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Ein Unternehmer namens Staat
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Ein Unternehmer namens Staat
Mittwoch, 23. Juli 2014

Hand auf’s Herz: Was geht Ihnen als erstes durch den Kopf, wenn Sie an den Staat denken? Eine innovative Institution, die als Treiberin wichtigster Erfindungen die Wirtschaft vorantreibt? Wohl kaum.

Wer hat’s erfunden? Richtig, der Staat (Bild: Wikimedia / Blake Patterson)

Mariana Mazzucato betreibt in ihrem Buch «The Entrepreneurial State: Debunking Public vs. Private Sector Myths» Image-Pflege: «Der Staat hat den Markt nicht nur stabilisiert, sondern aktiv kreiert», lautet ihre Überzeugung.

Der Staat hinter Apple und Co.

Apple gilt als eine der weltweit innovativsten Firmen, dessen Produkte unsere Kommunikation und Arbeit grundlegend verändert haben. Doch Mazzucato schaut genauer hin: Fast alle Innovationen von Apple basieren auf über 70 Jahren staatsfinanzierter Forschung. Egal ob Internet, Wi-Fi, GPS, Touchscreen oder die virtuelle Assistentin «Siri» - All diese wichtigen Erfindungen haben ihren Ursprung beim Staat.

Beispiel Multi-Touch-Screen: Eine Technologie, die es ermöglicht, auf dem Bildschirm gleichzeitig mehrere Berührungen mit den Fingern zu erfassen. Auf dem Smartphone kann man damit die Grösse der Display-Darstellung verändern. Erfunden hat diese einzigartige Technologie die Firma FingerWorks, die von der Universität Delaware gegründet und mit Forschungsgeldern der amerikanischen National Science Foundation1 ausgestattet wurde. Ebenfalls von der National Science Foundation finanziert wurde jener Suchalgorithmus, welcher Google zum Ruhm geführt hat.

Apple und Google stellen damit keine Ausnahmen dar: Mazzucato untermauert ihre These mit zahlreichen weiteren Beispielen aus der Pharma-, Nanotechnologie- und Softwarebranche. Private Initiative und Risikokapital spielen in genannten Wirtschaftszweigen zwar eine Rolle, doch die entscheidenden technologischen Durchbrüche wurden überwiegend von der öffentlichen Hand finanziert, so Mazzucatos Erkenntnis.

Private denken kurzfristig

Private Risikokapitalgeber erwarten üblicherweise nach drei bis fünf Jahren eine Rendite aus ihren Investitionen. Staatliche Forschung und Investition hingegen erstreckt sich über den ganzen Innovationszyklus von 15 bis 20 Jahren. Durch den öffentlichen Sektor konnten völlig neue Forschungsfelder wie die Raumfahrt-, Luftfahrt- oder Nanotechnologie entwickelt werden.

Der Staat nimmt grosse Risiken in Kauf – ohne Aussicht auf eine hohe Rendite. Private Unternehmen hingegen sind weniger risikobereit, heimsen aber gerne hohe Renditen ein. In diesem Zusammenhang erwähnt Mazzucato, dass wir «Risiken sozialisieren und Renditen privatisieren». Eine Aussage, die auch oft im Zusammenhang mit der Bankenkrise zu hören war.

Mazzucato schlägt vor, Staaten am Erfolg ihrer grundlegenden Erfindungen teilhaben zu lassen. Konkret sieht sie dazu drei Möglichkeiten:

  1. Der Staat hält Eigenkapital bei Firmen, die von staatlicher Forschung profitieren.
  2. Der Staat behält den Hauptanteil der Eigentumsrechte der Erfindungen.
  3. Der Staat bekommt das investierte Geld in Raten – abhängig vom Gewinn - zurückbezahlt. Ähnlich funktionieren übrigens Studentendarlehen in Amerika.

«Nachdem Google einen Profit von mehreren Milliarden gemacht hat, sollte da nicht ein Teil des Gewinns an die öffentliche Institution zurückfliessen, die den dahinterliegenden Algorithmus erfunden hat?», fragt denn Mazzucato ein bisschen provokativ in einem Vortrag.

Kritiker könnten hier entgegnen, dass der Staat nicht direkt am Erfolg der eigenen Forschung beteiligt sein müsse, da er indirekt durch höhere Steuereinnahmen davon profitieren kann. Dieses Argument lässt Mazzucato jedoch nicht gelten, da heutzutage «Steuerumgehungen gang und gäbe sind und diese Entwicklung sich gegenwärtig noch weiter verstärkt».

Weniger Staat nicht zwingend besser

Das Buch ist ein Gegengewicht zur neoliberalen Weltauffassung, gemäss der dem Staat eine passive oder gar schädliche Rolle zugeschrieben wird. Weniger Staat muss nicht zwingend besser sein, lautet Mazzucatos Credo.

Der Staat hemme nicht Innovationen, sondern – im Gegenteil – fördere diese in einer Tiefe, wie es private Unternehmen nicht Imstande zu tun seien. Profitieren könne davon letztendlich die ganze Gesellschaft – private Firmen inklusive, ist Mazzucato überzeugt.

Übrigens, auch iconomix ist eine Erfindung eines Unternehmens, das dem staatlichen Sektor zuzurechnen ist: der Schweizerischen Nationalbank.  

Die deutsche Ausgabe des Buches «Das Kapital des Staates: Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum» erscheint am 20. August 2014.

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Zum Thema:

Für das iconomix-Team
Pascal Züger

1Die National Science Foundation (NSF) ist eine unabhängige Einrichtung der Regierung der Vereinigten Staaten deren Aufgabe die finanzielle Unterstützung von Forschung und Bildung auf allen Feldern der Wissenschaften mit Ausnahme der Medizin ist.

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