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Kritik am BIP verstehen
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Kritik am BIP verstehen
Freitag, 30. März 2018

Das BIP ist als allseitiger Wirtschaftsindikator umstritten. Warum das so ist und weshalb das BIP als wirtschaftspolitischer Kompass unverzichtbar ist, erfahren Sie hier.

Bild: flickr – Department for Business, Innovation and Skills (CC)

Das Bruttoinlandprodukt (BIP) misst den Marktwert aller im Inland hergestellten Güter und Dienstleistungen für den Endgeberauch. Teilt man das BIP eines Landes durch die Anzahl Einwohner, erhält man das BIP pro Kopf. Dieses dient als international vergleichbares Mass der Wirtschaftsleistung.

Die methodischen Grundlagen der Berechnung des BIP gehen auf die 1930er Jahre zurück. Fast so alt wie der Indikator selbst ist auch die Kritik am BIP. Wir haben die wichtigsten Punkte rund um die Kritik am BIP für Sie zusammengefasst.

Methodische Mängel

Einige Schwächen des BIP liegen in dessen Erfassung. Das BIP misst beispielsweise nur Wirtschaftsleistungen, die über den Markt abgewickelt werden. Somit fliesst jegliche Art von unentgeltlicher Arbeit wie Hausarbeit und Kindererziehung nicht in das BIP.

Was dies genau bedeutet, veranschaulicht folgendes Beispiel: Entscheidet sich eine Familie, den betagten Grossvater daheim zu umsorgen, so wird die geleistete Pflege nicht im BIP erfasst. Würde der Grossvater aber im Pflegeheim betreut, wäre dies im BIP festgehalten.

Zudem fliesst Schwarzarbeit – legale und entlohnte Arbeit, die jedoch, um Steuern und Sozialabgaben zu umgehen, nicht als solche deklariert wird – nicht ins BIP. Auch illegale Marktaktivitäten wie Drogenhandel, Schmuggel und Bestechung sind im BIP nirgendwo zu finden.

BIP und der technologische Wandel

Wie Eric Scheidegger, stv. Direktor des SECO, in der Volkswirtschaft erläutert, ist aufgrund der voranschreitenden Digitalisierung eine weitere Schwäche des BIP in den Fokus geraten: Immer mehr Konsumgüter und Dienstleistungen werden im Internet nahezu kostenlos zur Verfügung gestellt und erscheinen somit nicht im BIP.

Während man früher beispielsweise noch DVDs und Lexika kaufte, schaut man heute Filme auf Streaming-Plattformen und schlägt Informationen bei Wikipedia nach. Auch Print-Medien wie Tageszeitungen werden immer häufiger durch teilweise kostenlose Online-Informationsportale ersetzt.

Eric Scheidegger argumentiert, dass diese Gratisleistungen nicht zwingend zur systematischen Unterschätzung der in Geldeinheiten gemessenen Wirtschaftsleistung führen. Denn auch die meisten dieser internetbasierten Dienstleistungen werden bezahlt, entweder direkt oder indirekt, zum Beispiel über Werbeeinnahmen.

Technische Neuerungen haben die Berechnungsgrundlage des BIP schon früher herausgefordert und werden dies wohl auch in Zukunft vermehrt tun. So führte die Verbreitung von Computern ab den 1980er Jahren zu einer Debatte, wie die immer günstigeren aber zugleich leistungsfähigeren Computer im BIP korrekt erfasst werden können.

Falsche Erwartungen

In den Augen einiger Kritiker ist eine weitere Schwachstelle des BIP dessen Aussagekraft, da das BIP nicht widerspiegelt, wie es um die Lebensqualität in einem Land steht.

Das BIP misst zum Beispiel Erlöse von Firmen mit umweltschädlicher Produktion, nicht aber das Ausmass an Umweltverschmutzung und wie sich diese auf die Bewohner auswirkt. Zudem gibt das BIP keine Auskunft über die Verteilung des Wohlstands in einer Volkswirtschaft.

Wie eingangs erklärt ist das Ziel des BIP jedoch nicht die Messung der Lebensqualität, sondern die Erfassung aller Wirtschaftsaktivitäten. Selbst nach umfassender Überprüfung des Konzepts, ist das BIP als Indikator für die landesweite Wirtschaftsleistung faktisch alternativlos.

Natürlich darf nicht nur die Entwicklung des BIP in Betracht gezogen werden, um den Wirtschaftsverlauf vollumfänglich zu analysieren. Zusätzliche Indikatoren wie Konsumentenstimmung, Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit ergänzen die Orientierung am BIP. Zudem gibt es etablierte Konzepte für die Messung einer nachhaltigen Entwicklung und Lebensqualität.

Das BIP in der Politik

Ein weiteres Missverständnis ist gemäss Eric Scheidegger, dass eine stete BIP-Zunahme ein vorrangiges Ziel der Politik ist. In der Schweiz gibt es kein politisch vorgegebenes Wachstumsziel. Die vierteljährlich erstellten Konjunkturprognosen dienen Entscheidungsträgern als Orientierung, wie sich die wirtschaftliche Aktivität zukünftig entwickeln könnte. Sie sind jedoch kein politisches Versprechen über die Entwicklung des wirtschaftlichen Wohlstandes der Schweizerinnen und Schweizer.

Trotzdem hat das Bestreben nach langfristigem Wirtschaftswachstum in der Schweizer Politik einen hohen Stellenwert. Das BIP dient dabei als Orientierungshilfe. Denn Wirtschaftswachstum bedeutet in der längeren Frist nicht nur, dass sich Bürgerinnen und Bürger mehr oder bessere Güter und Dienstleistungen leisten können. Aus Innovation resultierendes Wachstum führt im Endeffekt beispielsweise auch zu besserer Gesundheitsvorsorge, mehr Freizeit und höherer Lebenserwartung.

Deshalb sollte das Wirtschaftswachstum auch weiterhin eine wichtige Rolle in der Schweizer Wirtschaftspolitik spielen. Jedoch unter Berücksichtigung anderer Ziele wie zum Beispiel Umweltschutz oder Umverteilung.

Den vollständigen Artikel von Eric Scheidegger können Sie hier nachlesen:

Die Volkswirtschaft. Das BIP als unerlässlicher Kompass (26.02.2018)

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Dieser Blog wurde am 10.04.2018 aktualisiert.

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