Dieses Fallbeispiel vermittelt auf verständliche Weise die Grundlagen der Geldanlage. Im Mittelpunkt steht der 19-jährige Max, der kurz vor dem Abschluss seiner Lehre als Automatiker steht und künftig einen Teil seines Einkommens sinnvoll investieren möchte. Schritt für Schritt lernt er die wesentlichen Prinzipien des Investierens kennen und entwickelt eine auf ihn abgestimmte Anlagestrategie.
Max erhält ein E-Mail von einem ihm unbekannten Absender, das damit wirbt, man könne «in einer Woche mit Krypto 6000 Franken verdienen». Er vermutet, dass es sich nicht um ein seriöses Angebot handelt und der Absender wahrscheinlich nur an persönliche Daten kommen möchte. Deshalb klickt er nicht auf den Link, der angeblich zu weiteren Informationen führen soll.
Aber seine Neugier ist doch geweckt. Hat nicht einer seiner Kollegen, der als Gymnasiast eigentlich immer knapp bei Kasse ist, vor ein paar Wochen damit angegeben, dass er tatsächlich dank der Kryptowährung Bitcoin mit einem kleinen Einsatz auf die Schnelle mehrere hundert Franken verdient hat?
Auch Max könnte derzeit ein bisschen mehr Geld ganz gut gebrauchen, da von seinem Lehrlingslohn von 1000 Franken auf dem Bankkonto, auf dem er einen kleinen Notgroschen hält, bis Ende des Monats jeweils kaum etwas übrig bleibt. Allerdings weiss er auch, dass er nach Abschluss der Lehre als Automatiker ab nächstem Jahr ein Mehrfaches seines heutigen Lohns verdienen wird. Soll er das zusätzliche Geld ausgeben, sparen oder anlegen?
Max wohnt derzeit zu Hause bei seinen Eltern und bezahlt diesen dafür 300 Franken monatlich. Vor einiger Zeit haben sie ihm aber mitgeteilt, dass der Beitrag für Kost und Logis nach Abschluss der Lehre deutlich höher sein wird – und Max hat sogar auch schon daran gedacht, in eine eigene Wohnung zu ziehen. Die Eltern werden ihm auch bei grösseren Anschaffungen – wie das zuletzt beim Kauf eines E-Bikes der Fall gewesen war, mit dem er zur Arbeit fährt – nicht mehr unter die Arme greifen.
Max möchte deshalb auf jeden Fall ein finanzielles Polster von einigen Tausend Franken aufbauen.
Zudem kann er schon heute ziemlich genau abschätzen, wie viel Geld er in den nächsten Jahren verdienen wird, weil er aus seinem Betrieb weiss, wie viel Lohn ein:e gelernte:r Automatiker:in verdient (rund 6000 Franken brutto). Weniger klar ist ihm hingegen, wann und wie viel Geld er in den kommenden Jahren brauchen wird. Gleichwohl ist es doch sehr wahrscheinlich, dass er künftig monatlich im Durchschnitt deutlich mehr verdienen wird, als er ausgeben will.
Am einfachsten wäre es, wie bisher den Lohn auf dem Konto bei der Bank zu lassen, um Geld beziehen zu können, wenn er es benötigt. Aber ist das auch die sinnvollste Lösung? Auf seinem Bankkonto bekommt Max nämlich einen Zins von knapp 1 Prozent pro Jahr. Da lässt sich doch sicher mehr herausholen, oder?
Max überlegt sich kurz, wie er sein Geld auf sechs verschiedene Arten anlegen könnte. Aufgrund von Angaben, die er im Internet findet, rechnet er aus, wie viel er damit bis heute verdient hätte, wenn er schon vor einem Jahr jeweils 1000 Franken investiert hätte. Zum Vergleich führt er auch das Bankkonto auf, auf dem er einen Zins von 1 Prozent veranschlagt.
