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Piketty zum Mitreden
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Piketty zum Mitreden
Montag, 30. Juni 2014

Piketty’s Buch «Capital in the 21st Century» führt Bestsellerlisten an, TV-Stationen und Medien reissen sich um den Franzosen. Worum geht es eigentlich? 6 Fragen und Antworten, um mitreden zu können.

Thomas Piketty (43) an einer Lesung. (Bild: Wikimedia/Sue Gardner)

Sein Buch führt Bestsellerlisten an. Dennoch, der französische Wirtschafsprofessor Thomas Piketty macht sich keine Illusionen. «Einige Käuferinnen und Käufer werden mit dem 1000-Seiten-Werk eher ihr heimisches Bücherregal schmücken, als es von A bis Z durchzulesen», vermutet der 43-jährige Ökonom – wohl nicht ganz zu unrecht. Sollten Sie auch in diese Gruppe gehören: Hier können Sie sich in kurzer Zeit über die wichtigsten Punkte schlau machen.

1. Worum geht es in Piketty’s Buch «Capital in the 21st Century»?

Es geht um Ungleichheit. Insbesondere um die Vermögensungleichheit, die gemäss Piketty wieder ein ähnlich aristokratisches Ausmass angenommen hat wie im 19. Jahrhundert. Heute wie damals gebe es eine kleine Gruppe extrem reicher Menschen, die über einen mächtigen Teil aller Vermögenswerte verfüge, während der viel grössere Teil der Menschen nicht mehr als die eigene Arbeitskraft besitzt. Überspitzt formuliert: Reich wird, wer Vermögen erbt und nicht, wer hart arbeitet.

2. Was ist neu an dieser Erkenntnis?

Die Erkenntnis, dass die Ungleichheit in einigen – vor allem den englischsprachigen Ländern – in den letzten drei Jahrzehnten zugenommen hat, ist nicht neu. Neu ist jedoch, dass Piketty aufgrund von historischen Daten zu beweisen glaubt, dass die Ungleichheit in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem zwangsläufig zunehmen muss.

3. Was bedeutet «r > g» und wieso steigt die Vermögensungleichheit?

Die Formel «r > g» soll zeigen, dass die Vermögensschere immer weiter auseinandergehen muss. Mit «r» grösser als «g» meint Piketty, dass die Kapitalrendite «r» in der Weltgeschichte fast immer grösser war als das Wirtschaftswachstum «g». Zumindest widerspiegeln dies seine Daten.

Fakt ist: Kapital ist immer und überall deutlich ungleicher verteilt als das Einkommen. Wächst das Kapital schneller als die Wirtschaft, was «r > g» impliziert, wird eine Gesellschaft irgendwann ungleicher. Dabei geht man davon aus, dass Kapitalerträge zum grössten Teil wieder investiert werden: Das Vermögen der Reichen wächst und wirft so immer noch höhere Erträge ab.

Menschen, die kein grosses Vermögen erben und nur Lohn erhalten, können zwar auch einen Teil ihres Einkommens sparen und so Vermögen aufbauen. Wenn aber das Vermögen schneller wächst, als die Wirtschaft, werden sie diejenigen mit viel geerbtem Vermögen mit grösster Wahrscheinlichkeit nie einholen können. Auch eine gute Ausbildung und Fleiss helfen da wenig.

Das heisst auch, dass die in letzter Zeit oft diskutierten Lohnunterschiede zwischen Managern und Büezern gar nicht so sehr ins Gewicht fallen. Wichtiger als die Verteilung innerhalb der Arbeitseinkommen ist das zunehmende Gewicht der Einnahmen aus Kapital wie Zinsen, Dividenden oder Mieten. Das ganze Einkommen einer Volkswirtschaft kann unterteilt werden in Arbeits- und Kapitaleinkommen. Wobei der Anteil des Kapitaleinkommens am Gesamteinkommen seit den späten 70er Jahren auf Kosten des Arbeitseinkommens sinkt.

Die Konzentration der Vermögen wird zudem verstärkt, weil Reiche es sich eher leisten können, risikoreich zu investieren und dadurch eine höhere Rendite erzielen können, als der einfache Sparer. Kommt hinzu, dass die Anzahl Kinder und somit auch die Anzahl Erben abnimmt und der Reichtum so auf wenige Köpfe verteilt wird.

4. Wieso der Hype?

Das Buch erschien zuerst in Frankreich und war zwar schon dort erfolgreich. Einen richtigen Piketty-Hype gab es aber erst Monate später in den USA. Offenbar fiel das Buch dort auf fruchtbaren Boden, schliesslich hat die Ungleichheit in den USA für ein westliches Land ein sehr hohes Ausmass erreicht. Vor allem von Linksintellektuellen wird es als endgültige Bestätigung ihrer Thesen gefeiert.

