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Inflation oder Deflation?
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Inflation oder Deflation?
Mittwoch, 27. März 2013

Droht Inflation? Oder steht das Deflationsgespenst vor der Tür? Ernst Baltensperger – der Doyen der Geld- und Währungspolitik – schreibt in der Zeitschrift «Schweizer Monat», wohin uns die aktuelle Geldpolitik führen könnte.

 

Bild: Wikipedia

Gleich zu Beginn des Artikels betont Ernst Baltensperger, wie wichtig eine stabilitätsausgerichtete Geldpolitik ist: «Eine stabile Währung ist eines unserer höchsten volkswirtschaftlichen Güter, vergleichbar mit einem vertrauenswürdigen Rechtssystem oder der öffentlichen Sicherheit.»

Doch eine stabile Währung ist nicht selbstverständlich. Nicht nur Inflation – auch Deflation haben im 20. Jahrhundert für Schrecken gesorgt. Es ist also kein Wunder, dass sich die Menschen auch heute wieder Sorgen über die Zukunft des Geldes machen.

Doch wie wird diese Zukunft aussehen? Bringt sie Inflation oder gar Hyperinflation mit sich? Oder steht umgekehrt das Gespenst der Deflation vor der Tür? Die Meinungen der Experten gehen auseinander.

Inflations- und Deflationspropheten

Ernst Baltensperger unterscheidet zwei Gruppen: Die Inflations- und die Deflationspropheten. Uneinigkeit herrscht in der Ökonomen-Gilde aber nicht etwa, weil kein passendes Modell vorhanden wäre, sondern weil unklar ist, wie sich die wichtigsten Akteure – die Zentralbanken – in Zukunft verhalten werden.

Für die Deflationspropheten – wie den Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman – liegt die grosse Gefährdung unserer Zeit in der Deflation. Preiserhöhungen auf breiter Basis seien gar nicht möglich, solange die Wirtschaft mit hoher Arbeitslosigkeit, unausgenutzten Produktionskapazitäten und niedrigem Wachstum vor sich hin dümpelt.

Zusammengefasst entgegnet Baltensperger den Deflationspropheten folgendermassen: Deflation wird zwar oft mit Rezession verbunden. Die Liquiditätsschwemme der Zentralbanken könnte aber über die Inflationserwartung trotz schwacher Wirtschaft zu einer Inflation führen.

Seit den 70er und 80er Jahren ist das Phänomen der Stagflation bekannt: «Wirtschaftliche Stagnation und monetäre Inflation können durchaus zusammengehen, wenn einmal Inflationserwartungen entstanden und in den Köpfen der Leute verankert sind.»

Sind die Inflationserwartungen bereits hoch und kommt es zu einem allgemeinen Nachfragedruck, so wird die effektive Preiserhöhung das Ausmass der bestehenden Inflationserwartung noch übersteigen.

Wie steht es um die momentanen Inflationserwartungen? Seit den 90er Jahren sind die Inflationserwartungen aufgrund einer stabilitätsorientierten Geldpolitik der meisten europäischen Zentralbanken auf tiefem Niveau verankert.

Die Annahme ist aber ziemlich kühn, dass die Inflationserwartungen – angesichts der immensen Liquiditätsschöpfung durch die Zentralbanken in den letzten Jahren – auch in der Zukunft auf tiefem Niveau verankert bleiben, so Baltensperger.

Auch die Inflationspropheten werden vom emeritierten Wirtschaftsprofessor in die Zange genommen: Die Zentralbanken haben zwar extrem viel Liquidität geschöpft. Aber diese Liquiditätsschöpfung ist Ausdruck einer krisenbedingt enorm erhöhten Geldnachfrage. Würden die Zentralbanken keine expansive Geldpolitik betreiben, so käme dies einer restriktiven Geldpolitik gleich. Die Konsequenzen für die Realwirtschaft wären fatal.

Entscheidend dafür, ob Inflation entsteht oder nicht wird aber sein, dass die Zentralbanken diese Liquidität wieder rechtzeitig abschöpfen, wenn sich die Geldnachfrage stabilisiert hat. Und hier liegt laut Baltensperger der Hund begraben:

«Technisch ist die Geldabschöpfung ohne Zweifel machbar, die Instrumente sind vorhanden. Aber werden die Zentralbanken den Willen und die politische Unabhängigkeit besitzen, diese auch hinreichend einzusetzen?»

Problematisch ist vor allem die Rolle der Politik. Staaten die an der drückenden Last hoher Staatschulden leiden, betrachten eine begrenzte Inflation wohl als wünschenswert: Die realen Staatsschulden schmelzen und die Konjunktur und Volkswirtschaft wird kurzzeitig stimuliert. Inflation führt dazu, dass Geld weniger wert ist. Dadurch werden auch deren Schulden kleiner.

