Einstieg ins Investieren
Einstieg ins Investieren

Fallbeispiel

Einstieg ins Investieren

Dieses Fallbeispiel vermittelt auf verständliche Weise die Grundlagen der Geldanlage. Im Mittelpunkt steht der 19-jährige Max, der kurz vor dem Abschluss seiner Lehre als Automatiker steht und künftig einen Teil seines Einkommens sinnvoll investieren möchte. Schritt für Schritt lernt er die wesentlichen Prinzipien des Investierens kennen und entwickelt eine auf ihn abgestimmte Anlagestrategie.

Max erhält ein E-Mail von einem ihm unbekannten Absender, das damit wirbt, man könne «in einer Woche mit Krypto 6000 Franken verdienen». Er vermutet, dass es sich nicht um ein seriöses Angebot handelt und der Absender wahrscheinlich nur an persönliche Daten kommen möchte. Deshalb klickt er nicht auf den Link, der angeblich zu weiteren Informationen führen soll.

Aber seine Neugier ist doch geweckt. Hat nicht einer seiner Kollegen, der als Gymnasiast eigentlich immer knapp bei Kasse ist, vor ein paar Wochen damit angegeben, dass er tatsächlich dank der Kryptowährung Bitcoin mit einem kleinen Einsatz auf die Schnelle mehrere hundert Franken verdient hat?

Auch Max könnte derzeit ein bisschen mehr Geld ganz gut gebrauchen, da von seinem Lehrlingslohn von 1000 Franken auf dem Bankkonto, auf dem er einen kleinen Notgroschen hält, bis Ende des Monats jeweils kaum etwas übrig bleibt. Allerdings weiss er auch, dass er nach Abschluss der Lehre als Automatiker ab nächstem Jahr ein Mehrfaches seines heutigen Lohns verdienen wird. Soll er das zusätzliche Geld ausgeben, sparen oder anlegen?

Max wohnt derzeit zu Hause bei seinen Eltern und bezahlt diesen dafür 300 Franken monatlich. Vor einiger Zeit haben sie ihm aber mitgeteilt, dass der Beitrag für Kost und Logis nach Abschluss der Lehre deutlich höher sein wird – und Max hat sogar auch schon daran gedacht, in eine eigene Wohnung zu ziehen. Die Eltern werden ihm auch bei grösseren Anschaffungen – wie das zuletzt beim Kauf eines E-Bikes der Fall gewesen war, mit dem er zur Arbeit fährt – nicht mehr unter die Arme greifen.

Max möchte deshalb auf jeden Fall ein finanzielles Polster von einigen Tausend Franken aufbauen.

Zudem kann er schon heute ziemlich genau abschätzen, wie viel Geld er in den nächsten Jahren verdienen wird, weil er aus seinem Betrieb weiss, wie viel Lohn ein:e gelernte:r Automatiker:in verdient (rund 6000 Franken brutto). Weniger klar ist ihm hingegen, wann und wie viel Geld er in den kommenden Jahren brauchen wird. Gleichwohl ist es doch sehr wahrscheinlich, dass er künftig monatlich im Durchschnitt deutlich mehr verdienen wird, als er ausgeben will.

Am einfachsten wäre es, wie bisher den Lohn auf dem Konto bei der Bank zu lassen, um Geld beziehen zu können, wenn er es benötigt. Aber ist das auch die sinnvollste Lösung? Auf seinem Bankkonto bekommt Max nämlich einen Zins von knapp 1 Prozent pro Jahr. Da lässt sich doch sicher mehr herausholen, oder?

Max überlegt sich kurz, wie er sein Geld auf sechs verschiedene Arten anlegen könnte. Aufgrund von Angaben, die er im Internet findet, rechnet er aus, wie viel er damit bis heute verdient hätte, wenn er schon vor einem Jahr jeweils 1000 Franken investiert hätte. Zum Vergleich führt er auch das Bankkonto auf, auf dem er einen Zins von 1 Prozent veranschlagt.

