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China und Innovation – ein neues Kapitel
China
Entwicklung, Wachstum, Umwelt
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China und Innovation – ein neues Kapitel
Freitag, 08. März 2019

Wer kopiert von wem? Auch wenn China diesbezüglich eine unrühmliche Geschichte hat, ist das heute alles andere als klar. WhatsApp und WeChat sind Beispiele dafür, wie die Grenzen von Wettbewerb und Zusammenarbeit verschwimmen.

Europäer nutzen Whatsapp, Chinesen nutzen WeChat. Bild: pxhere (CC)

Innovation und China ist ein Thema, das viele Kontroversen auslöst. Davon zeugen sowohl die unzähligen Konferenzen und Seminare, die dazu abgehalten werden, als auch die protektionistische Propaganda bestimmter Staaten. Doch die im Westen immer noch gut genährte Vorstellung, China könne bloss kopieren, sei aber nicht fähig zu echter Innovation, muss schleunigst korrigiert werden.

Auf die Frage, welche Neuerungen in der Schweiz in letzter Zeit Fuss gefasst haben, erhalten Sie wahrscheinlich die Antwort «der Bezahldienst Twint» und «die Roller Lyft». Diese mögen in der Tat neu sein – für die Schweiz. In China, waren diese oder ähnliche «Neuerungen» schon vor Jahren allgegenwärtig. Das bedeutet, dass viele dieser Dienstleistungen in China bereits ihren Marktdurchbruch feierten – und dass «die Chinesen» diese Konzepte von niemandem abkupfern konnten, sondern selber erfinden mussten.

Die für Innovation förderlichen Ingredienzen sind in China in einzigartiger Weise konzentriert: viele junge Konsumenten auf kleinem Raum, viele gut ausgebildete Fachkräfte, enorm viel Risikokapital, ein geringer Stellenwert des Datenschutzes und eine hohe Bereitschaft der Konsumenten, neue Dienstleistungen zu akzeptieren. Das heisst nicht, dass jeder Chinese ein Innovator ist, aber das ist auch in anderen sogenannt innovativen Volkswirtschaften nicht der Fall.

Standortvorteil China

Ein weiterer Standortvorteil ist die bisweilen laissez-faire ähnliche Geisteshaltung der Regulatoren. So können auch wenig rühmliche Innovationen wie Pilze aus dem Boden schiessen, nur um dann zwei bis drei Jahre später erfolglos zu verschwinden. Beispiele sind die «shared bikes», die heute überall in China haufenweise übereinander am Strassenrand liegen und auf die Verschrottung warten, oder die Peer-to-Peer-Lending-Plattformen, von denen 80 Prozent geschlossen wurden, da sie ihr Geschäft weitgehend missbräuchlich betrieben. Auf meine Frage, wieso der Staat oder Regulator denn nicht in einem früheren Stadium eingreife, um das überschwängliche Wachstum und den darauf folgenden Crash etwas zu glätten, antwortete mein Kollege, der schon vor 25 Jahren in China Geschäfte tätigte, lapidar: «In China hatten sie mit der Planwirtschaft so lange dermassen schlechte Erfahrungen gemacht, dass der Abwehrreflex der Regierung gegenüber wirtschaftlichen Neuerungen nicht mehr gross ist.»

Wird in China immer noch viel kopiert? Ja, geistiges Eigentums ist immer noch nicht genügend geschützt. Geschädigte sind vor allem chinesische Unternehmen und Erfinder, nicht nur Westler. Aber es wird auch viel Neues entwickelt und erforscht, komplett neue Wege werden beschritten. Davon bemerken Europäer und Amerikaner aber noch nicht sehr viel, denn einerseits ist der Fokus chinesischer Unternehmen naturgemäss zuerst der chinesische Markt – und der ist gross und kaufkräftig genug, damit ein Unternehmen auch im Vergleich mit internationalen Marktführern riesig werden kann. Andererseits finden Expansionen chinesischer Unternehmen ins Ausland zunächst in anderen Schwellenländern statt.

