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Die alte Angst vor dem Neuen
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Die alte Angst vor dem Neuen
Freitag, 08. Februar 2019

Maschinen nehmen uns die Arbeit weg. Solche Schauergeschichten erzählt man sich nicht erst seit der digitalen Revolution. Eine kurze Geschichte der Automatisierung gibt Einblicke in die alte Angst der Menschen, überflüssig zu werden.

Im Filmklassiker «Modern Times» (1936) spielt Charlie Chaplin einen Fabrikarbeiter am Fliessband. Bild: flickr – Insomnia Cured Here (CC)

Werden wir in Zukunft noch gleich viel arbeiten wie jetzt? Brauchen wir bald ein bedingungsloses Grundeinkommen, weil kaum jemand mehr arbeitet? Die digitale Revolution ist in vollem Gang. Kritische Stimmen prophezeien bereits das Ende der Arbeit wie wir sie kennen, und eine daraus resultierende Massenarbeitslosigkeit.

Caspar Hirschi, Professor für Geschichte an der Universität St. Gallen, ist dieser These gegenüber skeptisch. Mithilfe eines Rückblicks auf 250 Jahre Automatisierung will er die heutigen Ängste zerstreuen.

Seine historische Sichtweise zeigt eine andere Perspektive. Dadurch wird sichtbar, dass der heutige Umbruch nicht so einzigartig ist, wie es für Nichthistoriker wirken mag. Auch frühere Generationen mussten sich an neue Situationen gewöhnen und mit Strukturbrüchen umgehen. Die grosse Aufregung um die Zukunft der Arbeit ist aus historischer Sicht eine bekannte, wenn auch nicht wirklich notwendige Reaktion.

Automatisierungsängste im 18. Jahrhundert

Die Industrialisierung begann mit der Automatisierung von physischen Fertigkeiten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, aber es wurden auch bereits erste Technologien verwendet, die man «digitale Programmiersysteme» nennen könnte. Mit Lochmusterkarten wurden beispielsweise die Stoffmuster für Webstühle «programmiert».

Im 18. Jahrhundert gab es zudem Roboter, die musizieren oder zeichnen konnten. Es wurde befürchtet, dass Mensch und Maschine bald nicht mehr unterscheidbar wären. Zu dieser Zeit erlebte die Menschheit zum ersten Mal einen schnellen technologischen Wandel, der zur Verelendung ganzer Schichten führte. Die Automatisierungsangst war damals gut begründet, da die Webmaschine sehr viele Arbeitende in extrem kurzer Zeit ersetzte.

Ab dem späten 19. Jahrhundert wurden Lochkarten für Rechenleistungen eingesetzt. Damit wurden erstmals auch intellektuelle Arbeiten von Maschinen übernommen. Die Volkszählung der USA wurde 1890 mithilfe von Lochkartenprogrammierung automatisiert und dadurch enorm beschleunigt. Damit gibt es maschinelle Datenverarbeitung seit rund 130 Jahren.

Parallelen zur Nachkriegszeit

Hirschi sieht die Automatisierungsangst als eine zyklische Erscheinung. Sie tritt in Wellen auf. Der Historiker vergleicht die heutige Stimmung mit derjenigen in der Nachkriegszeit. Damals wurden die ersten Computer eingesetzt und man entwickelte Szenarien, die auch heute wieder im Gespräch sind.

Das bedingungslose Grundeinkommen oder auch die Idee einer künstlichen Superintelligenz stammen aus dieser Zeit. Im Rückblick wird die Nachkriegszeit nostalgisch mit Vollbeschäftigung und Arbeitskräftemangel verbunden, jedoch waren auch damals die Automatisierungsängste gross. Das gewaltige Produktivitätswachstum führte zu einer starken Vergrösserung des Dienstleistungssektors. Die Wirtschaft entwickelte sich extrem dynamisch und die neue Computertechnologie war noch unbekannt.

Und heute?

Heute sieht die Situation anders aus: Die Produktivität wächst kaum und die zugrundeliegende Technologie ist bekannt. Bei den früheren Umbrüchen war jeweils eine neue Technologie der Grund für den Wandel, heute wird weiterhin die Mikroelektronik verwendet, die schon in der Nachkriegszeit aufkam.

Die heutige Angst wird vor allem von der Beratungsindustrie und den Medien befeuert. Das liegt unter anderem daran, dass gerade im Journalismus die technologisch bedingte Arbeitslosigkeit ein echtes Risiko darstellt. Auch dass die Medien extreme Thesen eher aufgreifen, trägt dazu bei. Kontroverse, Angst schürende Thesen erhalten deutlich mehr Aufmerksamkeit.

Neben den aktuell wichtigen Einflussfaktoren gibt es auch allgemeine Faktoren, die bei verschiedenen Wellen der Automatisierungsangst auftraten. Dazu gehört das Zusammenwirken von verschiedenen Gruppierungen. Zum einen sind das Technologie-Enthusiasten, die die Automatisierung als «unkontrollierbare Macht des Fortschritts» sehen, bei der Maschinen den Menschen bald bei jeder Tätigkeit überlegen sind. Zum anderen sind es Kapitalismuskritiker, die die Automatisierung als den Auslöser für den Untergang des Kapitalismus sehen, weil so die Menschen im Arbeitsprozess nicht mehr gebraucht werden.

Momentan sieht es nicht danach aus, als würde uns die Arbeit allzu bald ausgehen. Das liegt auch daran, dass der Wandel heute eher kontinuierlich vorangeht und die meisten Arbeitnehmer die Möglichkeit haben, sich weiterzubilden oder umzuschulen. Zu Zeiten der Webmaschine hatte die Bildung und vor allem das «lebenslange Lernen» noch keinen grossen Stellenwert in der Gesellschaft. Dadurch konnten die Arbeitnehmenden schlechter auf die veränderte Situation reagieren.

Es werden in Zukunft weiterhin Berufe durch die Automatisierung verschwinden. Allerdings entstehen bereits heute neue Stellen in anderen Berufsfeldern. Tendenziell entstehen mehr neue Jobs, als alte verschwinden. Gemäss dem Ökonomen David Dorn ist die Flexibilität der Menschen entscheidend. Wenn man sich auf neue Herausforderungen einlässt und sich stetig weiterbildet, kann die Automatisierung auch eine Chance sein, um neue Erfahrungen zu machen.

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Caspar Hirschi: «Verstehen, was Digitalisierung bedeutet»
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