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Elisabeth Tester, Freitag, 2. Oktober 2015, 15:10

Kein Kater, aber immer weniger Taxis

Trotz des jüngsten Börsencrashs ist die Konsumentenstimmung in China gut, und der Strukturwandel ist im Gange. Doch die einhergehende effizientere Allokation von Ressourcen treibt zuweilen seltsame Blüten.

Die Taxivermittlungs-App «Didi Dache» wurde Mitte 2012 lanciert und hat heute schon 200 Millionen Nutzer. Doch wer kein Smartphone hat, wartet lange auf ein Taxi.

Mitte Juni, als ich meinen letzten Blogbeitrag aus China schrieb, war das Börsenfieber in Schanghai noch ungetrübt. Es herrschte Goldgräberstimmung, und es schien, ganz China habe bloss das Ziel, möglichst schnell viel Geld zu verdienen – mit Investitionen in Immobilien oder eben auch in Aktien. Inzwischen haben die chinesischen Aktienmärkte heftigst korrigiert, und das Wirtschaftswachstum schwächt sich weiter ab. Hat China heute einen Kater?

Nein, die Stimmung – zumindest unter den Konsumenten – ist erstaunlich gut. Denn nur knapp 10 Prozent der Bevölkerung waren im Aktienmarkt investiert, und im Durchschnitt allozieren Chinesen weniger als 5 Prozent ihres Gesamtvermögens in Aktien, dafür umso mehr in Immobilien. Und die Preise von Immobilien, der mit grossem Abstand wichtigsten Anlageklasse Chinas, sind insgesamt stabil, in den Metropolen steigen sie sogar. Die Einzelhandelsumsätze weisen zweistellige Wachstumsraten auf; die Löhne wachsen zwar langsamer als auch schon, aber immer noch zwischen 6 und 10 Prozent pro Jahr. All diese Faktoren stützen den Konsum und heben die Stimmung. Trotz – oder gerade wegen – des sich verlangsamenden Wirtschaftswachstums ist der Strukturwandel von einem investitions- zu einem konsumgetriebenen Wachstumsmodell in vollem Gange.

Ohne Smartphone kein Taxi

Zu diesem Strukturwandel gehört auch die effizientere Verwendung der Ressourcen, wobei ich beim Thema meines heutigen Beitrags bin: dem Taxifahren in Schanghai. Schon vor bald drei Jahren habe ich über meine chinesischen Taxifahrten berichtet und damals festgestellt, dass Angebot und Nachfrage wohl nirgendwo auf der Welt so gut funktionieren wie im Taximarkt Schanghai. Sobald man sich an den Strassenrand stellte und mit der ausgestreckten Hand ein wenig auf und ab wippte – wie wenn man einen imaginären Hund tätscheln würde –, rauschte ein Taxi binnen Sekunden heran. Die anschliessende Fahrt war zwar nicht immer nur eine Freude, und bei Regen schienen sich die Taxis in Luft aufzulösen, aber im Grossen und Ganzen klappte der Markt einwandfrei.

Doch 2012, das war vor grauer Urzeit, in chinesischer Zeitrechnung gesprochen. Heute ist das Angebot an Taxis um gefühlte 50 Prozent kleiner. Der Grund dafür sind nicht die kräftig gestiegenen Löhne und damit einhergehend eine höhere Nachfrage, da die Tarife nur marginal angehoben wurden. Nein, der Grund für die Verknappung des Angebots freier Taxis ist paradoxerweise die effizientere Ressourcenallokation, sprich die mobilen Taxi-Suchdienste.

Nach einer Besprechung in Schanghai’s Geschäftsviertel stehe ich an der Strasse; ich sehe unzählige leere Taxis, die zum Teil zirkulieren und zum Teil ordentlich aufgereiht am Strassenrand stehen. Wie gewohnt tätschle ich meinen Hund, wobei ich viele mitleidige Blicke der Taxifahrer ernte, denn auf so altmodische Weise kommt man heute in den mobiltelefonisierten Grossstädten Chinas nicht mehr zum Zug. Also zücke auch ich mein Smartphone und gebe auf der App «Didi Dache» mein Fahrziel ein, und wie viel ich bereit bin, über den offiziellen Tarif hinaus zu bezahlen. Umgehend erhalte ich die Nachricht, der Fahrer des Taxis SB4568 sei mit der von mir gewünschten Fahrt einverstanden. Ich klicke auf den «ok-Knopf», nehme seinen Anruf entgegen und sage ihm, wo genau ich stehe. Eine Minute später sitze ich im Taxi.

200 Millionen Fahrgäste

Die beiden grössten chinesischen Taxi-Vermittlungsdienste «Didi Dache» und «Kauidi Dache» (Dache bedeutet «ein Taxi rufen») haben sich in China seit ihrer Lancierung im Juni 2012 explosionsartig verbreitet und im Februar dieses Jahres fusioniert. Die notwendige Grundlage für ihren Erfolg waren die hohe Durchdringung der Bevölkerung mit Smartphones und deren Erschwinglichkeit. In China kann ein Smartphone bereits für 40 Dollar gekauft werden. Die beiden Vermittlungsdienste haben inzwischen fast 200 Millionen registrierte Nutzer und decken mehr als 300 Städte in China ab.

Die Kunden lieben «Didi Dache», weil die App die Taxis direkt zu ihnen bringt. Die normal lizenzierten Taxifahrer brauchen und lieben «Didi Dache», weil sie somit nicht nur den offiziellen Fahrpreis erhalten, sondern darüber hinaus eine Prämie von 5, 10, oder 15 Yuan verdienen, je nachdem wie viel der Kunde bereit ist zu bezahlen. In der Startphase dieser Dienste wurde den Taxifahrern direkt von den App-Betreibern regelmässig eine Prämie bezahlt.  «Uber» gesellte sich in China erst etwas später dazu und vermittelt heute zusätzliche Taxi-Fahrkapazitäten.

Und weshalb genau hat sich das gefühlte Angebot verknappt? Weil die am Strassenrand artig aufgereihten Taxis nicht mehr herumfahren und Kunden suchen – und somit teuren Kraftstoff verbrauchen –, sondern auf einen Fahrgast aus der Nachbarschaft warten, der ihnen die Prämie von 5 Yuan oder mehr für die Fahrt zahlt, und den sie punktgenau ansteuern können. Auch wenn ich direkt vor einem stehenden, freien Taxi stehe, darf ich meist nicht einsteigen, bevor der «Didi Dache»-Deal abgeschlossen ist. Für 5 Yuan kann der Taxifahrer in seinem Stammlokal schliesslich ein Mittag- oder ein Abendessen geniessen.

Die höhere Effizienz der Zuführung der Ressource «Taxi» durch die einschlägigen Apps hat jedoch für alle, die diese Apps nicht nutzen oder den Aufpreis nicht bezahlen wollen oder können, Nachteile. Das freie Taxiangebot hat sich spürbar verknappt. Ältere Leute und Personen, die kein Smartphone besitzen, haben heute in Schanghai Mühe, ein Taxi zu ergattern. Diese Tatsache erregt die Geister vieler Chinesen mehr als der jüngste Börsencrash.

Elisabeth Tester,
Ökonomin, Journalistin
Ehem. Chinakorrespondentin von «Finanz und Wirtschaft», Wirtschaftspublizistin «From facts to stories», lebt in Schanghai und Zürich. Spezialistin China, makroökonomische Themen und Rohstoffe.

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

Thema: China
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