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Chinas Ausbildungssystem produziert am Arbeitsmarkt vorbei
China
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Chinas Ausbildungssystem produziert am Arbeitsmarkt vorbei
Sonntag, 22. Mai 2016

Ausbildung in China – Teil 2

Chinesische Schüler müssen extrem viel lernen. Doch für das Berufsleben und die Anforderungen einer innovativen Wirtschaft zum Teil das Falsche.

Fabrik des Elektrokomponentenherstellers Schaffner in Schanghai. In China herrscht ein Mangel an hochqualifizierten Fachkräften. Bild: Elisabeth Tester

China muss in den kommenden Jahren die Wirtschaft aufwerten und die Produktivität steigern. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für dieses «Upgrading» sind besser und gezielter ausgebildete Fachkräfte – denn nur mit hoch produktiven und innovativen Arbeitskräften kann das Land der Einkommensfalle entkommen und der Wertschöpfungskette entlang nach oben wandern. Doch das Ausbildungssystem in China hinkt den Anforderungen der Wirtschaft hinterher.

Für Chinaökonomen ist eine der wichtigsten Fragen überhaupt, ob das Land es schafft, der «middle income trap» zu entkommen. Die Falle der mittleren Einkommen beschreibt den Zustand von Volkswirtschaften, «…die eingeklemmt sind zwischen der Konkurrenz von armen Tieflohnländern, die bestimmte Industrien dominieren, und den Innovatoren aus reichen Ländern, die einen raschen technologischen Wandel durchmachen…» (Weltbank, 2007, p. 5). Ein Land tappt in die Falle, wenn es seinen Wettbewerbsvorteil für den Export von Gütern verliert, weil die Lohnkosten steigen. Will China nicht in der Einkommensfalle stecken bleiben – wie es so vielen Schwellenländern passiert ist – muss das Ausbildungssystem besser werden.

Breite Basis – dünne Spitze

In punkto Ausbildung hat China in den letzten Jahrzehnten enorm viel geleistet. Die 1985 eingeführte Schulpflicht von neun Jahren trug unter anderem dazu bei, dass heute 96 Prozent der Gesamtbevölkerung und 99,7 Prozent der 15- bis 24-Jährigen lesen und schreiben können, ein Wert, der demjenigen westlicher Industrieländer entspricht. Dank dem weitgehend vereinheitlichten und streng prüfungsorientierten System erhielten die meisten Chinesen in den letzten 30 Jahren eine recht breite Ausbildung, die in Richtung Naturwissenschaften und zuweilen auch Parteidoktrin tendierte.

Viele Jahre lang genügte diese Ausbildung, um in einer sozialistischen Wirtschaft zu bestehen und Karriere zu machen. Im heutigen Umfeld einer zunehmend offenen und globalisierten Marktwirtschaft stösst das chinesische Ausbildungssystem jedoch an seine Grenzen; es vermittelt diejenigen Kenntnisse und Fähigkeiten, die vom Arbeitsmarkt nachgefragt werden, nur ungenügend.

Für das grosse Eintrittsexamen an die Universitäten – das Gaokao – wird fast alles auswendig gelernt. Die Fähigkeit, vernetzt zu denken und eigene Theorien und Modelle zu entwickeln, wird dann auch an den meisten Universitäten nicht oder zu wenig gefördert. Dieser Mangel tritt schon in der Primarschule zutage, nicht zuletzt weil das Erlernen der chinesischen Sprache sehr aufwendig und lernintensiv ist. Primarschüler wenden bis zu fünf Stunden täglich nur dafür auf, Tausende von Schriftzeichen lesen und schreiben zu lernen. (Vergleiche Iconomix Blog vom 20. März 2016: «In der Schule in Schanghai: Chinesisch, Militärtraining und Autofahrstunden»)

Auf universitärer Ebene versucht China, diesem Missstand zu begegnen. Viele der besten Hochschulen sind Partnerschaften mit westlichen Universitäten eingegangen, darunter mit US-Eliteschulen wie der Harvard Business School, dem französischen INSEAD, der London School of Economics und der Universität St. Gallen. Doch immer noch schickt, wer es sich leisten kann, sein Kind zum Studium ins Ausland – und viele der im Ausland ausgebildeten Chinesen bleiben gleich dort, was die Abwanderung gut qualifizierter Landsleute verstärkt.

Diskrepanz zwischen Stadt und Land

Ein weiteres Hauptproblem des chinesischen Ausbildungssystems ist die Diskrepanz zwischen Stadt und Land. Die schulischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen, die auf dem Land aufwachsen, sind deutlich schlechter als die Leistungen städtischer Kinder. Das trifft auch für die in den Städten lebenden Migrantenkinder ohne Wohnsitzbescheinigung zu, die nur begrenzt Zugang zu den dortigen öffentlichen Schulen haben.

Ebenso ist der Anteil an Jugendlichen, die in ländlichen Gebieten eine universitäre Ausbildung absolvieren, viel tiefer als in urbanen Zentren, und die Zahl der frühzeitigen Schulabgänger ist deutlich höher. Wie die Schüler müssen sich in China auch die Lehrer einem Ranking stellen, und die guten Lehrer wollen in der Stadt arbeiten, wo sie mehr verdienen und durch gut bezahlte Privatstunden ihr Gehalt weiter aufbessern können.

Mit dualem Modell zum Markt

Das Bildungswesen produziert am Markt vorbei. Während unzählige Universitätsabsolventen keine Arbeitsplätze finden, zeichnet sich bereits heute in vielen Industriesektoren ein deutlicher Fachkräftemangel ab. Die berufliche Bildung steckt noch in den Kinderschuhen, und es mangelt ihr an Praxisbezug. Chinesische und ausländische Unternehmen müssen ihre Fachkräfte selbst ausbilden. Das ist oft frustrierend, da von Schindler oder Siemens ausgebildete Mitarbeiter natürlich sehr begehrt sind und dann von inländischen und ausländischen Konkurrenten mit Phantasiesalären abgeworben werden.

Die chinesische Regierung will das Ausbildungssystem und die technologische Leistungsfähigkeit der Wirtschaft mit hoher Priorität verbessern. Sie setzt dazu verschiedene Instrumente ein wie zusätzliche Forschungs- und Entwicklungsausgaben an Universitäten, Steueranreize für im Bereich der Hochtechnologie tätige Unternehmen, die Akquisition ausländischer Technologieunternehmen durch chinesische Staatsbetriebe und einen verbesserten Schutz des geistigen Eigentums.

Bis zum Jahr 2020 soll ein Berufsbildungssystem aufgebaut werden, das sich an dem deutschen oder schweizerischen dualen Modell orientiert. Zudem werden massive Anstrengungen unternommen, die Ausbildungsschere zwischen Stadt und Land zu schliessen. Doch es stehen nur begrenzt Ressourcen zur Verfügung und dieses Unterfangen dürfte sehr langwierig sein.

Elisabeth Tester,
Ökonomin, Journalistin
Ehem. Chinakorrespondentin von «Finanz und Wirtschaft», Wirtschaftspublizistin «From facts to stories», lebt in Schanghai und Zürich. Spezialistin China, makroökonomische Themen und Rohstoffe.

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.


Der erste Teil zum Thema Ausbildung in China erschien am 20. März 2016:

«In der Schule in Schanghai: Chinesisch, Militärtraining und Autofahrstunden»

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