Drei Fragen an Simon Schmid

Daten und Data-Literacy

Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts. Doch was können Daten wirklich? Im Interview spricht Simon Schmid, Wirtschaftsreporter und Datenjournalist des Onlinemagazins Republik, über die Motivation für Daten und deren Kriterien. Zudem erläutert er, weshalb auch Lernende auf Sekundarstufe II von Data-Literacy Kenntnissen profitieren können.

 

In seinen Beiträgen beschäftigt sich Simon Schmid sowohl mit Aktualitäten als auch zeitlosen Themen. Sein Ziel ist es, die Geschichten zu erzählen, die hinter Statistiken stecken. Ein besonderes Anliegen von Schmid ist die Thematik des Klimawandels - unser Fokusthema 2021. So schrieb er zum Beispiel einen Artikel über die Aufschlüsselung von Emissionen und internationaler Klimagerechtigkeit. In einer aktuellen Serie setzt er sich mit der Klimafreundlichkeit von Schweizer Firmen auseinander.

Kürzlich hat er mit seiner Kollegin Marie-José Kolly das Buch «Auf lange Sicht – Daten erzählen Geschichten» herausgegeben. Wir haben Simon Schmid drei Fragen zu den Themen Daten, Datenjournalismus und Data-Literacy gestellt.

Ralph Winkler

Simon Schmid hat nebst einem Soziologie- und Volkswirtschaftsstudium in Basel und St. Gallen eine Ausbildung in Datenjournalismus an der Columbia School of Journalism absolviert. Als profilierter Experte im Bereich Datenjournalismus unterrichtet er nebst seiner journalistischen Tätigkeit am MAZ in Luzern und an der FHNW in Windisch.

Iconomix: Was ist das Faszinierende am Datenjournalismus?

Simon Schmid: Eine gute Grafik sagt mehr als tausend Worte – und eine schöne Grafik prägt sich in der Erinnerung ein: Daten ermöglichen ein tieferes Verständnis von Zusammenhängen und erschliessen neue Perspektiven auf ein Thema. Sie machen uns neugierig und regen uns zum Denken an. Aber sie zwingen uns auch, unsere Vorstellungen zu hinterfragen und uns mit der Realität auseinanderzusetzen, soweit diese in Daten abgebildet werden kann.

Als Datenjournalist setze ich deshalb auf Visualisierungen, weil mir genau dies wichtig ist. Ich nutze Daten, um Thesen zu prüfen und um Theorien zu erklären – und nicht zuletzt, um mir selbst eine Meinung zu einem Thema zu bilden. Aber ich nutze Daten auch, um aufzuzeigen, wo die Grenzen gängiger Erklärungen liegen und wie schwierig es oft ist, zu einem eindeutigen Urteil zu gelangen.

Im politischen Diskurs werden oft von mehreren Seiten Daten zur Legitimation der jeweiligen Anliegen und Meinungen aufgetischt. Können Daten und Datenjournalismus überhaupt objektiv sein?

Vollständige Objektivität ist per Definition eine Unmöglichkeit. Das gilt nicht nur im Datenjournalismus, sondern bei jeder Art von wissenschaftlicher oder journalistischer Arbeit. 

Bei der Arbeit mit Daten kommt ein weiterer Gesichtspunkt hinzu: Man ist darauf angewiesen, dass es zu einem bestimmten Gegenstand überhaupt Daten gibt. Dinge, die sich gut messen lassen – wie zum Beispiel der materielle Wohlstand – erhalten dadurch automatisch einen höheren Stellenwert gegenüber anderen Dingen – zum Beispiel die psychische Lebenszufriedenheit – die ebenfalls wichtig sind, aber eben weniger zuverlässig quantifiziert werden können.

Wichtiger als die Objektivität sind deshalb andere Kriterien: Nachvollziehbarkeit, Transparenz, Ausgewogenheit. Guter Datenjournalismus posaunt nicht nur Schlussfolgerungen in die Welt hinaus, sondern zeigt auch auf, wie die Auswertungen, auf denen sie beruhen, zustande kommen. Er ordnet die Aussagekraft von Statistiken und den dahinterstehenden Methoden ein und weist darauf hin, wenn alternative Methoden zu unterschiedlichen Schlüssen führen.

Iconomix stellt seit diesem September erstmals einen Daten-Themenblock als Unterrichtsmodul zur Verfügung. Inwiefern können Lernende auf Sekundarstufe II von Data-Literacy Kenntnissen profitieren?

Wir leben nicht erst seit der Corona-Pandemie in einer Zeit, in der viele Informationen aus den unterschiedlichsten Quellen in hohem Takt auf uns niederprasseln. Wir werden dabei mit Grafiken und Statistiken konfrontiert, die wir stets aufs Neue kritisch begutachten müssen: Stimmt die Botschaft, die man uns da übermitteln will? Wurde verantwortungsvoll mit Daten umgegangen? Sind die Visualisierungen nach bestem Wissen und Gewissen erstellt oder versucht hier jemand, uns mit statistischen Taschenspielertricks – zum Beispiel abgeschnittene Achsen oder falsche Vergleichsgrössen – übers Ohr zu hauen?

Um dies einzuschätzen, sind Kenntnisse in Data Literacy sehr hilfreich. Wer im Schulunterricht selbst mit Daten gearbeitet und Grafiken erstellt hat, erhält ein besseres Verständnis dafür, worauf es beim Betrachten von Daten und Visualisierungen ankommt und wird besser in der Lage sein, ernstzunehmende Informationen von überspitzten Darstellungen oder sogar von Fake News zu unterscheiden.             

Ralph Winkler

Buch «Auf lange Sicht – Daten erzählen Geschichten»

Das Sachbuch «Auf lange Sicht – Daten erzählen Geschichten» ist eine Best-of Sammlung der seit dem Jahr 2018 regelmässig publizierten Republik-Datenkolumnen. Im Fokus steht die Berichterstattung zu den Themen Wirtschaft, Soziales, Klima und Politik zum Leben. Dabei werden insbesondere eigens ausgewertete Datenquellen mittels lesefreundlichen und informativen Grafiken visualisiert.

Artikel «Klimagerechtigkeit - Wer am meisten für das Klima tun muss»

Dieser Artikel von Simon Schmid zeigt auf, dass je nach Art und Weise, wie man Emissionen aufschlüsselt, unterschiedliche Länder und Weltregionen eine grössere Verantwortung in der Bekämpfung des Klimawandels tragen. 

 

Thread «Was hat Datenjournalismus in der Pandemie geleistet?»

In diesem Twitter-Thread erläutert Simon Schmid, was Datenjournalismus in der aktuellen Pandemie bisher geleistet hat.

 

Wie greift Iconomix das Thema konkret auf?

Daten-Themenblock «CO2-Emissionen und Erderwärmung» - ein Pilot

Dieser erste Iconomix-Daten-Themenblock befähigt die Lernenden dazu, eine Verbindung zwischen der sich verändernden CO2-Konzentration in der Atmosphäre und den historischen Temperaturentwicklungen herzustellen. Dabei werden die Lernenden durch einen handlungsorientierten Arbeitsauftrag angeleitet, Daten zu analysieren sowie Grafiken zu erstellen. Dank zwei unterschiedlich komplexer Arbeitsaufträge ist der Daten-Themenblock für alle Schultypen geeignet.