Echte Innovation zu unschlagbaren Preisen

Das heisst aber auch, dass sich in Westeuropa niemand etwas vormachen sollte: In China entstehen unglaublich viele Neuerungen, die preislich äusserst attraktiv sind und in den kommenden Jahren auch immer mehr in westliche Industrieländer drängen werden. Huawei’s Smartphones, die in der Schweiz bereits einen Marktanteil von 8 Prozent haben und weltweit hinter Samsung auf Platz zwei liegen, oder kommerziell genutzte Drohnen, sind prominente Beispiele. Und der IT-Hub rund um Shenzhen kann in vielen Bereichen bereits mit dem Silicon Valley mithalten und hat Europa in Sachen Innovationskraft bereits weit hinter sich gelassen.

Während China nach der wirtschaftlichen Öffnung unter Deng Xiaoping wegen mangelndem Kapital und Wissen kaum über Innovationskraft verfügte, war das Kopieren von Gütern und Technologie eine naheliegende Alternative. Doch seither hat sich auf wirtschaftlicher Ebene fast alles in China verändert. China ist die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt, der Binnenmarkt ist riesig und fordert immer bessere neue Produkte – und viele westliche Unternehmen unterhalten nicht nur wie in früheren Jahren Produktionsstätten oder Distributionsinfrastruktur in China, sondern haben auch Forschungs- und Entwicklungsfazilitäten nach China verlegt. Denn der chinesische Konsument ist mit rein westlichen Produkten nicht zufrieden. Die Produkte müssen für den chinesischen Markt angepasst werden – vom Joghurt und Schokoriegel über das Auto bis zum Aufzug für 50-stöckige Wohnhäuser.

Cooperation oder Competition? Coopetition.

Es ist nicht zielführend, China als Kontrahenten des Westens zu betrachten, auch wenn bestimmte politische Akteure das so propagieren. Und das trifft auch auf das Thema Innovation zu. In unserer extrem vernetzten Welt ist es nicht immer klar, wer von wem kopiert – und wer am meisten davon profitiert. Immer mehr Innovationen finden unternehmens- und länderübergreifend statt. Viele Innovationen sind das Resultat aus einem Mix von (indirekter) Zusammenarbeit und Wettbewerb. Ein besonders gutes Beispiel dafür sind die mobilen Instant Messaging Applikationen WhatsApp und WeChat. WhatsApp wurde 2014 von amerikanischen Unternehmen Facebook aufgekauft, WeChat gehört zum chinesischen Tech-Riesen Tencent.

Durch einen Kollegen wurde ich aufmerksam auf Stefanie Spescha, B.A. HSG. Sie hat an der Fudan Universität in Schanghai studiert und eine interessante Forschungsarbeit zu diesem Thema geschrieben: «How global coopetition impacts Chinese and Western firm’s innovation: A case study approach.» Sie untersuchte anhand der Entwicklung und den Innovationen von WhatsApp und WeChat, wie globale Coopetition – der Begriff setzt sich zusammen aus Cooperation und Competition – die Innovationen von westlichen und chinesischen Unternehmen beeinflusst und treibt.

Das Konzept der Coopetition hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, ist in der Forschung aber noch nicht eindeutig definiert. Allgemein wird Coopetition bezeichnet als die gleichzeitige Verfolgung von Wettbewerb und Zusammenarbeit. Wettbewerb allein berücksichtigt positive Effekte wie Synergien nicht, Kooperation allein vernachlässigt die Folgen von Wissenstransfer an Konkurrenten. Facebook und WhatsApp sind westliche Erfindungen, keine Frage. Aber China hat die entsprechenden Dienstleistungen und Angebote immer wieder auf ein neues Niveau gehoben – das die westlichen Protagonisten dann kopiert haben.

Kopieren und gleichzeitig echte Innovationen kreieren

Ohne auf Innovations- und Wettbewerbstheorien detailliert einzugehen, ist die First-Mover-Theorie zu erwähnen. Pioniere profitieren von einem Wettbewerbsvorteil, aber sie können nicht verhindern, dass Nachahmer in den Markt eintreten, was dazu führt, dass ihr kompetitiver Wettbewerbsvorteil erodiert. Eine wichtige Rolle spielt auch die Geschwindigkeit, mit welcher echte Innovationen und Nachahmungen stattfinden. Die USA und China sind die Länder mit dem höchsten Anteil an Nutzern sozialer Netzwerke weltweit. WhatsApp und WeChat agieren in einem sehr wettbewerbsintensiven Umfeld, sie arbeiten nicht sichtbar zusammen, sie dominieren ihre Heimmärkte und kämpfen eher um internationale als um nationale Marktanteile. Für ihre Arbeit hat Spescha Daten und Informationen zu den Versionen der verschiedenen Operationssysteme von 2009 bis 2018 gesammelt, dies aus englischen und chinesischen Quellen.

