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Ölpreis im Sinkflug
Freitag, 06. Februar 2015

Das Ende des Erdölzeitalters und steigende Preise werden schon lange angekündigt. Momentan ist jedoch der Ölpreis auf Talfahrt. Ein Blick auf die Marktentwicklung des schwarzen Goldes.

Erdölraffinerie in Kuwait. (Quelle: Wikimedia / Lokantha)

«Während es Kohle noch für Jahrtausende gibt, gibt es Öl nur noch für wenige Jahrzehnte.» Dieses Zitat ist nicht etwa der aktuellen Tagespresse entnommen, sondern dem Werk «Ölkrieg» des österreichischen Sachbuchautoren Anton Zischka aus dem Jahre 1939. Begründet wird dies seit jeher mit dem ungebrochenen Durst der Weltwirtschaft nach dem Schwarzen Gold und den gleichzeitig begrenzten Vorräten. So gesehen kann es beim Erdölpreis eigentlich nur eine Richtung geben, nach oben.

Berechnungen zufolge reicht das Öl noch 40 Jahre, und das schon seit über 30 Jahren. Seit Anfang der 1980er Jahre publiziert der britische Ölkonzern BP die sogenannte Reserves-to-production ratio, eine Grösse, welche die bekannten Erdölvorkommen ins Verhältnis zur Jahresproduktion setzt. Das Ergebnis ist immer ungefähr dasselbe: Die Ölvorkommen betragen rund das Vierzigfache der Jahresproduktion. Bei genauem Hinsehen zeigt sich sogar ein leichter Aufwärtstrend, im letzten Bericht betrug der Wert über 50.

Der weltweite Verbrauch steigt und steigt und beträgt inzwischen 91 Millionen Fass, das sind über 14 Milliarden Liter – pro Tag. Treibende Kräfte sind insbesondere aufstrebende Volkswirtschaften mit grosser Bevölkerungszahl wie China und Indien. Trotz steigendem Verbrauch hat sich bisher die Prophezeiung des zur Neige gehenden Erdöls nicht bewahrheitet. Im Gegenteil, das Ende des Ölzeitalters scheint immer in weitere Ferne zu rücken.

Dafür sorgen neue Funde von Erdölfeldern wie beispielsweise Ende 2007 vor der Küste Brasiliens, wo Vorkommen in Höhe von 33 Milliarden Barrel entdeckt wurden. Die USA haben ihre Fördermengen durch den Gebrauch der umstrittenen Fracking-Methode in den letzten Jahren sprunghaft erhöht. Durch die Erschliessung von Schieferölstätten und anderen Gesteinsschichten sind sie auf gutem Weg, bald zum grössten Erdölproduzenten aufzusteigen.

Die Mär vom steigenden Ölpreis

Die steigenden Fördermengen sind nicht spurlos am Preis vorbeigegangen. Seit letztem Sommer machte der Preis der Referenzsorte West Texas Intermediate (WTI) eine Talfahrt von über 100 US Dollar auf mittlerweile 45. Saudi Arabien hat bisher keine Bemühungen unternommen, durch Drosselung der eigenen Produktion dem Preiszerfall entgegenzuwirken. Ausgerüstet mit riesigen leicht förderbaren Erdölreserven, scheinen sie für einen Preiskampf mit den Amerikanern gewappnet zu sein.

Viele Beobachter rufen in Erinnerung, dass der Ölpreis nicht tief sei, vielmehr hätten wir uns ans teure Rohöl gewöhnt. In der Tat war bis zur ersten Erdölkrise im Jahre 1973 das Fass WTI für 3.50 US-Dollar zu haben. Die aktuell 45 US-Dollar pro Fass scheinen vor diesem historischen Hintergrund immer noch ein stattlicher Preis zu sein. Geschweige denn die bis im letzten Sommer vorherrschenden über 100 US-Dollar.

Diese Analysen zum Ölpreis in US-Dollar greifen jedoch zu kurz. Es handelt sich dabei lediglich um ein Austauschverhältnis zwischen Dollar und Rohöl, das hat mit dem Wert des Öls nur sehr bedingt etwas zu tun. Es stellt sich daher die Frage: Hat der Dollar seit den 1970er Jahren an Wert verloren oder hat das Öl tatsächlich an Wert gewonnen (oder beides)? Die folgende Grafik bringt Aufklärung.

Entwicklung des Erdölpreises (WTI) korrigiert um Wechselkursveränderung und Inflation (Quelle: Federal Reserve Bank St. Louis, Bundesamt für Statistik, eigene Berechnungen).

Die blaue Linie stellt die Notierung der Sorte WTI in US-Dollar dar.1 Da Öl an den Rohstoffbörsen in Dollar gehandelt wird, ist dies die medial am weitesten verbreitete Darstellung. Von Januar 1971 bis Dezember 2014 hat sich der Preis in US-Dollar mehr als versechzehnfacht (zwischenzeitlich war er über 35 Mal höher).

Uns kann dieser trendmässige Anstieg eigentlich egal sein. Wenn schon, dann interessiert uns der Ölpreis in Schweizer Franken, hier grün dargestellt. Diese Kurve korrigiert die Ölpreisentwicklung um die Aufwertung des Frankens gegenüber dem Dollar. Wenn beispielsweise der Ölpreis um 10% steigt, gleichzeitig aber der Franken 10% gegenüber dem Dollar aufwertet, dann ist aus Schweizer Sicht nichts passiert. In Franken gerechnet ist der Ölpreis heute lediglich 3,7 Mal höher als 1971. Der Rest ist auf den Wertverlust des Dollars zurückzuführen, dieser hat in der besagten Periode gegenüber dem Franken 80% seines Werts verloren.

Wenn dieser grün dargestellte Preisverlauf um die Inflationsrate in der Schweiz bereinigt wird, verbleibt noch ein effektiver Preisanstieg des Erdöls von 30% gegenüber 1971 (rot dargestellt). Von der Versechzehnfachung des Preises für das Schwarze Gold sind bei genauerem Hinsehen 61% auf die schiere Abwertung des Dollars gegenüber dem Franken und 33% auf die Inflation in der Schweiz zurückzuführen. Nur die verbleibenden 6% können tatsächlich als Verteuerung des Erdöls interpretiert werden.

Neuste Aufwertung des Schweizer Frankens

Obige Analyse stützt sich auf Daten bis Dezember 2014. Die Aufhebung der Wechselkursuntergrenze in diesem Januar hat den Schweizer Franken nicht nur gegenüber dem Euro, sondern auch gegenüber dem Dollar und dem Erdöl sprunghaft aufwerten lassen. Wenn man die aktuellsten Zahlen (Mitte Januar 2015) zu Ölpreis und Wechselkurs heranzieht, ist das Öl heute kaufkraftbereinigt sogar rund 10% billiger als 1971 vor der ersten Erdölkrise.

1 Die Werte sind für das Jahr 1971 auf 100 normiert. Der Wert für Dezember 2014 von 1665 bedeutet daher, dass der Ölpreis 16,65 Mal höher war als im Jahre 1971.

Siehe auch

David Staubli,
Ökonom, MSc der Universität Basel, Doktorand und Lehrassistent an der Universität Lausanne

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

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