Eine erste Klippe ist, dass Bitcoin, Adidas und Tesla nicht in Franken, sondern in US-Dollar oder Euro angegeben sind. Max lebt in der Schweiz und ihn interessiert eigentlich doch der Wert in Franken. Aus seinen Ferien und aus seinem Betrieb (dieser exportiert auch Maschinen ins Ausland) weiss er, dass der Franken gegenüber anderen Währungen in der letzten Zeit eher stärker geworden ist. Er schaut also nach, wie gross die prozentuale Veränderung gegenüber dem US-Dollar und dem Euro in seinem
| Anlage | Kriterium | Währung | Preisveränderung in Prozent | Veränderung Wechselkurs in Prozent | Nettoveränderung in Prozent | Gewinn in CHF bei Anlage von 1000 CHF |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Bitcoin | Empfehlung Kollege | USD | +89,4 | –12,1 | +77,3 | +773 |
| Adidas | Coole Turnschuhe | EUR | –9,6 | –3,4 | –13 | –130 |
| Meyer Burger | Solarenergie (PV-Lösungen) | CHF | –90,3 | - | –90,3 | –903 |
| Swisscom | Handyabo | CHF | +10,6 | - | +10,6 | +106 |
| Lindt & Sprüngli | Gute Schokolade | CHF | +27 | - | +27 | +270 |
| Tesla | Will mal einen kaufen | USD | +25,3 | –12,1 | +13,2 | +132 |
| Bankkonto | Bisher | CHF | +1 | - | +1 | +10 |
Tabelle 1: Ertragsvergleich über ein Jahr (ohne Dividenden und Zinseszins)
Hoppla! Anlegen kann sich offenbar lohnen, wie diese von Max gewählten Beispiele zeigen. Allerdings sieht er auch, dass die Unterschiede doch recht gross sind. Und mit Meyer Burger hätte er fast seinen ganzen Einsatz verloren. Nun ist seine Neugier geweckt. Wie viel hätte er verdient, wenn er bereits vor fünf Jahren 1000 Franken investiert hätte
| Anlage | Währung | Preisveränderung in Prozent | Veränderung Wechselkurs in Prozent | Nettoveränderung in Prozent | Gewinn in CHF bei Anlage von 1000 CHF |
|---|---|---|---|---|---|
| Bitcoin | USD | +803 | –16,5 | +786,5 | +7865 |
| Adidas | EUR | –15,1 | –13,3 | –28,4 | –284 |
| Meyer Burger | CHF | –99,4 | - | - | –994 |
| Swisscom | CHF | +13,8 | - | +13,8 | +138 |
| Lindt & Sprüngli | CHF | +87,5 | - | +87,5 | +875 |
| Tesla | USD | +230,3 | –16,5 | +213,8 | +2138 |
| Bankkonto | CHF | +5 | - | +5 | +50 |
Tabelle 2: Ertragsvergleich über 5 Jahre (ohne Dividenden und Zinseszins)
Diese Zahlen sehen ja noch viel besser aus, wenn der «faule Apfel» Meyer Burger ausgeklammert wird. Weshalb sollte man eigentlich überhaupt sparen, wenn man so viel Geld mit Anlegen verdienen kann? Also alles ganz klar: Möglichst rasch Bitcoin kaufen, weil dieser in seiner Tabelle klar am besten abschneidet?
Doch dann beschleichen ihn Zweifel.
Vielleicht ist das alles gar nicht so kompliziert. In der Berufsfachschule setzt Max wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen für Semesterarbeiten und andere Aufgaben regelmässig ChatGPT ein. Warum eigentlich nicht auch für das persönliche Anlegen? Max nimmt dabei an, dass er nach der Lehre pro Monat jeweils 1000 Franken seines Lohnes investieren könnte.
Max macht also bei ChatGPT folgende Anfrage:
Ich bin 18 Jahre alt, verdiene ab nächstem Jahr 6000 Franken brutto und möchte dann jedes Jahr bis zu meiner Pensionierung 12 000 Franken anlegen. Die Anlage sollte einen möglichst hohen Ertrag abwerfen, und das Risiko darf nicht zu gross sein. Was empfiehlst Du mir?
Das ist ein grossartiger Vorsatz – je früher du mit dem Investieren beginnst, desto besser wirkt der Zinseszinseffekt. Mit deinem jungen Alter, deinem regelmässigen Einkommen und deinem langfristigen Horizont stehen dir viele attraktive Möglichkeiten offen. Lass uns deine Situation systematisch analysieren und dann konkrete Empfehlungen geben.
Was ist das?
ETFs (Exchange Traded Funds) sind börsengehandelte Fonds, die einen Index nachbilden, z. B. den MSCI World oder den S&P 500. Sie bieten:
Empfehlung:
Warum sinnvoll?
Endvermögen: ca. 3 000 000 CHF
(Davon nur 564 000 CHF selbst eingezahlt – der Rest ist Zinseszins!)
Wenn dir Nachhaltigkeit wichtig ist, gibt es auch ESG-ETFs (Environmental, Social, Governance), die ethisch-ökologisch investieren.
Du kannst ETFs günstig über folgende Kanäle kaufen:
| Jahre investiert | Eingezahlt | Vermögen (geschätzt) |
| 10 | 120 000 CHF | 166 000 CHF |
| 20 | 240 000 CHF | 522 000 CHF |
| 30 | 360 000 CHF | 1 160 000 CHF |
| 47 | 564 000 CHF | ca. 3 000 000 CHF |
Wenn du möchtest, kann ich dir auch eine konkrete Liste mit ETFs, ein Beispielportfolio und passende Broker für die Schweiz zusammenstellen. Sag einfach Bescheid!
Puh, das sind doch viele Informationen auf einmal. Darüber hinaus kennt Max nicht einmal alle Begriffe oder kann sie – wie z. B. die Nachhaltigkeit – im Zusammenhang mit Anlegen nicht richtig einordnen. Er macht also eine Liste und sucht online Erklärungen dafür (dafür braucht er ChatGPT nicht, das geht schneller mit Google).