Der Markteintritt von WhatsApp fand im September 2009 statt, 2014 wurde das Unternehmen von Facebook gekauft. Die wichtigsten Funktionen von WhatsApp sind das Senden von Text- und Sprachnachrichten sowie Multimedia-Elemente, Sprach- und Videoanrufe und die Übermittlung von Dokumenten. WeChat hatte seinen Markteintritt im Januar 2011, war jedoch von Anfang an mehr als eine mobile Messaging Applikation und – im Gegensatz zu WhatsApp – sofort auf allen wichtigen Operationssystemen verfügbar. In der Folge haben sich die beiden Unternehmen laufend gegenseitig kopiert und zu weiteren Innovationen angetrieben.

Gruppen-Chat-Funktionen z.B. wurden von WhatsApp im Februar 2011 eingeführt und von WeChat binnen Monatsfrist kopiert. WeChat hat die Dienstleitung jedoch nicht nur kopiert, sondern verbessert. Während bei WhatsApp fünf Personen über den Gruppenadministrator beitreten konnten, waren es bei WeChat zehn Personen, die auf verschiedene Arten beitreten konnten. Sprachnachrichten wurden von WeChat im Mai 2011 eingeführt, von WhatsApp jedoch erst zwei Jahre später kopiert. WeChat-spezifische Funktionalitäten wie «location sharing», «people nearby», «look around», «drift bottle», etc. zielten darauf, den «Fun Factor» zu erhöhen und Dienstleitungen anzubieten, die den Nutzern helfen, mit anderen Personen in Kontakt zu treten und Freundschaften zu schliessen.

WeChat hat die Nase vorn

Obwohl sich beide Unternehmen gegenseitig beeinflusst und «gemeinsam» neue Angebote entwickelt haben, hat sich WeChat früh von einer normalen Social-Media-Applikation zu einer umfassenden Plattform entwickelt: E-Commerce-Kanäle und die Möglichkeit, direkt über die Applikation zu bezahlen (WeChatPay), führten zu einer noch viel breiteren Akzeptanz und zu astronomischen Nutzerzahlen von WeChat. Bereits im Januar 2014 wurden online und offline Zahlungen zwischen den Nutzern möglich, was ein riesiger Erfolg für WeChat war. Die zum chinesischen neuen Jahr traditionellen Geldgeschenke (rote Couverts, 红包) konnten sekundenschnell elektronisch übermittelt werden; besonders beliebt war die Überweisung von 8 Yuan (etwas mehr als 1 Franken) an Freunde.

Heute ist in China fast alles über WeChatPay oder AliPay, den Bezahldienst von Alibaba, zahlbar. WeChat ist schon seit Längerem Facebook, WhatsApp, Skype, Twint, Instagram und Co. sowie sämtliche westlichen mobile Banking Applikationen in einem. Spescha erklärt in ihrer Arbeit auch, dass, obwohl sie sich auf WhatsApp und WeChat konzentriert hat, ähnliche Verhaltensmuster und Coopetition auch in vielen anderen Industrien und Sektoren sichtbar sind. China hat sich vom Kopierer zum Innovator entwickelt und massgeblich dazu beigetragen, dass sich die Art und Weise, wie Unternehmen interagieren grundlegend verändert hat. Oder, wie Spescha in ihrer Arbeit konstatiert: «Der Fluss von Innovation und Nachahmung geht in beide Richtungen.»

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Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

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Kommentare

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Anke Sach - Wie geht es weiter?

Solange die Anbieter auf verschiedenen Märkten aktiv sind, ist der Wettbewerb ja eher fiktiv. Oder gibt es Länder, in denen sowohl Whatsapp als auch WeChat um Kunden werben?

Mit Interesse habe ich den kenntnisreichen Artikel gelesen.

Während Datenschutz in China zumindest gegenüber dem Staat inexistent ist, müsste WeChat vermutlich ziemlich hohe Hürden überwinden, um diesbezüglich Vertrauen zu gewinnen. Unser Vertrauen in Whatsapp ist schon gering, aber das ist schon auf dem Smartphone platziert und mein Misstrauen gegenüber den chinesischen Praktiken ist noch grösser als gegenüber den vor allem kommerziell interessierten Amerikanern.

14.03.2019 Antworten