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Exodus: Migration ökonomisch betrachtet
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Exodus: Migration ökonomisch betrachtet
Donnerstag, 31. Oktober 2013

Immigrationsdebatten sind voller Ignoranz und Vorurteile. Immigration ist weder gut noch schlecht – es kommt auf die Menge an, so der Ökonom und Afrikaexperte Paul Collier.

Ein Flüchtlingsboot vor Lampedusa. (Bild: Wikipedia)

Unter Migration versteht man den dauerhaften Wohnortswechsel von Menschen. Zur Zeit gelten weltweit ungefähr 216 Millionen Menschen als Migranten. Das sind rund 3 Prozent der Weltbevölkerung. Rund 8 Prozent davon sind Asylanten.

«Ich war dumm genug dieses heisse Thema anzugehen», sagt Paul Collier in einem Interview. Geht es um Einwanderung wird es schnell emotional. Der Afrikaexperte und Entwicklungsökonom der Oxford University versucht sich in seinem neuen Buch «Exodus» dem Thema mit ökonomischem Kalkül zu nähern.

Die richtige Frage lautet nicht, ob Migration gut oder schlecht ist, sondern: «Wie viel Migration nützt wem?» Was bringt Emigration den Übriggebliebenen in den Heimatländern oder den einheimischen Einwohnern im Zielland? Und wie sieht die Bilanz für die Migranten selbst aus?

Die Migranten: Produktiver in Deutschland als in Nigeria

Wer von einem armen in ein reiches Land auswandert, bezahlt erstmals. Die Reise und eine allfällige Vermittlung ist relativ teuer. Emigranten, die sich diese «Investition» leisten können, gehören deshalb nicht zu den ärmsten Menschen ihres Landes. Auswanderung ist gemäss Collier in erster Linie ein Thema für Menschen der Mittelschicht, die sich diese Investition überhaupt erst leisten können. Und diese Mittelschicht ist in den letzten Jahrzehnten auch in armen Ländern gewachsen, weshalb Migrationsbewegungen überhaupt erst zunahmen.

Aber, die Investition zahlt sich in der Regel aus. Weil die Produktivität der Migranten in einem reichen Land höher ist, können sie mit einem höheren Lohn rechnen: Sie erhalten in der neuen Heimat Löhne, die ungefähr dem Niveau des reichen Landes entsprechen. Und dieses liegt bis zu 10 mal höher.

Weshalb sind Menschen in einem anderen Land plötzlich produktiver? Grund: Sie können aus den nicht funktionierenden sozialen Strukturen des Heimatlandes ausbrechen. Nimmt ein reiches Land Migranten auf, profitieren diese von der guten Regierungsführung und der Herrschaft des Rechts – oder allgemein: den guten Institutionen. Der selbe Fabrikarbeiter produziert in Nigeria weniger als in Deutschland, weil die Umgebung in Nigeria wenig förderlich für produktives Arbeiten ist: Der Strom fällt oft aus, Ersatzteile werden nicht rechtzeitig geliefert und das Management ist damit beschäftigt, Beamte zu bestechen.

Der Lohn der Migranten hängt auch davon ab, wie viele andere Migranten im Land sind. Andere Migranten sind Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt. Sei es wegen Diskriminierung, Sprachschwelle oder fehlendem Verständnis von sozialen Konventionen: Migranten bilden eine von den einheimischen Arbeitnehmenden abgekoppelte Gruppe. Sie konkurrieren nicht in erster Linie mit der heimischen Bevölkerung, sondern mit den anderen Migranten. Zusätzliche Immigration führt deshalb dazu, dass die Löhne der Migranten sinken.

Die Herkunftsländer: China profitiert, Haiti verliert

Für die armen Herkunftsländer fällt die Bilanz gemischt aus. Auch sie profitieren bis zu einem gewissen Grad von der Emigration. Emigranten senden Geld und gute Ideen nach Hause. Geschichten von Emigranten über den Lebensstandard in der reicheren Welt können den Daheimgebliebenen auch Anreize liefern, sich anzustrengen, in der Aussicht auf ein ähnliches Leben mit höherem Wohlstand.