Eine erste Klippe ist, dass Bitcoin, Adidas und Tesla nicht in Franken, sondern in US-Dollar oder Euro angegeben sind. Max lebt in der Schweiz und ihn interessiert eigentlich doch der Wert in Franken. Aus seinen Ferien und aus seinem Betrieb (dieser exportiert auch Maschinen ins Ausland) weiss er, dass der Franken gegenüber anderen Währungen in der letzten Zeit eher stärker geworden ist. Er schaut also nach, wie gross die prozentuale Veränderung gegenüber dem US-Dollar und dem Euro in seinem Anlagejahr ist. So kann er den Betrag in Franken umrechnen und Gleiches mit Gleichem vergleichen.

Anlage Kriterium Währung Preisveränderung in Prozent Veränderung Wechselkurs in Prozent Nettoveränderung in Prozent Gewinn in CHF bei Anlage von 1000 CHF
Bitcoin Empfehlung Kollege USD +89,4 –12,1 +77,3 +773
Adidas Coole Turnschuhe EUR –9,6 –3,4 –13 –130
Meyer Burger Solarenergie (PV-Lösungen) CHF –90,3 - –90,3 –903
Swisscom Handyabo CHF +10,6 - +10,6 +106
Lindt & Sprüngli Gute Schokolade CHF +27 - +27 +270
Tesla Will mal einen kaufen USD +25,3 –12,1 +13,2 +132
Bankkonto Bisher CHF +1 - +1 +10

Tabelle 1: Ertragsvergleich über ein Jahr (ohne Dividenden und Zinseszins)

Hoppla! Anlegen kann sich offenbar lohnen, wie diese von Max gewählten Beispiele zeigen. Allerdings sieht er auch, dass die Unterschiede doch recht gross sind. Und mit Meyer Burger hätte er fast seinen ganzen Einsatz verloren. Nun ist seine Neugier geweckt. Wie viel hätte er verdient, wenn er bereits vor fünf Jahren 1000 Franken investiert hätte?

Anlage Währung Preisveränderung in Prozent Veränderung Wechselkurs in Prozent Nettoveränderung in Prozent Gewinn in CHF bei Anlage von 1000 CHF
Bitcoin USD +803 –16,5 +786,5 +7865
Adidas EUR –15,1 –13,3 –28,4 –284
Meyer Burger CHF –99,4 - - –994
Swisscom CHF +13,8 - +13,8 +138
Lindt & Sprüngli CHF +87,5 - +87,5 +875
Tesla USD +230,3 –16,5 +213,8 +2138
Bankkonto CHF +5 - +5 +50

Tabelle 2: Ertragsvergleich über 5 Jahre (ohne Dividenden und Zinseszins)

Diese Zahlen sehen ja noch viel besser aus, wenn der «faule Apfel» Meyer Burger ausgeklammert wird. Weshalb sollte man eigentlich überhaupt sparen, wenn man so viel Geld mit Anlegen verdienen kann? Also alles ganz klar: Möglichst rasch Bitcoin kaufen, weil dieser in seiner Tabelle klar am besten abschneidet?

Doch dann beschleichen ihn Zweifel.

