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Samuel Berger, Sonntag, 12. Februar 2017, 00:02

Freihandel – Spielball der Politik

Donald Trump wurde mit protektionistischen Wahlversprechen zum Präsidenten der USA. Auch andere Politiker sind mit globalisierungskritischen Voten erfolgreich. Dazu gibt es historische Parallelen.

Container im Hafen von Antwerpen. Bild: pixabay – olafpictures (CC)

Arbeitsteilung und freier Handel steigern die Wohlfahrt. Volkswirtschaften, die sich auf die Produkte spezialisieren, die sie effizient herstellen können und diese mit Handelspartnern gegen andere Güter tauschen, erzielen mehr Reichtum, als wenn jedes Land alles Nötige selber produzieren muss.

Soweit die bekannte Kernaussage der Handelstheorie vom komparativen Vorteil. Wenn die USA Ressourcen aus der früheren Schwerindustrie für die Entwicklung von IT-Technologien im Silicon Valley einsetzen und dafür Stahl aus China importieren, profitieren beide Länder. Die erzielten Gewinne im jeweils stärkeren Sektor (IT-Technologie aus Sicht der USA) sind grösser als die Verluste in der schwächeren Branche (Schwerindustrie). Freier Handel ist darum aus Sicht der meisten Ökonomen eine gute Sache.

Das Problem dabei: Die amerikanischen Stahlarbeiter, die ihre Jobs verlieren, können diese positive Sichtweise kaum teilen. Ökonomen antworten auf diesen Einwand üblicherweise, dass die Gewinne im jeweiligen Exportsektor gross genug sind, um auch die Verlierer aus dem Importsektor zu beteiligen. Die Kosten der Globalisierung können also mittels Umverteilung aufgefangen werden.

In den letzten 20 Jahren kommen vermehrt Ökonomen zu Wort, die diese theoretische Sichtweise hinterfragen. Ein Pionier in diesem Bereich ist der globalisierungskritische Harvard-Ökonom und Politologe Dani Rodrik. Seine Thesen zu den paradoxen Wechselwirkungen zwischen wirtschaftlicher Globalisierung und nationalstaatlich ausgerichteter Politik waren wiederholt Thema im iconomix-Blog (hier und hier).

In seinem 1997 erschienenen Buch «Has Globalization Gone Too Far?» (ENG, DE) argumentiert Rodrik, dass die Umverteilung von den Gewinnern der Globalisierung zu den Verlierern eine wirtschaftspolitische Herausforderung darstellt, die in Amerika ungenügend erfüllt wird. Dadurch entstehe ein immer tieferer Graben zwischen Menschen, die die Bildung und Fähigkeiten besitzen, um auf globalen Märkten zu bestehen, und jenen, die diese Voraussetzungen nicht erfüllen. Verständlicherweise lehnten diese die Globalisierung immer vehementer ab und verträten diese Haltung auch politisch. Die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA scheint diese Prognose zu bestätigen.

Eine historische Perspektive

Der aktuelle politische Widerstand gegen Freihandel ist nicht einzigartig in der Wirtschaftsgeschichte. Der britische Historiker und Ökonom Kevin O’Rourke zieht Parallelen zum Protektionismus in Europa gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

So wie sich die Welt über die vergangenen Jahrzehnte dank Containertransport, Internet und Satellitentechnologie dramatisch verkleinert hat, haben technologische Entwicklungen wie die Eisenbahn, Dampfschiffe und der Telegraph seit dem frühen 19. Jahrhundert die globalen Transportkosten stark gesenkt. In der Folge nahmen die internationalen Handelsströme rasant zu (erste Phase der modernen Globalisierung). Europa wurde insbesondere mit billigem Getreide aus Amerika, der Ukraine und Russland überschwemmt.

