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Ein, zwei oder sechs Kinder?
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Ein, zwei oder sechs Kinder?
Freitag, 27. April 2018

In der Schweiz kommen pro Frau im Durchschnitt 1,5 Kinder zur Welt. In Niger in Westafrika sind es 6,5. Warum?

Afrikanische Grossfamilie. Quelle: Wikimedia - Gerhard Knühl (CC)

Die tiefe Geburtenrate in der Schweiz gefährdet die Finanzierung der Altersvorsorge. Während der spärliche Schweizer Nachwuchs hiesigen Politikern Kopfzerbrechen bereitet, kommen im Niger pro Frau im Durchschnitt 6,5 Kinder zur Welt.

Die Zahl der Geburten pro Frau hat sich im westafrikanischen Land seit langer Zeit nur wenig verändert. In der Schweiz hingegen ist die Zahl der Kinder pro Frau über die letzten 200 Jahre von ungefähr 5 auf den heutigen Stand von 1,5 gefallen. In der selben Zeit ist die Bevölkerung von zwei auf acht Millionen Menschen gewachsen.

Wie passt das alles zusammen? Der naheliegende Unterschied zwischen den zwei Ländern: In der Schweiz beträgt das Bruttoinlandprodukt pro Kopf rund 80 000 US-Dollar (2016). In Niger sind es 364 US-Dollar.

Das Modell der demografischen Transformation stellt diesen Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung einer Gesellschaft und ihrer Fruchtbarkeit* dar. Es beschreibt den Übergang einer vor-industriellen Bevölkerung mit hohen Geburts- und Sterberaten* zu einer post-industriellen Gesellschaft, in der sowohl die Geburten- wie auch die Sterbeziffer tief sind.

In Phase 1 der Transformation befinden sich die Geburten- und die Sterberate* auf hohem Niveau im Gleichgewicht. Es werden viele Kinder geboren, die Sterblichkeit (besonders die Kindersterblichkeit) ist aber ebenfalls hoch. Dadurch ist die Lebenserwartung beschränkt. Häufige Mortalitätskrisen (Hungersnöte, Seuchen) wechseln sich ab mit kurzfristig erhöhten Geburtenzahlen (in Jahren mit guten Ernten). Mittelfristig stagniert die Bevölkerung oder wächst nur schwach.  

Bis Mitte des 18. Jahrhunderts trifft diese Beschreibung auf alle Gesellschaften zu. Heute wird hingegen kein Land der Erde mehr in Phase 1 eingeteilt.  

Mit Eintritt der Phase 2 beginnt die Sterberate zu sinken. Die Geburtenzahlen bleiben jedoch unverändert hoch. Durch die Abweichung setzt ein starkes und anhaltendes Bevölkerungswachstum ein.

Diese Entwicklung beginnt in Nord-Westeuropa am Ende des 18. Jahrhunderts und breitet sich danach global aus. Mit Phase 2 setzt die Explosion der Weltbevölkerung ein, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht. Heute werden viele Entwicklungsländer in Afrika südlich der Sahara (z.B. Niger), aber auch Guatemala und Jemen der Phase 2 zugeordnet.

Zeitlich versetzt zur Mortalität beginnt in Phase 3 auch die Geburtenrate zu sinken. Die Abweichung zwischen Geburten- und Sterbezahlen wird allmählich kleiner und die Bevölkerung wächst langsamer.

Phase 3 tritt gegen Ende des 19. Jahrhunderts zuerst in Nordeuropa ein. Heute werden typischerweise Länder wie Indien, Marokko und Algerien und viele Länder Lateinamerikas in Phase 3 eingeordnet.

Mit Phase 4 stellt sich wieder ein Gleichgewicht ein zwischen der Zahl der Geburten und der Todesfälle. Dank tiefer Sterberate ist die Lebenserwartung der Menschen hoch. In vielen Fällen sinkt die Fertilitätsrate unter das demografische Erneuerungsniveau von ca. zwei Kindern pro Frau. Dadurch wächst die Bevölkerung kaum noch oder – abhängig vom Migrationssaldo – sinkt sogar.

Zur Phase 4 gehören die entwickelten Länder Europas (Schweiz) und Nordamerikas, Brasilien, Süd-Korea und China.

Warum kriegen die Menschen weniger Kinder?

Der Rückgang der Sterblichkeit (Phase 2) ist relativ einfach zu erklären. Erstens hat die Agrarrevolution im Europa des 18. Jahrhundert die Ernährung stark verbessert. Landwirtschaftliche Verbesserungen wie die Fruchtfolge, Saattechnik und selektive Viehzucht sicherten die Nahrungsmittelversorgung. 

Zweitens senkten Entwicklungen im Gesundheitswesen die Sterberaten. Dazu gehören verbesserte Wasserversorgung und Kanalisationen sowie ein verbreitetes Bewusstsein für die persönliche Hygiene, speziell bei der Lagerung und Zubereitung der Nahrung. Medizinische Durchbrüche wie Impfungen und Medikamente gelangen grossteils erst im 20. Jahrhundert und spielen darum nur in Entwicklungsländern, wo der Übergang später beginnt, eine Rolle.