  1. Gibt es eine Garantie, dass sich der Bitcoin oder einer der fünf anderen positiven Werte im nächsten Jahr bzw. in den nächsten fünf Jahren mindestens so gut entwickelt, wie das in der Vergangenheit der Fall war? Max hat mitbekommen, dass insbesondere die starken Schwankungen des Bitcoins immer wieder für Schlagzeilen sorgen.
  2. Ist es grundsätzlich richtig, alles auf ein Pferd zu setzen – hoffentlich nicht auf Meyer Burger? Oder wäre es doch sicherer, das Geld besser zu verteilen?
  3. Ist es sinnvoll, sich auf sechs von ihm aufgrund persönlicher Vorlieben gewählte Werte zu beschränken? Es gibt ja noch viel mehr Schweizer und ausländische Unternehmen, deren Aktien er kaufen könnte. Und weshalb schneidet eigentlich ausgerechnet Meyer Burger, ein Unternehmen, das in der Zukunftsbranche Solar tätig ist, so schlecht ab?
  4. Was ist die richtige Anlagefrist? Eine ältere Mitarbeiterin hat Max einmal verraten, dass sie auf ihre Pensionierung hin spart, weil sie danach von der AHV und der Pensionskasse eine Rente erhalten wird, die deutlich unter ihrem heutigen Lohn liegen wird. Soll er deshalb auch mit rund 40 Jahren rechnen?
  5. Was passiert umgekehrt, wenn er aus irgendwelchen Gründen das Geld doch vorher benötigen sollte? Muss er dann – möglicherweise gerade dann, wenn seine Anlage zwischendurch an Wert verloren hat – verkaufen? Das spricht für das Bankkonto, auf dem das Geld sicher ist und von dem bei Bedarf jederzeit abgehoben werden kann.
  6. Und wenn Max einmal weiss, was und wie viel er kaufen möchte, wie soll er es konkret tun? Über seine bisherige Bank oder andere Anbieter? Wie steht es mit den Kosten und Gebühren und der Sicherheit? Max hat es gerne bequem und möchte seine Anlagen möglichst einfach – selbstverständlich online – kaufen. Er will auch jederzeit überprüfen können, wie sie sich entwickeln – und womöglich auch mal etwas verkaufen.

 

Vielleicht ist das alles gar nicht so kompliziert. In der Berufsfachschule setzt Max wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen für Semesterarbeiten und andere Aufgaben regelmässig ChatGPT ein. Warum eigentlich nicht auch für das persönliche Anlegen? Max nimmt dabei an, dass er nach der Lehre pro Monat jeweils 1000 Franken seines Lohnes investieren könnte.

Max macht also bei ChatGPT folgende Anfrage:

 

Ich bin 18 Jahre alt, verdiene ab nächstem Jahr 6000 Franken brutto und möchte dann jedes Jahr bis zu meiner Pensionierung 12 000 Franken anlegen. Die Anlage sollte einen möglichst hohen Ertrag abwerfen, und das Risiko darf nicht zu gross sein. Was empfiehlst Du mir?

 

Die Antwort sieht folgendermassen aus:

Das ist ein grossartiger Vorsatz – je früher du mit dem Investieren beginnst, desto besser wirkt der Zinseszinseffekt. Mit deinem jungen Alter, deinem regelmässigen Einkommen und deinem langfristigen Horizont stehen dir viele attraktive Möglichkeiten offen. Lass uns deine Situation systematisch analysieren und dann konkrete Empfehlungen geben.


Ausgangslage:

  • Alter: 18 Jahre
  • Jährliches Anlagevolumen: 12 000 CHF
  • Zeithorizont: Ca. 47 Jahre (bis ca. 65)
  • Risikoprofil: Mittel – möglichst hohe Rendite bei nicht zu hohem Risiko
  • Ziel: Vermögensaufbau für die Pensionierung

Anlageempfehlung:

  1. ETF-Investments – der Klassiker für langfristige Anlegende

Was ist das?

ETFs (Exchange Traded Funds) sind börsengehandelte Fonds, die einen Index nachbilden, z. B. den MSCI World oder den S&P 500. Sie bieten:

  • eine breite Diversifikation (weltweit gestreut);
  • tiefe Kosten;
  • Transparenz und Einfachheit.

Empfehlung:

  • 80–100% Aktien-ETFs, solange du jung bist
  • Beispielhafte Verteilung:
    • 70% MSCI World ETF (entwickelte Länder)
    • 20% MSCI Emerging Markets ETF (Schwellenländer)
    • 10% Swiss Market Index ETF (CH-Aktien)

Warum sinnvoll?

