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Ökonomie der Familienplanung
Freitag, 16. Februar 2018

Die Abwägung, ob ein Paar beim Nachwuchs eher auf Quantität als Qualität setzt, trägt mitunter zur Ungleichheit bei, argumentiert der Ökonom Hannes Schwandt.

Bild: Public Domain Pictures (CC)

Ein Kind in der Schweiz grosszuziehen kostet laut dem Bundesamt für Statistik (BfS) gesamthaft über CHF 200'000. Ist der eigene Nachwuchs also ein teures Luxusgut, von dem sich mehr leisten kann, wer viel Geld verdient? Ganz so einfach ist es nicht: Die Berechnung des BfS berücksichtigt lediglich die direkten Kosten, also die Konsumausgaben. Dass die Kosten des Kindergrossziehens weitaus mehr beinhalten als die Ausgaben für Essen und Kleider, hat der Nobelpreisgewinner Gary S. Becker bereits 1960 in seiner Theorie der Fruchtbarkeit thematisiert.

Gemäss Becker wären da zum einen die Opportunitätskosten zu nennen. So haben die Eltern nach der Geburt eines Kindes weniger Zeit für eine weiterführende Ausbildung, für Hobbies oder, gerade im Fall der Mütter, für eine berufliche Karriere. Dazu kommen die Investitionskosten von Kindern, also die Zeit und das Geld, die in die Erziehung und Ausbildung gesteckt werden.

Beckers Theorie besagt, dass Menschen nicht nur bei wirtschaftlichen Entscheiden Kosten und Nutzen abwägen, sondern auch in privaten Angelegenheiten bemüht sind, ihren Vorteil zu maximieren. Wie viele Kinder ein Paar bekommt, hängt also laut Theorie vom Ertrag und dem Aufwand des Grossziehens von Kindern ab. Bezieht man die beschränkten Ressourcen in die Familienplanung mit ein, läuft es oft auf die Wahl zwischen Quantität und Qualität hinaus: Entweder ein Paar hat wenige, gut ausgebildete oder viele, weniger gut ausgebildete Kinder.

Bei dieser Abwägung spielen die verfügbaren Mittel eine zentrale Rolle. Für gut situierte Paare fallen die Opportunitätskosten hoch aus. Die Stelle als Head of Marketing ist schwerer herzugeben als der Posten in der Abwaschküche. Dafür stehen besserverdienenden Paaren mehr Ressourcen zur Verfügung, die sie in ihren Nachwuchs investieren können: Nachhilfestunden, Auslandaufenthalte, Klavierunterricht reissen nicht gleich ein Loch ins Familienbudget. Zudem verbringen bildungsnahe Eltern mehr Zeit mit ihren Kindern als bildungsferne Paare. Die Theorie von Becker kann erklären, warum Eltern in den oberen Gesellschaftsschichten eher wenige, gut ausgebildete und Paare in den unteren Einkommensgruppen eher viele, weniger gut ausgebildete Kinder haben. 

Wachsende Ungleichheit

Welche Auswirkung hat dieses Phänomen auf die Entwicklung einer Gesellschaft? Spinnt man Beckers Erkenntnisse weiter, zeigen sie auf, wie die Gesellschaftsschichten weiter auseinanderdriften.

Die eher wenigen Kinder von bildungsnahen Paaren werden durch die bessere Ausbildung für die Wirtschaft wertvoller und können deshalb auf dem Arbeitsmarkt ein höheres Einkommen erzielen. Der Nachwuchs von schlechter situierten Eltern wird sich mangels Ressourcen und Förderung tendenziell in Tieflohnjobs betätigen und wiederum weniger Zeit und Geld in die eigenen Kinder investieren können. Diese Dynamik treibt die Ungleichheit weiter an und trägt dazu bei, dass sich immer grössere Teile der Einkommen auf immer weniger Leute konzentriert.

Gewisse Megatrends, wie die voranschreitende Digitalisierung, werden diese Entwicklung noch verstärken. In einer zunehmend automatisierten Wirtschaft wird eine bessere Ausbildung noch höher belohnt werden und eher schlecht bezahlte Routinearbeiten entweder noch tiefer entlohnt oder ganz von Robotern übernommen werden.

Den Teufelkreis durchbrechen

Umverteilung wird oft als Allheilmittel gegen Ungleichheit gepriesen. Laut Hannes Schwandt gibt es einfachere und effektivere Lösungen. Zum Beispiel ist es besser, in die Frühförderung von Kindern aus bildungsfernen Familien zu investieren. Wie eine Studie von Professor Schwandt zeigt, haben die frühe Kindheit und sogar die Schwangerschaftsumstände einen starken Einfluss auf den ökonomischen Erfolg im Erwachsenenalter. Interventionen die während der Schulzeit ansetzen, sind weniger wirksam.

Ein zweiter Ansatz ist, den Preis von Kindern für bildungsnahe Paare zu senken. Das ist zum Beispiel durch Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub möglich. Am wirksamsten ist dabei ein Modell, das für beide Elternteile einen Anreiz bietet, vom Urlaub Gebrauch zu machen. Wenn nicht nur die Mütter, sondern auch die Väter nach der Geburt der Kinder im Arbeitsmarkt kürzertreten, können die hohen Opportunitätskosten des Kinderkriegens für Frauen gesenkt werden.

Hannes Schwandt ist Professor an der Universität Zürich im Bereich «Economics of Child and Youth Development». An der iconomix-Tagung 2017 hielt er ein fesselndes Referat zum Thema Bevölkerungswachstum. Die Folien zum Referat finden Sie hier.

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Dieser Blog wurde am 22.02.2018 aktualisiert.

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