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Der beschwerliche Weg aus dem Gleichgewicht des Schreckens
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Der beschwerliche Weg aus dem Gleichgewicht des Schreckens
Sonntag, 05. Juni 2016

«Yes, we can», meinte Obama nach seiner Wahl zur Schaffung einer Welt ohne Nuklearwaffen. Doch die Gesetze der Weltpolitik waren bisher stärker als der redliche Wunsch des US-Präsidenten.

Atombombentest «Romeo» am 27. März 1954 auf dem Bikini-Atoll. Bild: Wikimedia

Am 5. April 2009, einige Monate nach seiner Wahl zum US-Präsidenten, präsentierte Barack Obama anlässlich einer vielbeachteten Rede in Prag seine Vision einer atomwaffenfreien Welt. Davon angebtrieben, rief er den Nuklearen Sicherheitsgipfel ins Leben, der seit 2010 alle zwei Jahre tagt. Ironischerweise hat die USA mit 4 670 nuklearen Sprengköpfen (davon knapp 60% in Reserve) knapp vor Russland das grösste Atomwaffenarsenal der Welt. In den nächsten 30 Jahren sind zudem umfangreiche Investitionen in die Modernisierung des eigenen Atomwaffenprogramms geplant. Meint es der US-Präsident also gar nicht ernst mit seiner Vision?

Vermutlich schon, denn der Wunsch nach kollektiver Abrüstung und eigener Aufrüstung sind keineswegs Widersprüche. Mehr noch, es ist das Lehrbuchbeispiel eines Gefangenendilemmas, bei welchem jeder einzelne rational handelt aber im Kollektiv für alle Beteiligten ein höchst unbefriedigendes Ergebnis resultiert. Es vermag entsprechend kaum zu erstaunen, dass Obamas Abrüstungspolitik bisher kaum Früchte getragen hat. Denn wer die Welt von Atomwaffen befreien will, muss zuerst die Problematik des Gefangendilemmas lösen.

«Wer zuerst schiesst, stirbt als Zweiter»

Der Sachverhalt lässt sich am besten anhand der atomaren Aufrüstung von zwei Ländern darstellen. Im kalten Krieg standen sich die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten gegenüber. Beide hatten im Wesentlichen zwei Strategien zur Auswahl: Sie konnten ein Nuklearwaffenarsenal aufbauen, welches das Auslöschen des jeweiligen Kontrahenten ermöglicht oder auf eine entsprechende Bewaffnung verzichten. Nennen wir die zwei Strategien «nuklear aufrüsten» und «nuklear abrüsten».

Wenn sich beide Parteien entweder für «nuklear abrüsten» oder «nuklear aufrüsten» entscheiden, sind die Kräfteverhältnisse ausgeglichen. Im ersten Fall hat keine Kriegspartei die Möglichkeit, seinen Rivalen im Handstreich auszulöschen. Im zweiten Fall besteht eine permanente Furcht vor einem nuklearen Erstschlag und folgenden Retaliationsmassnahmen. Wenn nur eine Seite nuklear aufrüstet, dann ist diese die alleinige nukleare Supermacht. Das Wettrüsten im kalten Krieg lässt sich anhand der folgenden Spielmatrix darstellen:

Die Amerikaner müssen sich unabhängig von der Strategie der Sowjetunion für eine Strategie entscheiden. Sie müssen dazu zwei Fälle berücksichtigen:

  1. Die Sowjetunion rüstet nuklear ab: In diesem Fall könnten die USA durch den Verzicht auf Kernwaffen eine atomwaffenfreie Welt schaffen. Doch es winkt die Verlockung, durch den Aufbau eines eigenen Atomwaffenarsenals zur alleinigen nuklearen Supermacht zu werden und die Zügel der Weltpolitik fest in der Hand zu halten.
  2. Die Sowjetunion rüstet nuklear auf: In diesem Fall steht die westliche Grossmacht bei einem Verzicht auf Atomsprengköpfe wehrlos dem sowjetischen Atomwaffenprogramm gegenüber. Um mindestens ausgeglichene Kräfteverhältnisse herzustellen, müssen die Amerikaner mitziehen und ebenfalls aufrüsten. Dadurch hat man eine glaubwürdige Drohung in der Hand, im Falle eines sowjetischen Erstschlags vernichtend zurückschlagen zu können.

Was sollen die Amerikaner also tun? Zur Beantwortung der Frage braucht man keine Spione jenseits des Eisernen Vorhangs, denn die Strategie «nuklear aufrüsten» ist die beste Strategie unabhängig davon, was die Sowjetunion macht. Das Spiel ist symmetrisch, d.h. dieselben Überlegungen gelten gleichermassen aus Sicht der Sowjetunion. Die nukleare Aufrüstung ist daher für beide Seiten eine dominante Strategie. Im Ergebnis bauen beide Blöcke ihr Kernwaffenarsenal auf. Es resultiert das Gleichgewicht des Schreckens. Auf beiden Seiten begleitet die Angst vor einem nuklearen Erstschlag der Gegenseite den Alltag.

Es ist ein Dilemma, weil alle glücklicher wären, wenn man sich auf nukleare Abrüstung einigen könnte. Doch dies ist einfacher gesagt als getan. Wie weiss ich als USA oder Sowjetunion, dass sich die andere Partei an eine entsprechende Abmachung hält? Wenn ich tatsächlich abrüste und die andere Streitpartei das Atomprogramm im Verborgenen weiterführt, dann bin ich am Schluss schutzlos einer nuklearen Übermacht ausgeliefert. Zur Sicherheit behalte ich deshalb ebenfalls einige atomare Trümpfe im Ärmel.

Im heutigen geopolitischen Umfeld kommt erschwerend noch hinzu, dass neben den zwei Hauptkontrahenten des kalten Kriegs auch China, Frankreich, Grossbritannien, Indien, Pakistan und Israel zu den Atommächten zählen. Zudem steht Nordkorea in dringendem Verdacht, sich mit entsprechenden Geschossen bewaffnet zu haben. Eine Einigung auf die individuell irrationale Strategie «nuklear abrüsten» muss daher gleichzeitig zwischen mehreren, teilweise verfeindeten Parteien erfolgen. Der Weg aus dem Gefangenendilemma des Schreckens ist daher steiniger denn je. Präsident Obama wird wohl Recht bekommen mit seiner Einschätzung anlässlich der besagten Rede, dass er die atomwaffenfreie Welt selber nicht mehr erleben werde.


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David Staubli,
Ökonom, MSc der Universität Basel, Doktorand und Lehrassistent an der Universität Lausanne.

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

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