  • Langfristig bieten Aktienmärkte historisch ca. 6–8% Rendite p. a. 
  • Bei 12 000 CHF jährlich über 47 Jahre bei 7% Durchschnittsrendite ergibt das:


Endvermögen: ca. 3 000 000 CHF
(Davon nur 564 000 CHF selbst eingezahlt – der Rest ist Zinseszins!)


  1. Nachhaltigkeit/ESG (optional)

Wenn dir Nachhaltigkeit wichtig ist, gibt es auch ESG-ETFs (Environmental, Social, Governance), die ethisch-ökologisch investieren.


  1. Wie investieren?

Du kannst ETFs günstig über folgende Kanäle kaufen:

  • Onlinebroker (z. B. Swissquote, DEGIRO, Yuh, Selma Finance, True Wealth)
  • Automatisierte Lösungen (Robo-Advisors) wie Selma oder True Wealth – gut für Einsteiger:innen

Sicherheit und Risikomanagement

  • Notgroschen auf Sparkonto (mind. 3–6 Monatsausgaben): für unvorhergesehene Ausgaben
  • Breit gestreute ETFs = niedriges Risiko verglichen mit Einzelaktien
  • Kein «Market Timing» – einfach regelmässig investieren, auch wenn der Markt schwankt

Vorgehensweise

  1. Broker wählen
  2. Depot eröffnen
  3. Sparplan einrichten (monatlich oder jährlich 1000 CHF)
  4. Bei Kurseinbrüchen nicht verkaufen
  5. Langfristig dabeibleiben

Simulation (mit 7% p. a. Rendite):

Jahre investiert Eingezahlt Vermögen (geschätzt)
10 120 000 CHF 166 000 CHF
20 240 000 CHF 522 000 CHF
30 360 000 CHF 1 160 000 CHF
47 564 000 CHF ca. 3 000 000 CHF

Fazit:

  • ETFs sind für dich die beste Wahl: günstig, sicher, langfristig ertragreich
  • Langfristig investieren, nicht spekulieren
  • Regelmässig einzahlen und Zeit den Rest erledigen lassen

Wenn du möchtest, kann ich dir auch eine konkrete Liste mit ETFs, ein Beispielportfolio und passende Broker für die Schweiz zusammenstellen. Sag einfach Bescheid!

Puh, das sind doch viele Informationen auf einmal. Darüber hinaus kennt Max nicht einmal alle Begriffe oder kann sie – wie z. B. die Nachhaltigkeit – im Zusammenhang mit Anlegen nicht richtig einordnen. Er macht also eine Liste und sucht online Erklärungen dafür (dafür braucht er ChatGPT nicht, das geht schneller mit Google).

Glossar

Jetzt versteht Max die Antwort schon etwas besser, doch da taucht bei ihm gleich wieder eine Reihe neuer Fragen auf.

  1. Weshalb erwähnt ChatGPT in seiner Antwort nirgends Bitcoin, obwohl doch dieser in den letzten Jahren super lief? Was spricht dagegen, darin zu investieren?
  2. Weshalb soll er nur 10 Prozent seines Geldes in der Schweiz anlegen – weiss ChatGPT nicht, dass der Franken sich langfristig gegenüber anderen Währungen aufwertet?
  3. Sollte man nicht wissen, worin man investiert? Max hat einen Blick darauf geworfen, welche Unternehmen in den drei Indizes enthalten sind. Von vielen, die im SMI (Swiss Market Index) sind, hat er schon gehört und zumindest eine Ahnung, womit sie ihr Geld verdienen. Allerdings kennt er bei den Indizes von MSCI (Morgan Stanley Capital International) in den meisten Fällen nicht einmal die Namen der Unternehmen.
  4. Kann er wirklich damit rechnen, dass er langfristig wie von ChatGPT versprochen 7 Prozent Rendite jährlich erwirtschaften wird?
  5. Wie genau verdient man mit Aktien eigentlich so viel Geld? Woher kommt es? Und wäre es nicht günstiger und sicherer, die Aktien gleich direkt zu kaufen, statt über den Umweg via ETFs?
  6. Was wäre, wenn Max zwischendurch doch einmal Geld brauchen würde, z. B. um einen Tesla oder eine Wohnung zu kaufen? Könnte er dann ohne Weiteres einen Teil seiner ETFs verkaufen?
  7. Warum werden Onlinebroker empfohlen, deren Namen Max noch nie gehört hat? Denn er kennt einige Banken – warum werden diese nicht erwähnt, und wären sie nicht sicherer?