Kurz- und langfristige Prognose

Ernst Baltensperger wagt dann auch eine kurz- und eine langfristige Prognose. In der kurzen Frist geht er nicht von einem Anstieg des Preisniveaus aus. Die gedämpfte Konjunktur wird eher zu einem leichten Sinken des Preisniveaus führen.

Dies ist laut Baltensperger auch nicht weiter schlimm, solange daraus nicht ein eigentlicher Deflationsprozess entsteht. Ein Deflationsprozess, wäre eine über längere Zeit anhaltende, von entsprechenden Erwartungen getragen Tendenz zu stets tieferen und noch tieferen Güterpreisen. Aufgrund der Geldschwemme ist dies für den Doyen der Schweizer Geldpolitik nur schwer vorstellbar.

Längerfristig schätzt er die Gefahr von Inflation aber als relativ hoch ein. Die Liquiditätsabschöpfung – die notwendig sein wird, um Inflation zu verhindern – dürfte sogar in der Schweiz auf politischen Widerstand stossen. Was die USA betrifft, ist er sogar ziemlich sicher, dass das Geld zu spät abgeschöpft wird, um die Staatsverschuldung zu vermindern. Das Gleiche gilt für die EU: Hier hilft Inflation, um das Wettbewerbsgefälle zwischen dem Süden und dem Norden zu verringern. Die Schulden des Südens werden kleiner und die Konjunktur wird kurzfristig belebt.

Der Ökonom will aber auch nicht Schwarzmalen. Eine Hyperinflation ist für ihn unwahrscheinlich: «Diese Schreckensperioden waren meist Folgen von grossen Kriegen und Begleiterscheinungen massiver gesellschaftlicher Unordnung und Desintegration aufgetreten.»

Ernst Baltensperger mahnt aber auch zur Vorsicht mit Prognosen: «Die superexpansive Geldpolitik der Gegenwart ist historisch ohne Präzedenz. Die Dynamik längerfristiger Inflationserwartungen in dieser Situation ist extrem schwer fassbar, wir haben keine diesbezüglichen Erfahrungen. Eine Destabilisierung von Inflationserwartungen könnte unter solchen Bedingungen sehr plötzlich einsetzen.»

Bagatellisierung der Inflation

Viele Menschen sind heute der Ansicht, dass ein bisschen Inflation gar nicht schlecht ist. Doch die Geschichte hat gezeigt, dass es ist nicht ganz einfach ist, ein «bisschen Inflation» unter Kontrolle zu halten.

Baltensperger warnt davor, Inflation zu bagatellisieren. Eine Mindestinflation ist heute salonfähig. Die gegenwärtige Generation ist ohne aktives Inflationserlebnis herangewachsen. Sie hat das Gefühl, dass die Inflation heute gemäss neuer Gesetzmässigkeit funktioniert und nichts mehr mit Geldpolitik zu tun hat. Nach dem Motto: «This time is different!»

Lesen Sie auch: Der Schweizer Franken – Eine Erfolgsgeschichte oder Der Exit

Zum Thema:

  • Schweizer Monat. Deflation, Inflation – oder gar beides? Artikel von Ernst Baltensperger. (12.2012 – nicht online verfügbar)
  • SRF. Deflation. ECO erklärt in einem Video wie Deflation den Wirtschaftskreislauf praktisch zum Erliegen bringt. (23.08.2010 – 1:05)
  • Europäische Zentralbank. EZB und das Inflationsmonster. (8:17)

Für das iconomix-Team
Patrick Keller

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Kommentare

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Thomas Eckert - Finanzrepression

Wir stecken durch die niedrigen Zinssätze in einer einfachen Finanzdepression - Vermögenstransfer von Sparern zu Schuldnern! Klassischer Schuldenabbau der Staaten auf Kosten der Sparer!

18.04.2013 Antworten

Michel Benedetti - Deflation oder Deflationstendenz?

War Japan in den 90er Jahren in einer nach Schulbuch korrekten Deflation oder gab es bloss Deflationstendenzen durch sinkende Preise? Für den Laien ist es nicht immer klar, wo die Nuancen liegen :-)

13.01.2014 Antworten

Pascal Züger - Re: Deflation oder Deflationstendenz?

Lieber Herr Benedetti. Als Deflationsprozess bezeichnen Ökonomen eine über längere Zeit anhaltende, von entsprechenden Erwartungen getragene Tendenz zu stets tieferen und noch tieferen Güterpreisen. «Deflationstendenzen» würden wir dagegen definieren als eine vorübergehend negative Inflation. In Japan beobachtete man in den 1990er Jahren einen eigentlichen Deflationsprozess. Dagegen beobachteten wir in der Schweiz über die letzten zwei Jahre eine negative Inflation, also ein leichtes Sinken des Preisniveaus, was nicht weiter schlimm ist, solange dies ein vorübergehendes Phänomen bleibt. Für das iconomix-Team: Pascal Züger

23.01.2014 Antworten