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Von grosser Marktmacht und ihren Tücken
Markt und Handel
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Von grosser Marktmacht und ihren Tücken
Freitag, 07. Dezember 2018

In vielen Branchen wird ein immer grösserer Anteil des Marktes von einer geringen Anzahl Firmen beherrscht. Wie es dazu kam und warum uns diese Entwicklung kritisch stimmen sollte.

Die Superstar-Firmen im Fokus. Bild: The White House - Lawrence Jackson (CC)

Schätzungsweise 50 Prozent der US-amerikanischen Online-Einzelhandelsumsätze werden bis Ende 2018 allein von Amazon erzielt, weltweit gibt es monatlich über 2,27 Milliarden aktive Facebook-Nutzer, und 2017 machte Google fast 80 Prozent des weltweiten Desktop-Suchverkehrs aus. Diese Zahlen bezeugen die gewaltige Marktmacht sogenannter «Superstar-Firmen». Neben der digitalisierten Welt entstanden in den vergangenen Jahren auch in anderen Branchen solche Mega-Konzerne, die die Marktstrukturen teils massiv über den Haufen warfen.

Wie ein Superstar entsteht

Eine allgemeingültige Definition für Superstar-Firmen gibt es nicht. Meist werden darunter Unternehmen verstanden, die in schnell wachsenden Branchen tätig sind und ihre Produkte und Dienstleistungen besonders effizient herstellen. Durch ihre hohe Innovationskraft und Produktivität übernehmen sie schnell weite Teile eines Marktes und lassen die Konkurrenz hinter sich. Doch woraus erwächst diese dominierende Stellung?

Allem voran profitieren die Superstar-Firmen von Netzwerkeffekten. Je mehr Verkäufer auf Amazon ihre Produkte anbieten, desto mehr Käufer verschlägt es dorthin. Dies wiederum zieht neue Verkäufer an, die es wenig erstaunlich zu jenen Plattformen zieht, auf denen die meisten Kunden einkaufen. Dieser Hebeleffekt führt zu rasantem Wachstum.

Globalisierung sowie Digitalisierung dürften das ihrige zu dieser Entwicklung beigetragen haben. Konsumenten sind aufgrund des stärkeren Produktwettbewerbs und der vereinfachten Verfügbarkeit von Angebotsvergleichen im Internet empfindlicher für Preis- und Qualitätsunterschiede geworden. Das heisst im Umkehrschluss, dass sich mit der Zeit die günstigsten und produktivsten Wettbewerber der jeweiligen Branche von der Konkurrenz abheben und es zu einer Machtkonzentration mit zunehmend marktbeherrschender Stellung einiger weniger Unternehmen kommt.

Doch nicht nur das. Mehr Suchanfragen und abgeschlossene Geschäfte bedeuten für diese Firmen auch mehr Informationen über Käufer und Verkäufer. Obwohl Amazons Dienste für Benutzer kostenlos erscheinen, zahlen letztere durch die Weitergabe wertvoller Kundendaten. Ähnliches gilt für Tech-Giganten wie Google oder Apple. Aus diesen Daten werden sachdienliche Informationen geschöpft, welche etwa für Werbung eingesetzt werden und so weiteres Wachstum sowie eine Marktkonzentration fördern.

Warum die Sorgenfalten tiefer werden

Man könnte meinen, die Dominanz einzelner Grossfirmen bringe insbesondere für den Konsumenten nur Vorteile. Hochwertige und (aufgrund des Preiswettbewerbs) erschwingliche Produkte und Dienstleistungen, hergestellt und angeboten von innovativen, finanzstarken Unternehmen. Was kann daran schlecht sein?

Politiker, Aufsichtsbehörden und Zentralbanken sorgen sich gleichermassen, dass die Superstar-Firmen ihre Macht dazu einsetzen könnten, ihre dominante Marktstellung zum Nachteil der Konsumenten und Anwender zu schützen und auszudehnen. Seit geraumer Zeit regt sich deshalb Widerstand.

Eine erste Sorgenfalte gilt dem fairen Wettbewerb. Superstar-Firmen konkurrieren nicht nur einfach innerhalb eines Marktes, sondern sind vielfach der Markt selbst, stellen Plattformen und effiziente Verteilerketten bereit und heimsen durch Qualitäts- und Kostenvorteile einen Grossteil der Branchengewinne ein. Diese monopolartige Stellung verringert mithin den Anreiz, in Forschung und Entwicklung von neuen Produkten und Dienstleistungen zu investieren. Ausserdem steigen für die Konkurrenz die Eintrittsbarrieren in den Markt.

Ein weiteres Kernthema ist der Arbeitsmarkt. Trotz hoher Produktivität und tiefer Arbeitslosenquote in vielen Industrieländern bleibt das Lohnwachstum weiterhin tief. Zudem ist die Lohnquote in den vergangenen Jahrzehnten rückläufig, sprich der prozentuale Anteil des Arbeitnehmerentgelts am gesamtwirtschaftlichen Einkommen fällt kontinuierlich. Der Ökonom David Dorn von der Universität Zürich hat zusammen mit amerikanischen Forschern im Rahmen einer Studie herausgefunden, dass die sinkenden Lohnquoten auf das Erstarken der Superstar-Firmen zurückzuführen sind. Durch ihre hohen Gewinne weisen diese tendenziell einen geringeren Anteil an Arbeit an der Wertschöpfung und am Umsatz auf. Mit zunehmender Bedeutung von Amazon und Co. sinkt der Gesamtanteil der Arbeit, was wiederum auf die gesamtwirtschaftliche Lohnquote drückt.

Was die Geldpolitik betrifft

Auch die Zentralbanken haben ein Auge auf die Mega-Konzerne. Seit 2012 hat man vielerorts trotz wachsender Wirtschaft und stark expansiver Geldpolitik mit anhaltend tiefer Inflation zu kämpfen (siehe Blog «Dilemma der niedrigen Inflationsraten»). Ein möglicher Grund hierfür ist das veränderte Preisverhalten in gewissen Branchen. Ökonomen sind etwa der Ansicht, dass Unternehmen auf einem zunehmend globalen Markt in ihrer Fähigkeit eingeschränkt sind, als Reaktion auf eine steigende Nachfrage ihre Preise zu erhöhen. Insbesondere wenn sie sich dabei gegen kosteneffiziente Mega-Konzerne behaupten müssen. Dagegen können Algorithmen von Amazon und anderen Online-Händlern, die deren Produktpreise bei Wechselkursschwankungen oder sonstigen Schocks schnell anpassen, auch zu grösseren Inflationsschwankungen führen.

Aufseiten des Arbeitsmarkts führt die Machtkonzentration der Superstar-Firmen dazu, dass Arbeitnehmer weniger Job-Alternativen und damit eine geringere Verhandlungsmacht bei den Löhnen haben. Weil das Lohnwachstum dadurch bescheiden bleibt, könnten Zentralbanken in der Folge ihre Zinsen möglicherweise für eine längere Zeit niedrig halten, ohne dass es zu einem allgemein steigenden Preisniveau kommt. So das gängige Argument.

Die Marktmacht von Amazon und Co. zusammen mit den vorgebrachten Bedenken beeinflussen indirekt das geldpolitische Mandat der Zentralbanken und werden wohl in Zukunft noch für einigen Gesprächsstoff sorgen.

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