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Dilemma der niedrigen Inflationsraten
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Dilemma der niedrigen Inflationsraten
Freitag, 02. November 2018

Die Schweiz und andere Industrieländer Europas durchleben seit 2012 eine Phase niedriger Inflation – trotz wachsender Wirtschaft. Was die Theorie besagt und warum die Realität anders aussieht.

Anhaltend niedrige Inflationsraten stellen Zentralbanken vor neue Herausforderungen. Bild: Flickr – European Central Bank (CC)

Zentralbänker europäischer Industrieländer stecken gegenwärtig in der Zwickmühle. Mit massiven geldpolitischen Massnahmen versuchten sie über die letzten Jahre die Teuerung anzukurbeln. Wie sich rückblickend zeigt, hatten diese Aktionen trotz gutlaufender Wirtschaft nur geringe Wirkung. Ein allgemein steigendes Preisniveau blieb aus.

Theorie trifft auf Realität

Ein bekanntes ökonomisches Konzept im Zusammenhang mit Inflation ist die «Phillips-Kurve». In ihrer modernen Form besagt diese, dass die laufende Inflation von der erwarteten Inflation und dem Konjunkturzyklus abhängt. Solange die Inflationserwartungen im Publikum und in den Märkten gut verankert sind, ist der Gang der Konjunktur die entscheidende Komponente: In Zeiten des konjunkturellen Aufschwungs steigt die Inflation, in Zeiten des Abschwungs sinkt sie. Genauso verhält es sich in der Simulation MOPOS des Moduls «Geldpolitik». Floriert somit die Wirtschaft und ist die Arbeitslosigkeit dauerhaft tief, sollten Preise für Waren und Dienstleistungen laufend steigen. Soweit die Theorie.

In der Realität aber scheint sich der Zusammenhang zwischen Inflation und Konjunkturzyklus in den letzten Jahren abgeschwächt zu haben. Nach Überwindung der Finanzkrise von 2008 präsentierte sich in vielen Industrieländern eine ähnliche Situation: die Wirtschaft wuchs und zugleich sank die Arbeitslosigkeit, doch blieb das allgemeine Preisniveau tief. So war die Teuerungsrate in der Schweiz seit Mitte 2010 nie höher als 1,0 Prozent, dies bei einer Arbeitslosenquote zwischen 2,4 und 3,7 Prozent.

Globale Trends

Die Kluft zwischen Theorie und Realität lässt manchen Ökonomen am Konzept der «Philipps-Kurve» zweifeln. Warum blieb die Inflation trotz gutlaufender Konjunktur und unterstützender Geldpolitik derart niedrig? Ein massgeblicher Grund sind markante Veränderungen in den gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die über längere Zeit wirksam sind – sogenannte Megatrends:

  • Demografie: Aufgrund einer immer höheren Lebenserwartung steigt der Anteil der älteren Einwohner an der Gesamtbevölkerung. Der Lebensabschnitt nach der Pension wird länger und damit auch die Zeit, in der man kein Lohneinkommen hat. Demzufolge wird bereits vor Erreichen des Rentenalters vermehrt gespart, und gerade ältere Bürger sitzen im Vergleich zu ihrem Konsumbedarf auf überschüssigem Kapital. Diese massiven Sparreserven stehen einer vergleichsweise geringen Zahl an Investitionsmöglichkeiten gegenüber. Es resultiert eine schwächere Gesamtnachfrage innerhalb der Wirtschaft und folglich tiefere Preise.
  • Globalisierung: Die Öffnung der Märkte und die Verringerung von Handelsbarrieren im Zuge der Globalisierung fördern den internationalen Handel und damit den Preiswettbewerb auf inländischen Märkten. Ausserdem ermöglichen sie es den Firmen, vermehrt in Tieflohn-Ländern zu produzieren. Durch kosteneffizientere Fertigungsprozesse sinken die Preise betroffener Güter und Dienstleitungen im Vergleich zum allgemeinen Preisniveau. Doch nicht nur das. Durch die Gefahr, dass man ihren Job ins Ausland verlagern könnte, schwindet die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer. Sie werden sich aufgrund des gestiegenen Arbeitskräfteangebots und der geringeren Arbeitsplatzsicherheit mit Lohnforderungen zurückhalten. Die «Lohnpreisinflation» bleibt deshalb bescheiden.
  • Technologischer Fortschritt: Stellen Sie sich vor, eine Firmenleitung ersetzt eine Arbeitskraft in der Produktion durch einen Roboter. Sie erhöht damit die Arbeitsproduktivität und vermindert die Lohnstückkosten. Denn ein Roboter verlangt nicht mehr Gehalt, auch wenn er vorübergehend 12 statt 8 Stunden am Tag arbeiten muss. Aus dieser Überlegung heraus glauben Ökonomen, dass der technologische Fortschritt den Preis von Gütern, die neue Technologien intensiv nutzen, reduziert hat. Ein Beispiel hierfür sind Smartphones, die durch ihre hochentwickelten Kameras ein vertretbarer Ersatz für teils weit teurere Spiegelreflexkameras geworden sind.
Veränderungen im Arbeitsmarkt

Aus dem bisher Gesagten geht hervor, dass der Einfluss von Konjunktur und Arbeitsmarkt auf die Teuerung über die Zeit schwächer geworden ist. Veränderungen in der Arbeitswelt – die ebenfalls im Zusammenhang mit der technologischen Entwicklung und der Digitalisierung stehen – verstärken diesen Trend zusätzlich. Dazu zählt namentlich die sogenannte «Gig-Economy». Diese bezeichnet einen wachsenden Teil des Arbeitsmarktes, in dem kleine Aufträge kurzfristig an Selbstständigerwerbende und Teilzeitbeschäftigte vergeben werden. Bekannte Beispiele sind der Personenbeförderungsdienst Uber oder der Online-Lieferservice Deliveroo.

Teilzeit- und Null-Stunden-Verträge, die innerhalb der Gig-Economy weit verbreitet sind, schmälern die Position der Arbeitnehmenden bei Lohnverhandlungen. Ein Unternehmen wie Uber benötigt nicht Wochen oder Monate, um über eine Neueinstellung zu entscheiden. Vielmehr kann es seine Nachfrage nach neuen Fahrern auf Knopfdruck reduzieren, falls zu einem bestimmten Zeitpunkt die Kunden ausbleiben oder die Löhne steigen. Zusammen mit ausbleibenden Abmachungen über Lohnerhöhungen führen diese unsicheren Arbeitsverhältnisse dazu, dass die «Lohnpreisinflation» trotz niedriger Arbeitslosigkeit bescheiden bleibt.

Ohne mehr Geld im Portemonnaie fragen die Arbeitnehmenden und Konsumenten auch nicht mehr Güter und Dienstleistungen nach als gewöhnlich. Der konstant bleibende Konsum bremst die Preis- und Inflationsentwicklung zusätzlich.

Was heisst das für die Geldpolitik?

Unabhängig davon, welche der genannten Gründe für das Schwächerwerden des «Phillips-Kurven»-Zusammenhangs im Einzelnen verantwortlich sind, heisst dies für die Zentralbanken auf der Hut zu sein. Die verschiedenen Inflationstreiber und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft müssen erkannt, verstanden und bei der Ausarbeitung geldpolitischer Massnahmen entsprechend berücksichtigt werden.

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