Emigration von gebildeten Leuten schadet den ärmsten Ländern, so Paul Collier. Hier eine Wohnsiedlung in Haiti. (Bild: Wikipedia)

Wenn allerdings zu viele gebildete Menschen auswandern, schadet dies den armen Ländern. Schliesslich hätte ihre Wirtschaft gebildete Personen bitter nötig. Dabei spricht man von «brain drain», also von der Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte. In Haiti sind zum Beispiel 85 Prozent der jungen, gebildeten Bevölkerungsschicht ausgewandert.

Grosse, aufstrebende Volkswirtschaften wie China, Indien oder Brasilien profitieren von Emigration. Für sie überwiegt der Effekt der zusätzlichen Anreize und frischen Ideen. Die Abwanderung von ein paar Fachkräften fällt hier angesichts der Grösse nicht besonders ins Gewicht.

Die Zielländer: Kulinarische Spezialitäten und Misstrauen

Immigranten sind für die Einheimischen meist keine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Frische Köpfe mit neuen Ideen und günstige Arbeitskräfte machen lokale Firmen produktiver. Durch die höheren Gewinne dieser Firmen steigt die gesamte Wirtschaftsleistung und so auch das Einkommen für die einheimische Bevölkerung.

Auch in der Schweiz finden sich solche Beispiele. Es waren findige Einwanderer wie Henri Nestlé, Franz Saurer oder Charles Brown und Walter Boveri die in der Schweiz gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch heute wohlbekannte Firmen gründeten. Aber auch diese sind nur in die Schweiz gekommen, weil ihnen hier ein Umfeld geboten wurde, in welchem sie ihre unternehmerischen Ideen umsetzen konnten.

Die Zielländer haben bis jetzt mehrheitlich von der Immigration profitiert. Dies könnte sich gemäss Collier aber mit einer weiteren starken Zunahme ändern. Grund für diese Annahme ist, dass ein Zuviel an Immigration den Zusammenhalt in der Bevölkerung gefährden kann.

Immigration geht stets mit einer Erhöhung der kulturellen Diversität einher. Dies hat bis zu einem gewissen Grad positive Effekte: neue Ideen und Ansichten – oder mehr Abwechslung auf dem Teller durch Kebab und Frühlingsrollen.

Diversität durch Immigration hat Vor- und Nachteile. (Bild: Wikipedia)

Ist die Diversität aber zu hoch, sinkt das Sozialkapital. Sozialkapital beinhaltet das Vertrauen und die Kooperationsbereitschaft in einer Gesellschaft. Diese sind wichtig für das Funktionieren einer Wirtschaft: Bei Geschäften gibt es auch mit aller juristischer Absicherung immer noch Möglichkeiten, den Handelspartner über den Tisch zu ziehen. Menschen brauchen also ein gewisses Grundvertrauen in die andere Person, um sich überhaupt auf Geschäfte einzulassen.

In diesem Zusammenhang verweist Paul Collier auf Robert Putnam, einen bekannten Soziologen der Oxford University. Dieser hat herausgefunden, dass wir in Gesellschaften mit hoher Diversität nicht nur Menschen misstrauen, die nicht so sind wie wir, sondern auch solchen, die so sind wie wir. Es sinkt also nicht nur das Vertrauen gegenüber den Migranten, sondern auch gegenüber der heimischen Bevölkerung. Je tiefer das Sozialkapital, desto weniger ist die lokale Bevölkerung bereit, öffentliche Güter bereitzustellen oder Umverteilungsmassnahmen durchzuführen.

Entscheidend ist dabei der Prozess der Integration. Je schneller Migranten in die neue Gesellschaft integriert werden, desto weniger wird das Sozialkapital beeinträchtigt, da die Diversität durch die Anpassung der Migranten verringert wird.

Die Effizienz der Integration hängt aber wiederum von der Menge an Immigranten ab. Je mehr Immigranten in einem Land leben, desto geringer ist deren Anreiz sich den kulturellen Gegebenheiten des Ziellandes anzupassen. Schliesslich funktioniert das alltägliche Leben auch gut in der ausländischen Parallelgesellschaft.

Paul Collier. «Exodus – Immigration and Multiculturalism in the 21st Century». Oxford University Press, 2013 (auf Englisch)

Lesen Sie auch: Hukou (户口) – oder das Problem der Migranten mit dem Wohnsitz oder Die neue Globalisierung

Zum Thema:

Für das iconomix-Team
Patrick Keller

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