 

Natürlich könnte Max diese Fragen jetzt erneut ChatGPT stellen, um darauf Antworten zu erhalten. Allerdings hat er auch schon die Erfahrung gemacht, dass ChatGPT ihm Lösungen präsentiert hat, die nicht richtig waren, und die Antworten stark von der genauen Formulierung der Fragen abhängten oder sogar vom Zeitpunkt der Eingabe.

Max zögert, nachdem er realisiert, dass er gemäss dem Plan in den nächsten Jahrzehnten Monat für Monat 1000 Franken und somit insgesamt eine halbe Million Franken anlegen würde. Will er eine so gewaltige Summe wirklich ohne weitere Abklärungen genauso investieren, wie es ihm heute die künstliche Intelligenz empfiehlt? Als er das letzte Mal ein neues Handy kaufte, hatte er sich auch einige Tage hin und her überlegt, welches Modell er kaufen sollte, und sich mit Kolleginnen und Kollegen darüber ausgetauscht. Dabei war der Betrag, um den es ging, viel kleiner.

Max beschliesst deshalb, eine Pause einzulegen, und einige Tage nicht ans Anlegen zu denken. Vielleicht kommt ihm dann plötzlich eine zündende Idee.

Eine Woche später wird Max’ Mutter 50, und es gibt ein grosses Fest, zu dem viele Verwandte eingeladen sind. Max wäre eigentlich lieber mit seinen Kolleginnen und Kollegen unterwegs – aber er kann ja nicht gut kneifen, oder? Am Fest trifft er auch auf einen Grossonkel, den er schon länger nicht mehr gesehen hat, doch hat er mitbekommen, dass dessen Frau vor über einem Jahr verstorben ist. Nun hat sein Grossonkel eine neue Partnerin dabei – Anita macht auf Max einen sympathischen Eindruck und hat, wie sich bald herausstellt, bis zu ihrer Pensionierung als Anlageberaterin für eine Bank gearbeitet.

Das wäre doch die Chance, kompetente Antworten auf die Fragen zum Investieren zu erhalten … Max nimmt seinen Mut zusammen und spricht Anita darauf an. Sie vereinbaren, dass er ihr seinen Dialog mit ChatGPT und die Liste der Fragen schickt und sie ihm dann Bescheid geben wird.

Nach einigen Tagen erhält Max von Anita per Mail folgende Antwort.

Datum: Fri, 27 Jun 2025 09:32:24 +0000
Von: Anita Reich
Antwort an: Max
Betreff: Re Fragen zum Anlegen
 

Lieber Max

Es hat mich gefreut, Dich an der Geburtstagsparty Deiner Mutter kennenzulernen. Ich gehöre ja noch nicht so lange zur Familie und hatte bisher nur Deinen Namen gekannt.

Vielen Dank für Deine guten Fragen, sie sind nicht ganz einfach zu beantworten. Ich möchte vorausschicken, dass ich von ChatGPT wahrscheinlich deutlich weniger verstehe als Du.

