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Janesville: Eine amerikanische Geschichte
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Janesville: Eine amerikanische Geschichte
Freitag, 09. März 2018

Die Schliessung der General Motors Fabrikanlage in Janesville veränderte das Leben in der amerikanischen Kleinstadt markant. Wie die Bewohner damit umgehen, thematisiert Amy Goldstein in ihrem Buch.

Die General Motors Fabrikanlage in Janesville.

Die General Motors Fabrikanlage in Janesville. Bild: Wikimedia (CC)

Es ist frühmorgens am 23. Dezember 2008 – einem kalten, grauen Wintertag – als das letzte Auto der General Motor Fabrik in Janesville vom Band rollt. Arbeiter, die kurz davor stehen in eine ungewisse Zukunft zu treten, schauen zu – jubelnd, sich umarmend, weinend. Fernseh-Crews aus der ganzen Welt sind angereist, um den Moment festzuhalten, an dem die älteste Fabrik des grössten amerikanischen Autoherstellers die Lichter ausmacht.

Seit die General Motors (GM) Fabrik 1919 in Janesville – einer Kleinstadt mit rund 60 000 Einwohnern im Staat Wisconsin –öffnete, war die lokale Wirtschaft von der Autoproduktion geprägt. Bis zu 7000 Arbeitskräfte wurden in wirtschaftlich guten Zeiten alleine in der GM Fabrik eingesetzt. Viele weitere Jobs entstanden in Zulieferbetrieben von GM, die sich in der Region ansiedelten. Über Jahrzehnte versorgte die Autoindustrie die Einwohner mit gut bezahlten Jobs. Für die Fliessbandarbeit war keine Ausbildung nötig. Viele Arbeitskräfte wurden direkt nach der High-School eingestellt.

So etablierte sich in Janesville während fast drei Generationen eine mittelständische Gesellschaft, die sich ein vergleichsweise komfortables Leben leisten konnte und die davon ausging, dass alles so weitergehen würde wie bisher. Doch dann kam alles anders. Die GM-Fabrikanlage stellte den Betrieb ein und tausende Arbeitskräfte in der Region rund um Janesville verloren ihren Job.

Wie weiter?

Wie gingen die Einwohner von Janesville damit um? Hier setzt das Buch von Amy Goldstein an. Die «Washington-Post»-Journalistin erzählt die Geschichte der Kleinstadt ab dem Moment, in dem der Medienrummel um die Fabrikschliessung verstummt und begleitet die Bewohner bis ins Jahr 2013. Das Buch thematisiert also nicht hauptsächlich, warum es zur Schliessung der Fabrik kam, sondern beschreibt, wie die Bewohner von Janesville versuchen, ein neues Leben aufzubauen.

Die Leserin erfährt, wie sich das Leben von Familien verändert, die direkt von der Fabrikschliessung betroffen sind. Da oft mehrere Familienmitglieder in der Autobranche tätig waren, verlieren viele Familien ihren gesamten Lebensunterhalt. Das beeinflusst auch das Leben und die Zukunftsperspektiven vieler Kinder und Jugendlicher in Janesville.

Da die USA zum Zeitpunkt der Fabrikschliessung in einer Rezession und einer Immobilienkrise steckt, ist es vielen Bewohnern nicht möglich ihr Haus zu verkaufen und Arbeit in einer anderen Region zu finden. Es müssen andere Lösungen her: Manche Betroffene bilden sich an der staatlichen Berufsschule kostenlos weiter, um ihre Jobchancen zu erhöhen. Andere lassen sich in weit entfernte Fabriken versetzen und pendeln nur an den Wochenenden oder einmal im Monat nach Hause.

Nicht nur die Betroffenen werden aktiv. Auch Bewohner von Janesville, die ihren Job nicht verloren haben, setzen sich für die Zukunft ihrer Stadt ein. Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft sind bemüht, die wirtschaftliche Entwicklung in Janesville abseits der Autobranche anzukurbeln. Sozialarbeiter und Lehrkräfte setzen sich für die Familien in Janesville ein, die von der Fabrikschliessung betroffen sind. So werden beispielsweise staatliche Unterstützungsmöglichkeiten angefordert oder Sachspenden gesammelt.

Das Buch gibt abwechselnd Einblicke in das Leben sehr unterschiedlicher Personen mit verschiedenen Hintergründen und Herausforderungen. Dadurch erfährt der Leser, wie facettenreich die Auswirkungen der Fabrikschliessung in Janesville sind.

Kein Buch über Drogen und den «Rostgürtel»

«Janesville: An American Story» ist eines von vielen Büchern mit Bezug auf die Wirtschaftskrise und den Zerfall der Arbeiterklasse in den USA, die in den letzten Jahren erschienen sind. Im Gegensatz zu anderen Büchern zu diesem Thema, erzählt Goldstein weder eine Geschichte aus dem «Rostgürtel» und dem Niedergang der Stahlindustrie, noch von der Drogenepidemie in den USA. Ihr Buch handelt nicht von einer scheiternden Gemeinschaft; vielmehr wird die Geschichte erzählt, wie die Bewohner der mittelständischen Kleinstadt gegen den sozialen und finanziellen Abstieg ankämpfen.

Und wie sieht das Leben in Janesville gut neun Jahre nach der Fabrikschliessung aus? Auf den ersten Blick scheint es, als hätte man die Rezession gut überstanden – die Arbeitslosigkeit ist mit rund 5% wieder auf einem tiefen Niveau. Schaut man näher hin, fällt jedoch auf, dass die vorhandene Arbeit schlechter bezahlt ist, als die früheren Jobs in der Autoindustrie, und dass der Lebensstandard in Janesville gesunken ist. Viele Familien halten sich mit mehreren Gelegenheitsjobs über Wasser. Nichtsdestotrotz ist Janesville an der Fabrikschliessung nicht kaputtgegangen. Dafür können die Bewohner vor allem sich selbst danken.

Das 386 seitige Buch ist zurzeit nur auf Englisch erhältlich:

Amy Goldstein. Janesville: An American Story (April 2017).

Für alle die zuerst eine kleine Kostprobe aus dem Buch möchten, eignet sich dieser Betrag der Washington Post mit einzelnen Geschichten aus dem Leben in Janesville, angereichert mit Bildern:

The Washington Post. Janesville: An American Story. (15.04.2017)

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