Während heute vor allem wenig qualifizierte Arbeiter in westlichen Industrieländern zu den Verlierern gehören, sahen sich damals europäische Grundeigentümer und Bauern einer internationalen Konkurrenz ausgesetzt, gegen die sie nicht bestehen konnten. Auch sie machten ihren politischen Einfluss geltend, erzwangen unter anderem in Frankreich und Deutschland protektionistische Zölle. Die USA ihrerseits erliessen Einführzölle auf Industriegüter. Damit endete ab ca. 1880 die vorhergehende Phase weltweit liberaler Handelspolitik.

Importzölle auf Weizen (a), Roggen (b), Hafer (c) und Gerste (d). Quelle: R. Findlay, K. O’Rourke, Power and Plenty, Princton University Press, 2007.

Aus heutiger Sicht interessiert die Frage, welche mittel- bis langfristigen Auswirkungen die Abkehr vom Freihandel im späten 19. Jahrhundert hatte. Nachfolgende Grafik zeigt das Wachstum des globalen Handelsvolumens seit 1800. Es fällt auf, dass der internationale Handel gegen Ende des 19. Jahrhunderts weiter zunimmt, trotz protektionistischer Zölle. Der Einbruch folgt erst mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dauert über die Zwischenkriegszeit bis 1945.

Globales Handelsvolumen (rot) und Langzeit-Trend (schwarz). Logarithmische Skala. Quelle: Federico & Tena-Junguito, World Trade 1800-2015.

Hatte die Wiedereinführung von Schutzzöllen in vielen Ländern also keine direkten Auswirkungen auf die Entwicklung der Weltwirtschaft? Dazu gibt es unterschiedliche Interpretationen. Einige Wirtschaftshistoriker sehen die ab den 1870er-Jahren eingeführten Zölle als erfolgreiche Politik, um negative Folgen der ersten Globalisierungswelle zu kontrollieren (z.B. hier). Dies habe mittelfristig die politische Unterstützung für eine relativ offene Weltwirtschaft gesichert. O’Rourke hingegen deutet die damalige Einschränkung des Freihandels als Vorgeschmack auf den Zusammenbruch der weltweiten Handelsbeziehungen in der Zwischenkriegszeit. Gesichert ist, dass damals in Europa (insbesondere auch in der Schweiz) eine Politik des landwirtschaftlichen Protektionismus begann, die bis heute andauert.

Politische Unterstützung zurückgewinnen

Inwieweit Donald Trumps Politik die Globalisierung langfristig bremsen wird, ist auch heute nicht klar. Dani Rodrik sorgt sich denn auch weniger um die gestoppten Verhandlungen zu TTIP und Trumps Kündigung des Pazifischen Freihandelsabkommen. Der Harvard-Ökonom sieht die grosse Herausforderung vielmehr darin, die politische Unterstützung für eine offene Weltwirtschaft in der amerikanischen Bevölkerung wiederherzustellen. 

Dazu bräuchten die USA gemäss Rodrik bessere Sozialversicherungen. Anders als in Europa habe man die Entwicklung des Sozialstaates komplett vernachlässigt und die Leute in den Industrien mit Importkonkurrenz, wo über die letzten 15 Jahren bis zu 2.5 Millionen Jobs verschwanden, mit ihren Problemen alleine gelassen. Vielleicht stossen diese Ideen in der US-Administration auf Gehör, falls sich erweisen sollte, dass sich verschwundene Stellen trotz Wahlversprechen nicht einfach zurückbringen lassen.


Lesen Sie auch:

Buchtipps:

  • Dani Rodrik: Die Grenzen der Globalisierung, Campus Verlag, Frankfurt, 2000.
  • Kevin O’Rourke, Jeffrey Williamson: Globalization and History, The MIT Press, London, 1999.

Mehr zum Thema:


Samuel Berger,
B.A. in Internationalen Beziehungen, Masterstudent in Wirtschaftsgeschichte und Volkswirtschaft an der Universität Zürich. Ehemaliger Praktikant bei iconomix.

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin

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