Banken und Finanzkrise
Banken und Finanzkrise

Wissenstext

Banken und Finanzkrisen

Die Entstehung der Finanzkrise – ein Erklärungsversuch

Nach der Jahrtausendwende kam es in den USA zu einem beispiellosen Immobilienboom, gefolgt von einem ebenso einzigartigen Crash. Dieser infizierte schrittweise die gesamte Finanzbranche und weitete sich zu einer globalen Finanz- und Wirtschaftskrise aus.

Zwischen 2007 und 2009 fällt die Weltwirtschaft in die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Um der Krise entgegenzuwirken werden die Geldschleusen der Notenbanken weit geöffnet und milliardenschwere Konjunkturpakete beschlossen. Wie konnte es so weit kommen?

Die Vorgeschichte

Nach dem Platzen der Spekulationsblase an der US-Technologiebörse im März 2000 und den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gleitet die Weltwirtschaft in einen Konjunkturabschwung. Die US-Notenbank und andere Zentralbanken reagieren mit raschen und starken Zinssenkungen, um eine drohende Rezession zu bekämpfen.

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Die Leitzinsen bleiben über mehrere Jahre hinweg auf tiefem Niveau, sodass Geschäftsbanken ihren Kunden günstige Kredite anbieten können. Unter anderem fallen die Zinsen für Hypothekarkredite. Gerade Haushalte reagieren auf diese Situation und nehmen teils massive Kreditvolumen auf, um sich den Traum vom Eigenheim zu erfüllen. Davon profitieren wiederum Immobilienmakler, die ebenso wie die Banken in der Kreditvermittlung ein ertragsstarkes Geschäft erkennen. Alles in allem nimmt die Verschuldung im Privatsektor stark zu, insbesondere in den USA. Nicht nur Haushalte und Finanzinstitute sind am Immobiliengeschäft interessiert. Aufgrund tiefer Zinsen oder zu hoher Risiken sind viele Anlageformen für Investoren gerade wenig attraktiv. Auf dem US-Immobilienmarkt winken indes gute Renditen bei scheinbar geringen Risiken, gelten doch Immobilien traditionell als sichere Anlagen. Die in- sowie ausländische Nachfrage nach Immobilien in den USA steigt, ebenso die Häuserpreise. Der Markt boomt.

Ausweitung der Hypothekenvergabe

Durch die starke Ausweitung der Kreditvergabe werden kreditwürdige Hypothekarschuldner bald schon rar. Gleichzeitig suchen Investoren weiterhin nach Ertragsmöglichkeiten im Häusermarkt. Um dieser Nachfrage nachzukommen, senken Banken die Anforderungen an Kreditschuldner und vergeben immer häufiger Hypotheken an sogenannte Subprime-Schuldner: Haushalte, die üblicherweise als wenig kreditwürdig gelten.

Das Subprime-Segment wächst rasch: Gehörte im Jahr 2000 erst jede zwanzigste neue Hypothek zur Subprime-Kategorie, ist es 2004 bereits jede fünfte. Bei der Erschliessung des Marktes spielt die US-amerikanische Politik eine wesentliche Rolle. Einerseits beginnt die Regierung im Rahmen staatlicher Wohnbauförderung, einkommensschwache Haushalte bei einem Immobilienerwerb finanziell zu unterstützen. Andererseits sind staatlich unterstützte Hypothekarinstitute unter politischem Druck, sich stärker im Subprime-Geschäft zu engagieren.

Entwicklung neuer Finanzinstrumente

Während die Verschuldung der privaten Haushalte ab 2007 historische Höchstwerte erreicht, wird der Immobilienboom weiter angeheizt. Finanzinnovationen erlauben es den Banken scheinbar, das Hypothekargeschäft auszuweiten, ohne zusätzliche Risiken einzugehen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die sogenannte Verbriefung.

Das Ganze funktioniert so: Immobilienmakler und lokale Hypothekarinstitute vermitteln Hypotheken an Kunden. Banken kaufen diese Hypotheken, bündeln mehrere davon in einem Kreditpaket und geben auf dessen Grundlage hypothekarisch gesicherte, zinstragende Wertpapiere aus. Zur Praxis dieser Verbriefung kommt die Strukturierung von Finanzprodukten: Die Portfolios verbriefter Kredite werden in Tranchen mit unterschiedlichen Ausfallrisiken unterteilt, die von Ratingagenturen entsprechend eingestuft werden. Tranchen mit einem guten Rating können auch von Instituten wie Versicherungen und Pensionskassen gekauft werden.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Durch den scheibenweisen Verkauf der verbrieften Hypotheken erhalten die Banken zum einen neue Gelder und verringern zum anderen ihre Risiken. Diese verteilen sich auf die Investoren aus aller Welt, zu denen ebenfalls Banken gehören.

