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Kampf um staatliche Bevorzugung
Freitag, 01. Februar 2019

Ob ein Unternehmen durch Lobbying Einfluss auf die Politik nimmt oder ob es seinen Sitz in eine Steueroase verlegt: Rent-Seeking ist in vielen Formen anzutreffen – zum Teil mit hohen Kosten für die Gesellschaft.

Taxilizenzen sind ein typisches Beispiel für Rent-Seeking. Bild: wikimedia – JoachimKohlerBremen (CC)

Ein Unternehmen kann grundsätzlich auf zwei Arten Gewinne erzielen:

  • Entweder indem es ein Produkt oder eine Dienstleistung effizienter oder qualitativ besser als andere her- bzw. bereitstellt und dafür einen Preis verlangen kann, den die Kundschaft bereit ist zu zahlen.
  • Oder indem das Unternehmen Rent-Seeking betreibt. Das heisst, es setzt Mittel ein, um wirtschaftspolitische Vorteile zu erreichen, die ihm auf Kosten anderer zu mehr Einkommen verhelfen.

Was unterscheidet die zwei Profitmöglichkeiten? Im ersten Fall geht das Unternehmen einer produktiven, wohlfahrtssteigernden Tätigkeit nach und schafft damit einen wirtschaftlichen Mehrwert für die Kunden. Konkret: Das Unternehmen erzielt damit einen Gewinn, aber auch die Kunden profitieren vom Produkt oder der Dienstleistung, sonst wären sie nicht bereit, einen Preis dafür zu bezahlen.

Bei Rent-Seeking hingegen wird kein zusätzlicher Wert geschaffen, sondern ein bestehender Wert zum eigenen Vorteil umverteilt. In der Folge profitiert nur das Unternehmen selbst von seiner Rent-Seeking-Aktivität. Der Kuchen wird nicht grösser, sondern einfach anders verteilt.

Was ist Rent-Seeking?

Ein Beispiel: Wenn eine Firma durch die Herstellung und den Verkauf von Produkten einen Gewinn erwirtschaftet, muss sie diesen versteuern. Das Gesetz schreibt vor, wie gross der jeweilige Anteil am Gewinn ist, den die Firma an den Staat abgeben muss. Wechselt das Unternehmen den Hauptsitz in ein anderes Land mit tieferem Steuersatz, kann es auf diese Weise einen grösseren Anteil des Gewinns behalten.

Die produktive Tätigkeit im Beispiel bestimmt, wie gross der Kuchen ist. Je effizienter das Unternehmen arbeitet, desto mehr Wohlstand generiert es. Durch das Verlegen des Hauptsitzes wird der Kuchen jedoch nicht grösser, das Unternehmen sichert sich damit nur ein grösseres Stück davon. Rent-Seeking schafft keinen Wohlstand, es verteilt ihn einfach um.

Patentrechte und Lizenzen

Das ist nicht immer etwas Schlechtes. Auch das Patentrecht ist eine Form von Rent-Seeking. Eine Erfindung kann in der Schweiz bis zu 20 Jahre geschützt werden. Das heisst, niemand darf während dieser Zeitspanne das registrierte Produkt ohne Erlaubnis nutzen. Dadurch entsteht Erfindenden eine Rente, die sie während Jahren abschöpfen können.

Patentrechte werden damit begründet, dass genau diese Rente den Anreiz gibt, entsprechend viel Effort in die Entwicklung von neuen effizienten Technologien zu stecken. Ohne den Patentschutz würde die Innovationskraft in einem Land stark abnehmen, so das Argument.

Ein zwiespältiger Fall von Rent-Seeking sind Lizenzen. So brauchen Ärzte und Ärztinnen eine entsprechende Lizenz, bevor sie praktizieren dürfen. Diese Eintrittsbarriere verhilft den Lizenzinhabenden zu einer Rente. Im Bereich der Medizin stellt diese Lizenz klar eine Form des Kundenschutzes dar. Wer möchte schon seine Gesundheit in die Hände eines Laien legen?

Auch bei Taxilizenzen steht der Gedanke des Kundenschutzes im Vordergrund: Oft haben wir nicht die Zeit, um uns über die ortsüblichen Preise zu informieren oder die Taxifahrenden einer Qualitätsprüfung zu unterziehen. Um diesen Problemen vorzubeugen, haben Staaten das Taxigeschäft reguliert.

Heute kann aber dank Vernetzung per Smartphone-App die sogenannte Informationsasymmetrie zwischen Fahrgästen und Taxifahrenden auch anders gelöst werden. So wie es beispielsweise UBER anbietet. Dies macht Taxilizenzen überflüssig, aber die etablierten Unternehmen, die lange Zeit von den Markteintrittshürden profitiert haben, wollen verständlicherweise ihre Privilegien nicht aufgeben und wehren sich dagegen.

Sand im Getriebe

Hier sind wir beim Kernproblem von Rent-Seeking angelangt. Solange staatliche Begünstigungen keinen gesellschaftlichen Nutzen haben, wirken sie sich nur negativ auf das Wirtschaftswachstum und vor allem die Innovationskultur aus.

Der Umverteilungsaspekt von Rent-Seeking ist aus wirtschaftstheoretischer Sicht nicht das Problem. Wer welchen Anteil des Kuchens bekommen soll, ist eine normative Frage, die jede Person für sich selbst beantworten kann. Der Grund, warum Rent-Seeking vielen Ökonomen ein Dorn im Auge ist, liegt vielmehr in der Grösse des Kuchens.

Je mehr Ressourcen Unternehmen dazu aufwenden, um sich ein Renteneinkommen zu sichern, desto weniger bleibt für produktive Aktivitäten übrig. Bildlich gesprochen: Zanken sich alle darum, wer das grössere Stück des Kuchens bekommt, hat keiner die Zeit und den Anreiz zu einem grösseren Kuchen beizutragen.

Lassen sich mit Rent-Seeking unter bescheidenem Ressourceneinsatz gute Renditen erzielen, kann eine Dynamik einsetzen, bei der mehr Rent-Seeking noch mehr Rent-Seeking nach sich zieht. Dann setzen immer grössere Teile der Wirtschaft ihre Mittel für unproduktive Profitmöglichkeiten ein. Dieses Szenario könnte unter anderen ein Erklärungsfaktor sein, warum sich in vielen Industriestaaten die Produktivität und das Wirtschaftswachstum seit einiger Zeit schwach entwickeln.

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