Jetzt versteht Max die Antwort schon etwas besser, doch da taucht bei ihm gleich wieder eine Reihe neuer Fragen auf.
Natürlich könnte Max diese Fragen jetzt erneut ChatGPT stellen, um darauf Antworten zu erhalten. Allerdings hat er auch schon die Erfahrung gemacht, dass ChatGPT ihm Lösungen präsentiert hat, die nicht richtig waren, und die Antworten stark von der genauen Formulierung der Fragen abhängten oder sogar vom Zeitpunkt der Eingabe.
Max zögert, nachdem er realisiert, dass er gemäss dem Plan in den nächsten Jahrzehnten Monat für Monat 1000 Franken und somit insgesamt eine halbe Million Franken anlegen würde. Will er eine so gewaltige Summe wirklich ohne weitere Abklärungen genauso investieren, wie es ihm heute die künstliche Intelligenz empfiehlt? Als er das letzte Mal ein neues Handy kaufte, hatte er sich auch einige Tage hin und her überlegt, welches Modell er kaufen sollte, und sich mit Kolleginnen und Kollegen darüber ausgetauscht. Dabei war der Betrag, um den es ging, viel kleiner.
Max beschliesst deshalb, eine Pause einzulegen, und einige Tage nicht ans Anlegen zu denken. Vielleicht kommt ihm dann plötzlich eine zündende Idee.
Eine Woche später wird Max’ Mutter 50, und es gibt ein grosses Fest, zu dem viele Verwandte eingeladen sind. Max wäre eigentlich lieber mit seinen Kolleginnen und Kollegen unterwegs – aber er kann ja nicht gut kneifen, oder? Am Fest trifft er auch auf einen Grossonkel, den er schon länger nicht mehr gesehen hat, doch hat er mitbekommen, dass dessen Frau vor über einem Jahr verstorben ist. Nun hat sein Grossonkel eine neue Partnerin dabei – Anita macht auf Max einen sympathischen Eindruck und hat, wie sich bald herausstellt, bis zu ihrer Pensionierung als Anlageberaterin für eine Bank gearbeitet.
Das wäre doch die Chance, kompetente Antworten auf die Fragen zum Investieren zu erhalten … Max nimmt seinen Mut zusammen und spricht Anita darauf an. Sie vereinbaren, dass er ihr seinen Dialog mit ChatGPT und die Liste der Fragen schickt und sie ihm dann Bescheid geben wird.
Nach einigen Tagen erhält Max von Anita per Mail folgende Antwort.
Datum: Fri, 27 Jun 2025 09:32:24 +0000
Von: Anita Reich
Antwort an: Max
Betreff: Re Fragen zum Anlegen
Lieber Max
Es hat mich gefreut, Dich an der Geburtstagsparty Deiner Mutter kennenzulernen. Ich gehöre ja noch nicht so lange zur Familie und hatte bisher nur Deinen Namen gekannt.
Vielen Dank für Deine guten Fragen, sie sind nicht ganz einfach zu beantworten. Ich möchte vorausschicken, dass ich von ChatGPT wahrscheinlich deutlich weniger verstehe als Du.
Eine kleine Fussnote zum SMI: Der Index ist in der Realität nicht ganz so «breit», machen doch die drei Schwergewichte Nestlé, Roche und Novartis mehr als 50 Prozent der Gesamtkapitalisierung aus. Es gibt aber Alternativen, z. B. den Swiss Leader Index (SLI). Er enthält die 30 grössten Schweizer Unternehmen, mit einer Grössenbeschränkung für die Schwergewichte – auch auf den SLI sind ETFs verfügbar.
Was spricht dagegen, die Aktien direkt statt über einen ETF zu kaufen? Du müsstest dann z. B. beim SMI von allen 20 Unternehmen Aktien im Verhältnis zur Indexgewichtung kaufen – das funktioniert nur bei sehr hohen Geldbeträgen. Ein ETF erspart Dir diese Arbeit und ist in kleinen Anteilen zu haben – Du bezahlst dafür dem Emittenten des ETFs eine vergleichsweise niedrige Gebühr. Ausserdem sind ETFs auf Indizes meist besser handelbar als Einzeltitel. ETFs sind sicher, weil Deine Anteile separat aufbewahrt werden und der Emittent keinen Zugriff darauf hat.
Und dies noch zum Schluss: Ich finde es super, dass Du Dich so intensiv mit dem Thema Anlegen auseinandersetzt, weil dies zeigt, dass Du die Verantwortung für Deine finanzielle Unabhängigkeit ernst nimmst. Ich freue mich schon jetzt darauf, mich mit Dir beim nächsten Familientreffen über Deine ersten Erfahrungen zu unterhalten! Du wirst auch bald merken, dass es beim Anlegen so ist wie bei vielen anderen Dingen: Je mehr Du darüber zu wissen glaubst, desto mehr Fragen kommen auf …
Herzlicher Gruss
Anita