  1. Weshalb ChatGPT Bitcoin nicht erwähnt, kann ich nicht genau sagen. Möglicherweise hat es damit zu tun, dass es den Bitcoin viel weniger lang gibt als Aktien. Für die Aktienmärkte gibt es Daten, die bis hundert Jahre und mehr zurückreichen. Bitcoin hingegen gibt es erst seit gut 15 Jahren. In der Anlagewelt haben Aktien also einen viel längeren Erfolgsausweis (im Fachjargon sagen wir «Track Record» dazu). Es stimmt, Bitcoin hat sich in den letzten Jahren deutlich besser entwickelt als die meisten Aktien. Aber das ist überhaupt keine Garantie, dass es auch in Zukunft einfach so weiter geht. Hinzu kommt, dass es verschiedene bewährte Methoden gibt, Unternehmen und damit auch deren Aktien zu bewerten. Hinter Bitcoin hingegen steht kein Unternehmen, sondern ein Algorithmus. Die Wertentwicklung ist schwierig abzuschätzen, deshalb sind ja die Schwankungen so gross. Kurz: Ich würde Dir nicht empfehlen, einen grösseren Teil Deines Geldes in Bitcoin zu investieren. Aber wenn Dich die Technologie dahinter interessiert, kannst Du ruhig etwas «Spielgeld» darauf setzen – es gibt dafür übrigens sogenannte Exchange Traded Products (ETP), die sehr ähnlich sind wie ETFs.
  2. Bei Deiner Frage zur Empfehlung von ChatGPT, nur einen Zehntel in der Schweiz zu investieren, gebe ich dir recht. Ich würde auch einen grösseren Teil im Heimmarkt investieren. Einen festen Wert gibt es dafür nicht, aber mehr als die Hälfte würde ich nicht empfehlen. Die meisten Schweizer Unternehmen im SMI sind weltweit tätig, Du bist so betrachtet damit ebenfalls international investiert. Zudem ist das Wechselkursrisiko in der Tat erheblich. Übrigens wäre Dein Schweizer Anteil gemäss dem Vorschlag von ChatGPT etwas höher als 10 Prozent, weil der MSCI World auch Schweizer Aktien umfasst. Es gibt eine grosse Auswahl an ETFs auf sehr viele verschiedene Indizes (Märkte, Branchen, Themen). Aber wenn Du langfristig in breite Aktienindizes wie den SMI oder den MSCI investierst, ist das schon eine gute Basis für den Aufbau Deines Vermögens.

Eine kleine Fussnote zum SMI: Der Index ist in der Realität nicht ganz so «breit», machen doch die drei Schwergewichte Nestlé, Roche und Novartis mehr als 50 Prozent der Gesamtkapitalisierung aus. Es gibt aber Alternativen, z. B. den Swiss Leader Index (SLI). Er enthält die 30 grössten Schweizer Unternehmen, mit einer Grössenbeschränkung für die Schwergewichte – auch auf den SLI sind ETFs verfügbar.

  1. Sollte man wissen, worin man investiert? Da kann ich Dir nur recht geben, es ist grundsätzlich immer gut, wenn man weiss, worin man investiert. Allerdings steht das in einem gewissen Gegensatz zur Idee der Diversifikation, die Dir ja sicher auch einleuchtet. Je breiter Du Deine Anlagen streust, desto grösser wird aber zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit, dass Du die Unternehmen nicht mehr gut kennst. Aber hier musst Du ehrlich mit Dir selber sein. Wie gut kennst Du z. B. Roche oder Novartis, die im SMI wie erwähnt ein grosses Gewicht haben, oder Tesla wirklich? Wenn Du nur in ausgewählte Unternehmen statt breit in den Markt investieren möchtest (man spricht dann von aktivem statt wie bei ETFs von passivem Anlegen), musst Du Dich laufend genau darüber informieren. Ausserdem ist es alles andere als einfach, die richtigen Unternehmen zum richtigen Zeitpunkt zu kaufen und allenfalls auch wieder zu verkaufen und damit besser als der Gesamtmarkt abzuschneiden. Ich empfehle Dir deshalb, vorerst breit in die Märkte zu investieren und vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt, wenn Du mehr über die Börse und die Unternehmen weisst, einen Teil aktiv anzulegen.
  2. Nein, Du kannst nicht fest mit 7 Prozent Rendite rechnen. Es handelt sich bei diesem Wert um eine grobe, aber brauchbare Schätzung für den Aktienmarkt insgesamt. Eine Garantie, dass Du nach 30 Jahren deswegen tatsächlich zum Millionär wirst, gibt es nicht. Aber je länger der Zeithorizont Deiner Anlage ist, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit dafür.
  3. Die Frage, weshalb man mit Aktien langfristig viel Geld verdient, ist nicht ganz einfach zu beantworten. Als Aktionär stellst Du einer Firma Eigenkapital zur Verfügung und wirst damit Eigentümer der Firma. Du profitierst also davon, wenn der Unternehmenswert zunimmt. Dieser nimmt dann zu, wenn die Produkte und Dienstleistungen, welche die Firma verkauft, von den Kundinnen und Kunden gefragt sind. Ein Teil des Gewinns wird in der Regel als Dividende an die Aktionärinnen und Aktionäre ausgeschüttet. Allerdings trägst Du als Aktionär auch das Risiko, dass Deine Firma nicht erfolgreich ist und dass Du deshalb einen Teil oder sogar Dein ganzes Geld verlierst, wie bei Meyer Burger. Aber erfahrungsgemäss eignen sich Aktien wie erwähnt doch am besten für den langfristigen Vermögensaufbau, auch wenn es verschiedene andere interessante Anlageklassen gibt.