Fehleinschätzung der Risiken

Die Finanzinnovationen bergen allerdings auch einige Problemherde. Obwohl verbriefte Kreditpakete bereits seit Jahren existieren, werden neu vermehrt Subprime-Hypotheken von Schuldnern mit schlechter Kreditwürdigkeit gebündelt. Solche zweitklassigen Produkte sind mit höheren Risiken verbunden. Da diese Risiken mehrmals überwälzt und in komplexe Finanzprodukte verschachtelt werden, sind sie kaum mehr ersichtlich. Die Investoren sind daher gezwungen, den Bewertungen der Ratingagenturen quasi blind zu vertrauen. Zugleich haben sowohl die Regulierungsbehörden als auch die Ratingagenturen kaum Erfahrung mit den neuartigen Finanzinstrumenten. Folglich ist deren Handel ungenügend überwacht.

Trotz der vorhandenen Risiken bleiben die Marktteilnehmer weiterhin optimistisch. Das wirtschaftlich gute Umfeld lässt sie nicht an der Sicherheit von Immobilien zweifeln. Das Geschäft mit verbrieften und strukturierten Finanzprodukten auf der Basis von Hypotheken wächst wie der Subprime-Markt rasch: Mitte 2008 sind über 60% aller US-Hypotheken verbrieft und an Investoren verkauft. Die steigenden Häuserpreise und Einkommen schaffen ein Gefühl von wachsendem Wohlstand. Das Risiko von Zahlungsausfällen scheint minimal.

Platzen der Blase

Während der Hochkonjunktur in den Jahren 2004–2006 erhöht die US-Notenbank schrittweise die Zinsen, um die drohende Inflation zu bekämpfen. Auch die Hypothekarzinsen beginnen nun zu steigen. Die Folge: Viele Subprime-Schuldner werden zahlungsunfähig, ihre Kredite platzen und die Banken müssen die Häuser zwangsversteigern. Die Zahl der zum Verkauf angebotenen Immobilien nimmt rasch zu und ab Sommer 2006 beginnen die Häuserpreise zu fallen. Dadurch sind weitere Hypotheken nicht mehr gedeckt und die Zahlungsausfälle mehren sich.

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Die rasch steigenden Verluste im Hypothekargeschäft bewirken eine drastische Einschränkung der Kreditvergabe für neue Hypotheken, wodurch die Nachfrage nach Häusern zurückgeht: Ein grösser werdendes Angebot steht damit einer sinkenden Nachfrage gegenüber. Als Folge davon gehen die Häuserpreise weiter zurück.

Aufgrund der starken Preiskorrekturen vermindert sich der Wert vieler Immobilien erheblich. Weil die dazugehörigen Hypotheken nicht länger durch den Hauswert besichert sind, müssen die Kreditschuldner Geld nachschiessen, das jedoch meist nicht vorhanden ist. Diese Faktoren führen zu erneuten Verlusten, Krediteinschränkungen und Zahlungsausfällen. Eine Talfahrt ohne absehbares Ende beginnt.

Folgen für das Finanzsystem und die Realwirtschaft

Der Crash am US-Immobilienmarkt schwappt schnell auf das Finanzsystem über.

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Ab Sommer 2007 können die Banken ihre mit Hypotheken besicherten Finanzprodukte zunehmend nicht mehr verkaufen und bleiben auf den faulen Papieren sitzen. Weil diese Produkte zudem stark an Wert verlieren, müssen Banken und andere Investoren riesige Bewertungskorrekturen und Abschreibungen vornehmen. Infolge dieser Entwicklungen geraten 2007/2008 eine Reihe von grossen Finanz- und Hypothekarinstituten in den USA sowie in Europa ins Wanken. Prominentestes Beispiel: der Zusammenbruch der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im September 2008, welcher als Höhepunkt der Bankenkrise angesehen wird. Auch die Realwirtschaft ist betroffen. Die massiven Verluste im Bankensektor führen in den USA und anderen Ländern ab Herbst 2008 zu einem starken Rückgang der Kreditvergabe und damit auch der Investitionstätigkeit in der übrigen Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt der Industrieländer schrumpft und die Arbeitslosigkeit steigt. Der Welthandel bricht regelrecht ein, wovon zusehends auch die aufstrebenden Volkswirtschaften betroffen sind. Einige Staaten – darunter Griechenland – beantragen aufgrund ihrer zu hohen Verschuldung Finanzhilfe beim Internationalen Währungsfonds.

Lehren für die Zukunft

Die Finanzkrise hat unsere Wahrnehmung der auf den Finanzmärkten bestehenden Risiken grundlegend verändert und eindrücklich die Verwundbarkeit des weltweiten Finanzsystems vor Augen geführt. Ohne massive Interventionen von Notenbanken und Regierungen wäre es schlichtweg zum Zusammenbruch des Systems gekommen.

Was unternommen werden muss, damit es nicht erneut zu einer solchen Katastrophe kommt, wird bis heute intensiv diskutiert. Es herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass auf vielen Gebieten Handlungsbedarf besteht, vorwiegend bei der Regulierung von Banken und deren Geschäften. Dennoch: Der nächste Crash kommt bestimmt.

Quellen