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Das Ende der Arbeit
Montag, 17. März 2014

Eine kleine Elite wird einen gut bezahlten Job haben. Alle anderen werden arbeitslos sein oder in einem miesen Job ihr Dasein fristen. Weshalb wird in den USA das Ende des Mittelstands verkündet?

Bild: Wikipedia

Haben Sie schon mal etwas von der automatischen Hamburgermaschine gehört? Oder vom Pflege-Roboter, der Patienten nach dem Essen den Mund abwischt und ihnen die Bettdecke zurechtzieht? Waren Sie schon durstig und haben gehofft, jemand würde dies bemerken und noch etwas Bier nachschenken? Kein Problem für den Butler-Roboter. Neue Maschinen und Roboter werden uns in Zukunft das Leben angenehmer machen und uns Arbeit abnehmen.

Quadratisch, praktisch, gut – diese Roboter? Nur für wenige von uns. Zumindest was unsere zukünftige Gehalts- und Beschäftigungssituation angeht. Dies verkünden Bücher, die sich in den USA in den vordersten Rängen der Bestsellerlisten tummeln. In Tyler Cowens «The Average ist Over» oder Erik Brynjolfsson und Andrew McAfees «Race Against the Machine» wird argumentiert, dass die meisten Jobs in naher Zukunft schlicht überflüssig werden, weil sie günstiger durch Roboter, Software oder den Kunden selbst ausgeführt werden können.

Nichts Neues?

Die Angst davor unnütz zu werden ist nicht neu. Zu Beginn der industriellen Revolution waren es die Bauern, etwas später die Industriearbeiter und heute sind es die Menschen im sichergeglaubten Dienstleistungssektor, die um ihren Job bangen müssen.  

Alles schon gehabt? Nicht ganz, meinen die Autoren. Die Geschwindigkeit dieser aktuellen Entwicklung ist um ein Vielfaches höher. Dies macht die Anpassung, zum Beispiel das Erlernen von neuen Fähigkeiten, schwieriger.

Ausserdem werden dieses Mal nicht nur die «Büetzer» von den Folgen betroffen sein. Auch akademische Berufe wie Lehrerinnen, Ärztinnen und Anwälte – die bis anhin meist von strukturellen Veränderungen verschont wurden – werden getroffen. Immer besser werdende Software wird es möglich machen, auch wissensintensive Jobs zu ersetzen, so Cowen.

Während die Bauern im 19. Jahrhundert Zuflucht in der Industrie fanden und die Industriearbeiter später im Dienstleistungssektor, ist unklar, wo die wegrationalisierten Stellen im Dienstleistungssektor wieder geschaffen werden sollen. Tyler Cowen ist aber der Ansicht, dass es weiterhin genügend Arbeit geben wird. Es findet «lediglich» eine Verschiebung innerhalb des Dienstleistungssektors statt.

Diese Verschiebung hat es aber in sich, führt sie doch dazu, dass der Mittelstand wegfällt. Sprich, ein Grossteil der heute gut bezahlten Jobs wird nicht mehr konkurrenzfähig mit den Maschinen sein. Viele Menschen werden ins Tieflohnsegment abwandern müssen. Jobs anzubieten lohnt sich nur, wenn Menschen die Arbeit günstiger oder besser verrichten, als ihre maschinelle Konkurrenz.

Sieg für Freaks, Superstars und Kapital

Eine Umwälzung bringt immer Gewinner und Verlierer mit sich. Rund 15 Prozent der amerikanischen Bevölkerung werden gemäss Cowen in Saus und Braus leben. Dies sind zum einen die hochqualifizierten Technikfreaks – diejenigen, die fähig sind mit Maschinen zu kooperieren und diese zu entwickeln.

Zum anderen sind es die Superstars aus Musik und Sport. Stars im Stile von Madonna, Roger Federer und Heidi Klum dürfen sich weiterhin freuen. Globale Abnehmermärkte ermöglichen ihnen gigantische Gehaltsmöglichkeiten. In diesem Zusammenhang sprechen die Autoren von einem «The-Winner-Takes-it-all»-Markt: Nur ganz wenige schaffen es nach oben. Wenn sie es aber schaffen, können sie so richtig absahnen.

Ebenfalls zu den Gewinnern gehören Menschen mit Kapital. Sie können in die neuen Technologien investieren und mit deren Rendite ein gutes Einkommen erzielen.

«Bullshit-Jobs»

Es gibt heute diverse Anzeichen dafür, dass der Faktor Arbeit zunehmend an Bedeutung verliert. So hat der Anteil des Kapitaleinkommens im Vergleich zum Anteil des Arbeitseinkommens in den letzten 30 Jahren in vielen Ländern zugenommen. Ein immer grösserer Teil des Einkommenswachstum wird über Kapital generiert. Dies spricht dafür, dass immer mehr Arbeit von Maschinen verrichtet wird.

Was heisst das genau? Haushalte können auf zwei Arten Geld einnehmen. Sie erhalten Löhne, Boni oder Vergütungen indem sie zur Arbeit gehen (Arbeitseinkommen) oder sie erhalten Zinsen, Dividenden oder Kapitalgewinne auf ihr zur Verfügung gestelltes Kapital (Kapitaleinkommen). Der Anteil des Arbeitseinkommens am gesamten Einkommen, also Arbeits- und Kapitaleinkommen, lag bis in die 80er Jahre bei ungefähr 70 Prozent und ist in den letzten Jahren gesunken.

