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Vom Babysitting und der Geldwirtschaft
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Vom Babysitting und der Geldwirtschaft
Freitag, 15. Februar 2019

Was kann uns eine Gruppe von kinderhütenden Paaren über die Ökonomie des Geldes lehren? Eine Geschichte aus den USA zeigt Parallelen auf – ebenso wie Komplexität und Grenzen der Geldpolitik.

Mitglieder der «Capitol Hill Babysitting Co-operative». Bild: wikimedia - Susan Hormuth (CC)

Babysitting und Geldpolitik haben auf den ersten Blick nicht allzu viel gemeinsam. Joan und Richard James Sweeney lieferten in einem 1978 veröffentlichten, wissenschaftlichen Artikel allerdings ein gutes Beispiel, wie das reale Wirtschaftstreiben durch ein Modell der Kinderbetreuung angenähert werden kann. Ihre Geschichte skizziert wichtige Grundlagen einer funktionierenden Geldwirtschaft.

Der Weg in die (Wirtschafts-)Krise

In den frühen 1970er-Jahren gehörten die Sweeneys der «Capitol Hill Babysitting Co-operative» an. Diese Gruppe hatte zum Zweck, genossenschaftlich organisierte Kinderbetreuung anzubieten. Sie zählte rund 150 Paare, hauptsächlich bestehend aus amerikanischen Regierungsmitarbeitern und ihren Familien. Ziel der Kooperative war es, jeder Familie den stetigen Zugang zu einem Babysitter sicherzustellen und es den Paaren zu ermöglichen, gelegentlich kinderlos auszugehen. Geführt wurde das ganze Unterfangen von einem Vorstand.

Wie aber konnte gewährleistet werden, dass jedes Paar seinen gerechten Anteil an Kinderbetreuung erhielt bzw. selber leistete? Zu diesem Zweck führte die Kooperative eine Art Berechtigungsscheine (Coupons) ein, mit denen das Babysitting bezahlt wurde. Ein Coupon entsprach einer halben Stunde Kinderbetreuung und jedes neue Mitgliedspaar erhielt vom Vorstand 20 Stunden als Startkapital. Wer darauf die Kinder eines anderen Paares hütete, bekam dafür Coupons, die wiederum für das Anheuern eines Babysitters für die eigenen Kinder eingesetzt werden konnten.

Aus strukturellen Gründen schwand nach einiger Zeit das Angebot an sich im Umlauf befindlichen Berechtigungsscheinen merklich. Um für besonders anstrengende Tage gewappnet zu sein, versuchten immer mehr Paare, ihre Couponreserven aufzustocken, indem sie zuhause blieben und auf Babysitting-Anfragen warteten. Dies reduzierte zugleich die Nachfrage nach Babysittern und es boten sich für alle immer weniger Gelegenheiten, Berechtigungsscheine zu erlangen. Die Paare wurden ängstlich und gingen – ausser zu besonderen Anlässen – noch weniger kinderlos aus. Dadurch geriet die Kooperative allmählich in eine Abwärtsspirale an deren Ende (gewissermassen) eine Rezession stand.

Abbild der Geldwirtschaft

An dieser Stelle ist es sinnvoll, die Erzählung zu pausieren. Es scheint, als habe das vorgestellte genossenschaftlich organisierte System frappante Ähnlichkeiten mit einer Geldwirtschaft. Da wären zuerst einmal Konsumgüter (Babysitting), welche von den Konsumenten (Paaren) durch Geld (Berechtigungsscheine) erworben werden können. Ausserdem beinhaltet das System eine Zentralbank (Vorstand), die den Geldumlauf regelt.

Auch in den Geschehnissen vor der «Krise» finden sich einige Parallelen zur realen Welt. Wirtschaftstheoretisch gesehen war die Kooperative anfänglich so etwas wie ein selbst regulierender Markt, wobei die Wirtschaftstätigkeit jedoch alsbald stagnierte. Das Wachstum blieb aus (keine zusätzliche Nachfrage nach Kinderbetreuung), die Stimmung unter den Wirtschaftsakteuren wurde verhaltener, das Konsumentenvertrauen sank (Paare blieben zuhause, um Coupons zu sparen). Dies alles, gepaart mit einer zurückhaltenden Kauflust, führten schliesslich zur Rezession.

