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Sonntag, 21. Februar 2016

Geduldige Kinder sind als Erwachsene erfolgreicher. Selbstkontrolle sollte darum bereits an der Primarschule unterrichtet werden. Wie das gehen könnte, zeigen Bildungsforscherinnen aus der Türkei.

Höllenqualen beim Anblick der «verbotenen Frucht»: Seine Fähigkeit, der Versuchung zu widerstehen, wird ihn später erfolgreich machen. Bild: Youtube – IgniterMedia

Was ist bloss diesem Kind passiert? Nichts Schlimmes, es übt einfach nur Geduld: Der Junge wird ein zweites Marshmallow erhalten, falls er es schafft, 15 Minuten lang der Versuchung zu widerstehen, ein erstes Marshmallow (dasjenige in seiner Hand) zu essen.

Die Rede ist vom berühmten Marshmallow-Experiment, das der amerikanische Psychologe Walter Mischel 1970 an der Stanford University erstmals durchführte. Ursprünglich wollte Mischel damit die Strategien zum Belohnungsaufschub bei 4- bis 6-jährigen Kindern untersuchen. Einen amüsanten Einblick in den Versuchsablauf bietet dieses Video.

Erst Jahre später zeigte die Auswertung der Lebensläufe der ehemaligen Probanden Erstaunliches: Die Kinder, die es schafften, für eine spätere Belohnung auf den sofortigen Konsum zu verzichten, sind als Erwachsene signifikant erfolgreicher. Sie erreichen höhere Bildungsabschlüsse, bessere Arbeitsverhältnisse, sind seltener Raucher und trinken weniger Alkohol als ihre ungeduldigeren Kameraden aus dem Kindergarten.

Unterschätze Rolle der nicht-kognitiven Fähigkeiten

Die Marshmallow-Tests von Walter Mischel haben seit den 70er-Jahren weitere Studien zu intertemporalen Entscheidungen bei Kindern und Jugendlichen inspiriert. Mehrere Arbeiten aus dem Bereich der Entwicklungspsychologie und der experimentellen Ökonomie bestätigen die zentrale Rolle der Geduld für den Lebenslauf: Geduldige Jugendliche sind nicht nur als Erwachsene meist besser ausgebildet, treiben mehr Sport und ernähren sich gesünder. Sie geraten auch bereits im Jugendalter weniger in finanzielle Schwierigkeiten und werden seltener ungewollt schwanger.

Zwar hat diese Forschung über die vergangenen Jahrzehnte zur Einsicht geführt, dass die sogenannten «nicht-kognitiven Fähigkeiten» wie Neugierde, Selbstkontrolle und eben Geduld für die menschliche Entwicklung mindestens so wichtig sind, wie die kognitiven Fähigkeiten, die klassischerweise in der Schule gefördert werden. Allerdings ging man bisher davon aus, dass die Ausbildung der nicht-kognitiven Fähigkeiten hauptsächlich im Frühkindalter, insbesondere in den ersten beiden Lebensjahren, abläuft.

Geduld ist lern- und lehrbar

Eine neuere Studie zweier Ökonominnen aus der Türkei zeigt nun, dass sich die fürs spätere Leben so wichtige Geduld in der Primarschule gezielt fördern lässt.

Die beiden Forscherinnen Sule Alan und Seda Ertac der Koç-Universität Istanbul entwickelten dazu ein achtwöchiges Unterrichtsprogramm, das an mehreren Istanbuler Grundschulen in Klassen von neun bis zehnjährigen Kindern eingesetzt wurde.

Dabei wird das wirtschaftliche Abwägen zwischen Gegenwart und Zukunft mittels Fallbeispielen und Gruppenspielen thematisiert. Beispielsweise diskutieren die Klassen die Geschichte «Zeyneps Zeitmaschine»: Das Mädchen Zeynep wünscht sich ein Fahrrad und kann sein Taschengeld entweder dafür sparen oder doch lieber sofort für kleinere Käufe ausgeben. Mittels Zeitmaschine reist Zeynep dann zwei Mal in die Zukunft, um die späteren Konsequenzen ihres Spar- bzw. Konsumentscheides direkt zu erleben.

Sule Alan in einer Schulklasse. Bild: S. Alan

Nach dem achtwöchigen Themenblock messen die Forscherinnen Alan und Ertac den Effekt auf die Geduld der Schüler und Schülerinnen. Dazu wird den Kindern eine Auswahl an Geschenken gezeigt. Sie entscheiden darauf, ob sie sofort eine Belohnung oder lieber eine Woche später eine grössere Zahl Geschenke erhalten möchten. Zusätzlich zu diesem experimentellen Test werden die regulären Verhaltensnoten ausgewertet, die alle Schüler am Ende des Schuljahres im Zeugnis erhalten.

Die Ungeduldigsten sind am lernfähigsten

Die Resultate der Studie:

  • Die Kinder, die am achtwöchigen Themenunterricht teilnahmen, sind im Vergleich zum eigenen Verhalten davor und zu anderen Klassen geduldiger: Im Test entscheiden sie sich leichter für den Aufschub der Belohnung in die Zukunft.
  • Die teilnehmenden Kinder erzielen signifikant bessere Verhaltensnoten.
  • Der Effekt ist langfristig: Auch ein Jahr nach Ende des Programms sind sowohl die Resultate beim experimentellen Test als auch die Verhaltensnoten weiterhin besser.
  • Der Lerneffekt ist für diejenigen Kinder am stärksten, die vor dem Programm am ungeduldigsten waren, d. h. eine starke Präferenz für sofortige Belohnung hatten. Für die Schwächsten ist also bei entsprechender Förderung ein Aufholeffekt möglich.

Gegen soziale Ungleichheit

Die Studie von Alan und Ertac ist ein interessantes Beispiel für experimentelle Verhaltensökonomie in der Bildungsforschung. Sie reiht sich ein in eine Serie von Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet. Ein guter Überblick dazu bietet dieser NZZ-Artikel.

Inzwischen ist sowohl aus der schulischen Praxis wie auch aus der Wissenschaft gut bekannt, welche spezifischen Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen für eine erfolgreiche Ausbildung zentral sind. Alan und Ertac zeigen aber erstmals empirisch, wie nicht-kognitive Skills – wie Selbstkontrolle und Belohnungsaufschub – im Schulumfeld gezielt gefördert werden könnten.

Die Aufnahme solcher Persönlichkeitsbildung in die Lehrpläne der Primarschule wäre mit geringem Aufwand möglich. Da sich Geduld so positiv auf spätere Einkommen und die persönliche Gesundheit auswirkt, drängt sich die aktive und frühe Förderung dieser Schlüsselkompetenz auf. Gerade vor dem Hintergrund steigender Ungleichheit und explodierender Gesundheitskosten könnte sich dies als effiziente und kostengünstige Alternative zu makroökonomischer Umverteilungspolitik erweisen.

In diesem Sinne wären weitere Inputs aus der Bildungsforschung und ein engerer Austausch zwischen Forschern, Bildungspolitikern und Lehrpersonen zu begrüssen.


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Für das iconomix-Team,
Samuel Berger

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