Radikal ist die Ansicht des Occupy-Aktivisten und Anthropologen David Graeber. Seiner Auffassung nach tun die meisten tief- bis mittelbezahlten vor dem Bildschirm arbeitenden Angestellten heute nichts, was irgendeinen ökonomischen Nutzen hätte. «Bullshit-Jobs» nennt er diese Art von Arbeit, die die «herrschende Klasse» nur anbiete, um die Leben der anderen zu kontrollieren.

Auch der weniger radikal gesinnte Denker Larry Summers, ehemaliger Finanzminister der USA unter Bill Clinton, empfindet es als beängstigend, dass in den USA der Anteil der Arbeitenden momentan auf dem tiefsten Stand seit 1978 ist. Er sieht einen langfristigen Trend in reichen Ländern zu einer geringeren Arbeitsquote. Während in den 60er Jahren noch 5 Prozent der Männer nicht berufstätig waren, werden es in 10 Jahren rund 15 Prozent sein, prognostiziert Summers.

Dass die neuen Technologien wahrscheinlich mehr Stellen zerstören, als sie neue schaffen, würde erklären, weshalb in den USA die Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau verharrt und die Löhne tief bleiben, trotz der eigentlich hohen technischen Kreativität und der anziehenden Konjunktur. Für Tyler Cowen ist klar: Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise wurden in den USA viele Jobs gestrichen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass diese Stellen nach der Krise wieder geschaffen werden. Sie wurden schon durch Computer ersetzt.

Die Schweiz kann – zumindest vorübergehend – aufatmen. Hier ist der Anteil des Einkommens, das durch Arbeit generiert wird, nach wie vor hoch. Danken müssen wir dafür gemäss der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH unserem Berufsbildungssystem. Lehrabgänger in der Schweiz sind äusserst gut auf neue Technologien angepasst und werden daher weniger durch Kapital (Maschinen) ersetzt. Ein weiterer Vorteil ist der relativ flexible Arbeitsmarkt. Dadurch ist der Faktor Arbeit relativ gesehen günstiger und so weniger anfällig, durch Kapital ersetzt zu werden.

Kaffeesatzlesen

Sollten diese Szenarien wirklich eintreten, würde eine starke Polarisierung stattfinden. Die Einkommens- und Vermögensungleichheit würde sich weiter vergrössern. Es ist absehbar, dass dies im Rahmen des politischen Prozesses zu mehr Umverteilung führen wird. Nicht absehbar ist, was die gesellschaftlichen Folgen sind.

Müssen wir wirklich arbeiten, wenn es keine Arbeit mehr gibt? Würde in diesem Rahmen ein staatlich gesichertes Grundeinkommen Sinn machen? Braucht der Mensch die Arbeit nicht auch für mehr als die reine finanzielle Existenzsicherung?

Vieles ist ungewiss, aber eines steht fest: Dies alles sind Prognosen. Der unfehlbare, zukunftsvorhersagende Ökonomie-Roboter wurde noch nicht erfunden.

Lesen Sie auch: Ende des Wachstums oder gute und schlechte Ungleichheit.

Für das iconomix-Team
Patrick Keller 

Cowen, Tyler (2013). Average Is Over: Powering America Beyond the Age of the Great Stagnation, Penguin Books, New York.

Brynjolfsson, Erik und Andrew McAfee (2011). Race Against the Machine, Digital Frontier Press, Lexington, Massachusetts.

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Kommentare

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Peter Bausch - Kreativität ist gefragt!

Die Zeit wo man sich einfach ausruhen kann ist schon lange vorbei. Eine neue Situation bringt dem Menschen hoffentlich wieder eine grössere Kreativität zu. Es wird immer wieder neue Aufgaben geben wo zuerst nur der Mensch die Arbeit verrichten kann und später von einer Maschine abgelöst wird. Dies war wirklich schon immer so!

 

Wenn es die Mittelschicht nicht mehr geben soll, wer bitte soll dann die abartigen Preise für die Konzerte und Sportveranstaltungen der Superstars bezahlen ? Wiso sollte es diesen dann besser gehen als den anderen? Diese Aussage verstehe ich nicht!

 

Wenn keine Arbeit mehr da ist, wird der Mensch auch nicht mehr arbeiten und es wird sich etwas Neues entwickeln um sich Wohlstand zu verschaffen.

24.03.2014 Antworten

Franziska Peter - Sprachlos

Dieser Artikel lässt einem nachdenklich stimmen.

Es wäre verehrend wenn dies wirklich eintreffen würde. Wir Menschen wären nutzlos und würden uns von den Robotern lenken lassen. Wir könnten keine Entscheidungen mehr treffen, alles passiert automatisch durch die „schlauen“ Roboter.

Ich hoffe für mich persönlich, dass ich diese Ära nicht mehr erleben werde.

Es ist tragisch, dass jedes Unternehmen immer mehr und mehr Gewinne erzielen will und dabei keine Rücksicht auf die Menschen, Umwelt, Tiere etc. nimmt. Irgendwann muss doch mal Schluss sein.

24.03.2014 Antworten