Doch auch eher konservative Ökonominnen und Ökonomen messen dem 1,2 Kilogramm schweren Buch des Franzosen eine hohe Bedeutung bei. Auch wenn sie nicht mit seinen Theorien übereinstimmen mögen, anerkennen sie dennoch die Leistung der aufwendigen Aufarbeitung historischer Daten aus über 30 Ländern und über fast 2000 Jahren.

5. Welche Lösungen schlägt Piketty vor?

Piketty in den Topf der radikalen Kapitalismusgegner zu werfen, würde zu kurz greifen. In diversen Interviews macht der eher links stehende Ökonom auf die vielen Vorteile des Kapitalismus aufmerksam und räumt gleichzeitig ein, dass die Ungleichheit zwar bedenklich, aber zumindest in Europa gegenwärtig kein Problem mit höchster Priorität ist. 

Dennoch, ähnlich wie bei der Erderwärmung, sollte man besser heute etwas tun, als morgen. Er schlägt vor, eine weltweite Vermögenssteuer einzuführen und gesteht jedoch gleich selbst ein, dass diese Idee zur Zeit utopisch ist.

Theoretisch würde die Ungleichheit auch abnehmen wenn, das Wirtschaftswachstum über der Kapitalrendite liegen würde. Doch die langfristige Kapitalrendite liegt gemäss Piketty zwischen vier und fünf Prozent. Dass entwickelte Volkswirtschaften eine solch hohe Wachstumsrate erreichen, ist äusserst unwahrscheinlich. Nur zu Beginn einer wirtschaftlichen Entwicklung oder nach Kriegen und Katastrophen – wie nach dem 2. Weltkrieg –  wurden solche Wachstumsraten realisiert. Es bleibt allerdings abzuwarten, wie sich die aktuelle Niedrigzinspolitik auf die Vermögensverteilung auswirkt.

6. Was sagen Kritiker?

Eher langweilig und mit einem ideologischen Beigeschmack sind die Anschuldigungen, dass Piketty‘s Daten und Berechnungen fehlerhaft sind. Fakt ist: Ungleichheitsvergleiche sind schon mit aktuellen Daten nicht trivial, noch schwieriger wird es mit historischen Daten.

Auch Fehler in Berechnungen können vorkommen. Jedoch kann man Piketty keine mangelnde Transparenz vorwerfen. Auf seiner Internetseite stellt er sämtliche Daten zur Verfügung. Wer Lust hat, dem steht also nichts im Wege, an einem verregneten Nachmittag selbst nachzurechnen.

Spannender sind andere Stimmen. Insbesondere solche, die kritisieren, dass Piketty eine zu hohe Ungleichheit grundsätzlich als Problem ansieht und diese bekämpfen will. Aus moralphilosophischen Überlegungen ist dagegen nichts einzuwenden. Die meisten seiner Gegner gestehen auch ein, dass die Ungleichheit heute womöglich gleich gross ist wie im 19. Jahrhundert. Dennoch stellen sie die Frage, ob die Situation heute wirklich gleich schlimm ist wie damals. Schliesslich beruht der Vergleich auf relativen Werten. Geht es heute nicht allen – auch den Armen – wesentlich besser als im 19. Jahrhundert?

Allerdings: Auch Piketty plädiert nicht für eine Gesellschaft ohne Ungleichheit. «Bis zu einem bestimmten Punkt ist Ungleichheit förderlich für Wachstum und Innovation», erklärt er in Interviews. Doch wo dieser optimale Punkt liegt, lässt sich nicht einfach eruieren und liegt vermutlich in einem Ermessensspielraum, der je nach ideologischer Gesinnung mal höher und mal tiefer liegt.

Auch Piketty‘s angebliche Weltformel «r > g»  wird kritisiert. Interessanter als die Diskussionen über die Korrektheit der Formel, sind viel mehr die grundsätzlichen Vorbehalte gegenüber solchen starren Gesetzmässigkeiten in der Ökonomie. Denn diese ist keine exakte Wissenschaft und ihre Theorien sind stets ein Produkt ihrer Zeit. Sowohl bei der Lektüre des Buches, als auch beim Verfolgen der Debatte über dieses, tut man gut daran im Hinterkopf zu behalten, dass ökonomische Erkenntnisse – sind sie auch noch so gut durch empirische Befunde abgesichert – selten ganz frei von ideologischer Färbung niedergeschrieben werden.

Thomas Piketty. Capital in the Twenty-First Century. Harvard University Press. 2014. Erscheint im Herbst 2014 auf Deutsch.

Lesen Sie auch: Gute und schlechte Ungleichheit oder der Preis der Ungleichheit

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Für das iconomix-Team
Patrick Keller

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Kommentare

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Michael von Bock - Eifach guet

Danke Herr Keller. Sie haben es wieder mal auf den Punkt gebracht!

30.06.2014 Antworten