuer.

Was können wir daraus lernen?

Die genannten Beispiele aus der Geschichte der Besteuerung mögen auf den ersten Blick vor allem kurios erscheinen. Doch sie bieten wertvolles Anschauungsmaterial für die grundsätzliche Frage, wie das Steuersystem idealerweise (nicht) ausgestaltet sein soll. Die Fenstersteuer zeigt exemplarisch, wie der fiskalische Zweck einer Steuer untergraben wird und gleichzeitig ein Kollateralschaden entsteht, wenn die Steuer leicht umgangen werden kann und vor allem umgangen wird.

Im Fachjargon: Wenn die Anzahl Fenster elastisch auf die Besteuerung reagiert. Mit jedem Fenster, das aus finanziellen Gründen eingespart oder zugemauert wird, sinken die Einnahmen des Staates und die Wohnzimmer verdunkeln sich weiter. Die Menschen vom Tageslicht fernzuhalten, kommt einem beachtlichen Wohlfahrtsverlust gleich, der nicht das Ziel der Steuerpolitik sein kann. Auch in diese Kategorie gehören wohl Hut- und Perückensteuer.

Kaiser Vespasian ging cleverer vor und setzte mit der Urinsteuer auf eine Bemessungsgrundlage, die kaum auf Besteuerung reagiert, weil die Umgehung der Steuer schwierig ist. Mit anderen Worten: Der Harndrang ist steuerunelastisch. So gesehen ist die Urinsteuer eine effiziente Steuer, bei der die Ausweichreaktionen und der daraus resultierende Wohlfahrtsverlust gering sind.

Auch die ägyptischen Pharaonen kann man mit Fug und Recht als Pioniere effizienter Besteuerung bezeichnen. Die Nilschlammsteuer tut nämlich das, was die Optimalsteuertheorie propagiert. Demgemäss soll nicht das Einkommen direkt besteuert werden, sondern die Fähigkeit, Einkommen zu erzielen. Damit kann das Prinzip der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit (Gerechtigkeitsziel) berücksichtigt werden, ohne die Leistungsanreize (Effizienzziel) zu beeinträchtigen.

Die Nilschlammsteuer tut genau das: Ein hoher Wasserpegel bewässert die Felder mit fruchtbarem Schlamm und erhöht dadurch das Einkommenspotential der Bauern. Weil aber die Steuerbelastung vom Nilometer abhing und nicht vom Einkommen direkt, hatte die Nilschlammsteuer keine negativen Leistungsanreize.

In diesem Sinn und Geist schlagen drei amerikanische Ökonomen in einem 2009 erschienenen Papier vor, die Körpergrösse zu besteuern. Sie argumentieren wie folgt: Grosse Menschen verdienen im Durchschnitt mehr (das ist statistisch tatsächlich so), d.h. sie haben ein grösseres Einkommenspotential. Mit der Besteuerung der Körpergrösse wird also – wie von der Optimalsteuertheorie postuliert – die Fähigkeit, Einkommen zu erzielen, nicht aber das Einkommen direkt besteuert.

Ob die Autoren den Vorschlag nur als Anschauungsbeispiel sehen oder ob sie den Vorschlag tatsächlich ernst meinen, sei dahingestellt. Klar ist, dass der Besteuerung der Körpergrösse in der Liste der kuriosesten Steuern der Geschichte ein Platz in den vorderen Rängen gewiss wäre. Die Nilschlammsteuer der Pharaonen war aber mindestens so raffiniert.

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