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Taxifahren in Schanghai
China
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Taxifahren in Schanghai
Donnerstag, 02. Mai 2013

Ein Erlebnis der besonderen Art: Taxifahren in Schanghai ist gelinde gesagt gewöhnungsbedürftig. Aber nirgendwo funktioniert es besser.

Das Strassenbild in Schanghai wird von den farbigen VW Santana Taxis geprägt – und lautstark belebt. (Bild: E.Tester)

Schanghai ist in vielerlei Hinsicht eine Stadt der Superlative. Und ein Erlebnis der extremeren Art ist immer wieder eine Taxifahrt. Dem Besucher Schanghais, dem zum ersten Mal dieses etwas zweifelhafte Vergnügen zuteil wird, fällt als Erstes die Plexiglasscheibe auf, die den Chauffeur rundum von den Fahrgästen abschirmt. Zweck der Installation ist, den Fahrer von Schlägen rabiater Kunden zu schützen – und das ist sehr sinnvoll. Denn nur allzu oft ist man versucht, den Chauffeur zu schlagen.

Aber der Reihe nach. Ohne Chinesischkenntnisse läuft hier gar nichts. Es sei denn, man will dem Taxifahrer die Adresse auf chinesisch geschrieben zeigen. Dann kann man Glück haben, und der Fahrer fährt anstandslos und direkt zum Zielort. Oder man hat – und das ist meistens der Fall – Pech, und der Chauffeur nutzt seine Chance mit dem Waiguoren und fährt eine etwas originellere Route als die direkteste. Dabei wird zwischen Gas geben und Vollbremse munter abgewechselt, und die Handbremse ist das liebste Werkzeug des chinesischen Taxifahrers. Der somit vollständig durchgeschüttelte Fahrgast ist dann einfach nur froh, am Zielort zu sein und diskutiert, auch wenn er es sprachlich könnte, nicht mehr über den Preis.

Hupe und Hygiene

Wer des Chinesischen etwas kundig ist, fährt jedoch oft auch nicht besser. «Wo renshi lu, wo renshi lu!» ist die Standardantwort eines jeden Taxifahrers: «Ich kenne den Weg!» Das behauptet er auch noch steif und fest, wenn er in die entgegengesetzte Richtung eines gut sichtbaren Ziels, wie zum Beispiel dem 420 m hohen Financial Tower fährt. Dann möchte man gerne schlagen. Helfen tut dann nur die Drohung, nichts zu bezahlen.

Das zweitliebste Utensil der Taxifahrer ist selbstverständlich die Hupe. Es wird gehupt was das Zeug hält, wobei Hupen nicht etwa bewirkt, dass andere Fahrzeuge abbremsen oder gar anhalten, im Gegenteil. Aber da alle immer hupen und jedermann weiss, dass es nur ein «Auf-sich-aufmerksam-machen» ist, gibt es erstaunlich wenig Unfälle: Jeder macht zwar auf der Strasse was er will, aber alle sind achtsam.

Weniger Positives ist zuweilen dem Hygiene- und anderem Verhalten der Taxichauffeure abzugewinnen. Herumschreien und laute Selbstgespräche während der Fahrt sind an der Tagesordnung; Filme schauen, SMS schreiben und telefonieren natürlich auch. Lange Fingernägel werden geschnitten, Nasenhaare ausgezupft und Wäsche gewechselt. Und das Aussondern von Lungen- und anderen Körperflüssigkeiten in und ausserhalb des Taxis erstaunt nur die totalen Schanghai-Anfänger, bei denen dann wiederum der Schlagreflex ausgelöst wird.

Doch alles in allem ist Taxifahren in Schanghai genial. Meist muss man nicht einmal eine Minute warten, bis einer der farbigen VW Santanas anhält – in keiner anderen Stadt der Welt gibt es so viele Taxis, die durch die Strassen fahren und überall Fahrgäste auflesen. Und Taxifahren ist auch sehr günstig. Die Grundgebühr beträgt 14 Yuan, also rund zwei Franken. Eine vierzigminütige Fahrt durch das Stadtzentrum kostet etwa sieben Franken.

Santana über alles – auch gefälscht

Probleme, ein Taxi zu finden, gibt es höchstens spät in der Nacht, wenn der Taxifahrer partout nur zu sich nach Hause fahren will, oder wenn es regnet. Taxis in Schanghai haben die erstaunliche Eigenschaft, sich schon bei wenigen Regentropfen in Luft aufzulösen. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um eine von der Regierung vorgeschriebene Technologie, damit es bei nasser Fahrbahn wegen der total abgefahrenen Pneus keine Unfälle gibt.

Gemäss offiziellen Angaben gibt es in Schanghai 70 000 Taxis. Fünf grössere Gesellschaften teilen sich den Markt, erkennbar an den verschiedenen Farben der Fahrzeuge – blau, grün, rot, weiss, gelb. Bei allen Fahrzeugen handelt es sich um VW Santanas – die zum Teil 500 000 km und mehr auf dem Zähler haben. Eine Ausnahme sind die Expo-Taxis, die 2010 in Betrieb genommen wurden: Sie sind neu, meist sauber, und es handelt sich dabei um VW Tourans, die im Vergleich zu den Santanas einen unglaublichen Komfort bieten. Grund für das VW-Monopol ist die Regierung, die an VW Shanghai beteiligt ist.

Neben den offiziellen gibt es unzählige kleinere Taxiunternehmen sowie Privatleute, die Gäste herumchauffieren wollen. Und wie fast alles in China, werden auch Taxis kopiert. Jüngst war in der Presse zu lesen, dass die Polizei in Schanghai Hunderte von perfekt als Taxis getarnten Fahrzeugen, die aber keine offizielle Lizenz besassen, aus dem Verkehr gezogen hat – zumindest für ein paar Stunden.

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