Die Gründe für den Rückgang der Geburtenzahlen (Phase 3) sind hingegen nicht eindeutig. Meist wird eine Vielzahl an sozialen und ökonomischen Entwicklungen als Ursache aufgeführt. Einen Überblick lässt sich anhand der mikroökonomischen Theorie der Fruchtbarkeit von Gary Becker gewinnen: Gemäss Becker ist die Entscheidung, ein zusätzliches Kind zu kriegen, eine ökonomische. Wie bei einem anderen Konsumgut sei die «Anschaffung» eines Kindes mit einem Nutzen aber auch verschiedenen Kosten (Unterhalts-, Investitions- und Opportunitätskosten) verbunden. Mit der wirtschaftlichen und sozialen Modernisierung verändern sich diese:

  • Höhere Investitionskosten: Die Kosten und Dauer der Erziehung und Ausbildung von Kindern steigt im Laufe des demografischen Übergangs. Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht trägt dazu bei. Eine gute Ausbildung wird in Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften immer wichtiger.
  • Höhere Opportunitätskosten: Im Zuge der Modernisierung ändert sich das weibliche Rollenbild. Mit steigender Alphabetisierung und Berufstätigkeit von Frauen sind diese immer weniger über die Gebärfähigkeit und die Rolle als Mutter definiert. Mit zunehmender Anerkennung ausserhalb des Haushaltes steigt der nötige Verzicht, um Kinder aufzuziehen.
  • Geringerer Nutzen: In ländlichen Gesellschaften werden Kinder als Arbeitskräfte im elterlichen Haushalt benötigt. Zusätzlich sind sie die einzig mögliche Altersvorsorge für die Eltern. Mit Industrialisierung und Urbanisierung im Laufe des Übergangs sinkt der Nutzen der Kinder als Arbeitskraft. Für die Altersvorsorge entstehen Alternativen (Ersparnisse und Sozialstaat).
Theoretisches Modell oder Realität?

Der Kern des Modells, dass die Fruchtbarkeit einer Population im Laufe der sozialen und wirtschaftlichen Modernisierung sinkt, ist heute weitgehend anerkannt. Das Konzept gehört zu den zentralsten Erkenntnissen der Sozialwissenschaften überhaupt. Ein Blick auf konkrete Daten zeigt aber, dass sich die demografische Entwicklung von Land zu Land unterscheidet. Es gibt also nicht eine, sondern viele verschiedene demografische Transformationen:

Das Beispiel Mauritius zeigt typische Besonderheiten in Entwicklungsländern: Der Übergang beginnt erst im 20. Jahrhundert und startet mit einem schnelleren Rückgang der Sterblichkeit. Das liegt daran, dass die Mittel zur Sterblichkeitskontrolle importiert werden. Die Verzögerung bis zum Rückgang der Geburtenrate ist im Vergleich zu Europa länger. Die Senkung der Fruchtbarkeit erfordert soziale Umwälzungen, die auf traditionelle Werte prallen und Zeit brauchen.

Ungeachtet lokaler Unterschiede: Nach Voraussage des Modells ist das globale Bevölkerungswachstum ein vorübergehendes Phänomen. Es wird wahrscheinlich enden, wenn heutige Entwicklungsländer die letzte Phase des Übergangs erreichen. Jedoch ist die Idee der demografischen Transformation ein Modell und keine Theorie. Sie beschreibt beobachtete demografische Entwicklungen im Rückblick und stellt keine Gesetzmässigkeiten auf, die verbindliche Prognosen bezüglich Bevölkerungsentwicklung erlauben.

Zudem befindet sich das Konzept im Wandel. Es wird oft erweitert und an neue Daten angepasst. So schlagen Demografen eine fünfte Phase vor, die den Übergang zu extrem tiefen Fruchtbarkeitsraten und teilweise sinkende Bevölkerungszahlen in vielen Ländern Europas und Asiens in den letzten 50 Jahren darstellt. Weiter könnte die Fruchtbarkeit mit fortschreitender wirtschaftlicher Entwicklung wieder ansteigen.

*Wichtigste demografische Kennzahlen:

  • Geburtenrate (Crude Birth Rate): Anzahl der Lebendgeborenen pro 1000 Einwohner in einem Land während eines Jahres. Bezieht sich auf die Gesamtbevölkerung und nicht nur auf Frauen.
  • Sterberate (Crude Death Rate): Anzahl der Todesfälle pro 1000 Einwohner in einem Land während eines Jahres.
  • Zusammengefasste Fruchtbarkeits- oder Fertilitätsrate (Total Fertility Rate): Mass für die Fertilität einer Population. Damit ist nicht die biologische Fruchtbarkeit (die Fähigkeit, Kinder zu zeugen) gemeint, sondern die tatsächlich zur Welt gekommenen Kinder.Es handelt sich um eine theoretische Zahl, die die in einem Jahr beobachteten altersspezifischen Fruchtbarkeiten aller Frauen im gebärfähigen Alter (15-45) berücksichtigt. Vereinfacht kann sie als durchschnittliche Anzahl Kinder pro Frau interpretiert werden.
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