Über sagenhafte Jahre hin zur Geldschwemme

Doch warum versagte das System und wie versuchte man es zu retten? Im Wesentlichen fiel die Kooperative aufgrund einer zu restriktiven Geldpolitik (und dem darauffolgenden Verlust des Konsumentenvertrauens) in eine Rezession. Diese konnte beendet werden, indem mehr Berechtigungsscheine gedruckt und in Umlauf gebracht wurden. Unter anderem erhielt jedes Mitgliedspaar 10 zusätzliche Stunden in Form von Coupons. Und diese Massnahme zeigte Wirkung: Die Paare fanden erneut Lust daran, auszugehen, was die Möglichkeiten des Babysittings erhöhte. Durch die Ausweitung der Geldmenge innerhalb der kleinen Geldwirtschaft wurden die Leute wieder spendierfreudiger und das Konsumentenvertrauen stieg an.

Doch dieses goldene Zeitalter dauerte nur wenige Jahre. Bald hatte die Kooperative durch die expansive Geldpolitik des Vorstands so viele Coupons in Umlauf gebracht, dass immer mehr Paare lieber ausgehen als Kinder hüten wollten. Wirtschaftlich gesprochen wuchs die Geldmenge (Berechtigungsscheine) stärker als die Menge der hergestellten Güter (Babysitting). Folglich kam es zu Inflation.

Brauchbares Modell oder allzu simples Konstrukt?

Bis hierhin präsentiert sich das Modell der «Capitol Hill Babysitting Co-operative» als eine geeignete Analogie für echte ökonomische Phänomene. Zu beachten sei, dass sich die Kooperative durch eine einfache technische Lösung – nämlich die Erhöhung der Geldmenge – aus der Rezession befreien konnte. Dies führte jedoch zu einer inflationären Phase und damit weiteren Problemen. Eine simple Lösung genügte somit nicht, um das Modell auf Erfolgskurs zu halten. Insofern zeigt dieses Beispiel Grenzen in der Steuerung der Geldwirtschaft auf.

Darüber hinaus scheint die Art, wie die Kooperative ihre Geldmenge ausgeweitet hat, von der vergleichsweise geringen Grösse der Gruppe abhängig zu sein, und ist damit nicht direkt in einem ganzen Land umsetzbar. Die gewählte Lösung lässt sich mit dem sogenannten Helikoptergeld vergleichen: neu geschaffenes Zentralbankgeld, das kostenfrei unters Volk gebracht wird und dadurch den Konsum anregen soll – eben wie die zusätzlichen Berechtigungsscheine, die an jedes Mitgliedspaar verteilt wurden. Doch ist gerade diese Art der Geldmengenerhöhung höchst umstritten (siehe Blog «Helikoptergeld – wenn der Konjunktur die Luft ausgeht») und Funktionäre der Zentralbank bedienen sich bisher lieber anderen geldpolitischen Instrumenten.

Schliesslich ist etwa der Weg aus einer Rezessionsphase in Wirklichkeit nicht so einfach wie beschrieben, da eine Zentralbank verschiedene Anspruchsgruppen und übergeordnete Ziele berücksichtigen muss. Um komplexe, wirtschaftliche Zusammenhänge realitätsnaher abbilden zu können, müsste das Modell der Kinderbetreuungs-Kooperative erweitert werden – etwa mit weiteren Akteuren, einem Zinsmechanismus zur Steuerung der Geldmenge, oder der Möglichkeit für Haushalte sich zu verschulden.

Verständnishilfe und Mahnmal zugleich

Trotz den kritischen Punkten ist das Modell der «Capitol Hill Babysitting Co-operative» ein gutes Anschauungsbeispiel für grundlegende Abläufe innerhalb einer Geldwirtschaft. Ebenso zeigt es auf, dass wirtschaftliche Probleme nicht immer bequem und folgenlos gelöst werden können. Oder wie es die Sweeneys in ihrem Artikel formulierten: «Während eine gut geführte Wirtschaft keine Garantie für Liebe, Frieden und Glück bietet, so kann eine schlecht geführte Wirtschaft diese Annehmlichkeiten durchaus verhindern.»

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