Was spricht dagegen, die Aktien direkt statt über einen ETF zu kaufen? Du müsstest dann z. B. beim SMI von allen 20 Unternehmen Aktien im Verhältnis zur Indexgewichtung kaufen – das funktioniert nur bei sehr hohen Geldbeträgen. Ein ETF erspart Dir diese Arbeit und ist in kleinen Anteilen zu haben – Du bezahlst dafür dem Emittenten des ETFs eine vergleichsweise niedrige Gebühr. Ausserdem sind ETFs auf Indizes meist besser handelbar als Einzeltitel. ETFs sind sicher, weil Deine Anteile separat aufbewahrt werden und der Emittent keinen Zugriff darauf hat.

  1. Es ist wichtig, sich zu überlegen, was wäre, wenn man einen Teil des investierten Geldes doch einmal in flüssiger Form brauchen würde. Deine ETF-Anteile kannst Du jederzeit verkaufen, um zu Geld zu kommen. Möglicherweise ist der Moment dafür dann aber ungünstig, weil der entsprechende Aktienindex und damit Dein ETF gerade in einem Tief ist. Auch deshalb ist Deine Idee richtig, eine Reserve von einigen Tausend Franken auf dem Bankkonto zu halten – und diese bereits im Vorfeld von grösseren Anschaffungen wie einer Wohnung gezielt aufzustocken, wenn der Zeitpunkt für einen Verkauf von ETF-Anteilen günstiger ist.
  2. ChatGPT empfiehlt wohl deshalb die Onlinebroker, weil ihre Gebühren für Transaktionen und Depotführung (das Depot ist ein Konto für Deine Wertschriften) meist deutlich günstiger sind als bei traditionellen Banken, die aber teilweise ähnliche Lösungen anbieten. In der Regel ist die Beratung bei Banken besser. Aber mit ETFs auf den MSCI World und den SMI/SLI investierst Du breit in den Weltaktienmarkt und Deinen Heimmarkt. Das ist ein gutes Fundament, um mit Anlegen zu starten, und dafür brauchst Du nicht gross beraten zu werden. Später kann das anders aussehen.

Und dies noch zum Schluss: Ich finde es super, dass Du Dich so intensiv mit dem Thema Anlegen auseinandersetzt, weil dies zeigt, dass Du die Verantwortung für Deine finanzielle Unabhängigkeit ernst nimmst. Ich freue mich schon jetzt darauf, mich mit Dir beim nächsten Familientreffen über Deine ersten Erfahrungen zu unterhalten! Du wirst auch bald merken, dass es beim Anlegen so ist wie bei vielen anderen Dingen: Je mehr Du darüber zu wissen glaubst, desto mehr Fragen kommen auf …

Herzlicher Gruss
Anita