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Chinas Riesenprojekt – ein Riesen-Fragezeichen
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Chinas Riesenprojekt – ein Riesen-Fragezeichen
Freitag, 20. Oktober 2017

One Belt One Road, oder kurz auch OBOR – das chinesische Riesenprojekt mit dem Ziel Strassen, Schienen, Häfen, Pipelines und weitere Infrastrukturen aufzubauen, die China über Zentralasien und Afrika mit dem Westen verbinden – sorgt für viel Aufsehen. Was dahinter steckt.

OBOR Gipfel 2017. Bild: Wikimedia

China will die Globalisierung vorantreiben. Dies wurde bereits in der Rede von Xi Jinping am diesjährigen WEF Forum deutlich gemacht – das Projekt der Wiederbelebung der Seidenstrasse soll nun dabei verhelfen. Die Initiative wurde erstmals im September 2013 vom chinesischen Staatschef unter dem Namen One Belt One Road (OBOR) publik gemacht. Knapp vier Jahre später, im Mai 2017, feiert Xi Jinping im Rahmen des OBOR Gipfels, bei dem knapp 30 Staats- und Regierungschefs – darunter auch Bundespräsidentin Doris Leuthard – sowie über 1’500 Delegierte aus aller Welt antraten, das Voranschreiten seines sogenannten «Jahrhundertprojekts».

Worum geht es?

Die OBOR Initiative (häufig auch unter der Abkürzung BRI, Belt and Road Initiative, anzutreffen) umfasst ein milliardenschweres Infrastrukturprogramm in Ländern entlang der einstigen Seidenstrasse, welches China mit dem Westen verbinden soll. Der Gürtel (Belt) bezieht sich dabei auf den Landweg via Zentralasien nach Russland und Europa. Die Strasse (Road) deutet auf die Seeverbindung von Südostasien über Indien bis nach Afrika und ins Mittelmeer hin (siehe Grafik unten).

Während es bei vielen von der Initiative tangierten Ländern an etablierten Infrastrukturen mangelt, präsentiert China die Initiative nicht primär als Entwicklungsprojekt, sondern als Motor für globales Wirtschaftswachstum, so die Financial Times. So soll mittels eines massiven Infrastrukturaufbaus die Verbindung zwischen Ländern verbessert und damit der globale Handel angekurbelt werden. Die Investitionen sind dabei gewaltig. Laut dem Economist soll China jährlich umgerechnet 150 Milliarden USD in das Projekt pumpen. Ausserdem soll insgesamt eine Investitionssumme im Umfang von knapp 900 Milliarden USD für laufende Projekte budgetiert worden sein.

Wo stehen wir heute?

Peking hat bisher keine umfassende Liste laufender oder geplanter OBOR-Projekte veröffentlicht. Zudem wurde die Initiative bis anhin nur sehr vage umschrieben. Dies ermöglicht es China jegliche Projekte unter dem Label OBOR zu vermarkten. Laut dem chinesischen Handelsblatt Caixin, haben seit 2013 rund 50 chinesische Staatsbetriebe in knapp 1’700 OBOR-Projekte investiert. Das Aushängeschild darunter ist der sogenannte China Pakistan Economic Corridor (CPEC) – der Aufbau eines weitläufigen Netzes von Autobahnen, Kraftwerken, Windmaschinen und Eisenbahnen. Die Investitionen in CPEC belaufen sich auf ganze 62 Milliarden USD, über 20 Prozent des pakistanischen BIP 2016.

Weitere bedeutende OBOR Errungenschaften beinhalten ein Hafenprojekt in Sri Lanka in Höhe von 1,1 Milliarden US-Dollar sowie eine Hochgeschwindigkeitsstrecke in Indonesien. Finanziert werden die Riesensummen derzeit grösstenteils über Kredite von chinesischen staatseigenen Banken sowie via Investitionen chinesischer Staatsunternehmen. Ausserdem wird die Initiative vom staatseigenen Silk Road Fond mit einem Gründungskapital von 40 Milliarden USD sowie der Asiatischen Infrastrukturinvestmentbank (AIIB) mit 100 Milliarden USD Startkapital unterstützt.

Was steckt dahinter?

Hinter der breitgefassten Motivation eines globalen Wirtschaftsschubs steckt eine Fülle von sekundären Beweggründen, so (nebst vielen weiteren Berichten) der Economist. Zum einen diene das Projekt dem Abbau von Überkapazitäten in der Stahl- und Zementindustrie im eigenen Land – eine Folge des massiven Infrastrukturaufbaus in China der letzten 30 Jahre, der nun aber weitestgehend abgeschlossen ist. So könne anstelle eines Abbaus der Arbeitskräfte in den Baufirmen, die Überschussproduktion in weniger entwickelte Länder verlagert werden.

Weiter ermögliche das Megaprojekt, in einer Zeit des langsameren Wirtschaftswachstums, weitere Märkte für chinesische Waren und Technologien zu erschliessen. Zudem erhoffe sich Peking, dass eine stabilere Beziehung mit den Nachbarsländern dazu beitragen wird, die Volkswirtschaften von weniger entwickelten Grenzregionen im Westen Chinas (z.B. Xinjiang) zu stärken. Nicht zuletzt glauben viele, dass die Initiative ein geopolitischer Schachzug ist um China als dominierende Grossmacht der Region zu etablieren – während die USA unter Donald Trump, mit dem Ausstieg aus dem Freihandelsabkommen TPP, an Einfluss verlieren.

Was lässt sich daraus schliessen?

Laut der Ratingagentur Fitch könnten OBOR-Projekte dazu beitragen fehlende Infrastrukturen aufzubauen – dies insbesondere in Ländern, in denen ein Mangel an langfristigen inländischen Einsparungen notwenige Investitionen begrenzt. Darüber hinaus würden chinesische Firmen technisches Know-how mit sich bringen, das in vielen der tangierten Länder fehlt. Falls OBOR jedoch primär von politischen Interessen Chinas angetrieben wird – nämlich seinen globalen Einfluss auszuweiten und die Überkapazitäten im eigenen Land zu verringern – bestehe das Risiko, dass Projekte nicht auf die dringendsten Infrastrukturbedürfnisse ausgerichtet würden. Die entsprechende Vernachlässigung von Marktkräften könnte dazu führen, dass sich Projekte als unrentabel erweisen, so Fitch.

Daneben bestünden auch Risiken in der Ausführung der Projekte. Obwohl chinesische Ingenieure umfassende technische Erfahrung mitbringen, sind die meisten in unbekannten Märkten tätig und oft mit schwierigen und unvorhersehbaren Geschäftsumgebungen konfrontiert. Denn die involvierten Regionen sind oft politisch instabil. So stellen beispielsweise die pakistanischen Taliban eine bedeutende Bedrohung für das CPEC Projekt dar. Erweisen sich die Projekte aufgrund der genannten Risiken schliesslich als unrentabel und generieren zu wenig Einnahmen für die Tilgung der Kredite, könnte dies das öffentliche Finanzprofil der entsprechenden Staaten schädigen.

Was lässt sich nun daraus schliessen? Chinas «Jahrhundertprojekt» hat das Potenzial durch den Ausbau von fehlenden Infrastrukturen den Handel und somit die Wirtschaft in den tangierten Regionen anzukurbeln. Das Ausmass davon bleibt jedoch stark davon abhängig, inwiefern die Projekte auf das Bedürfnis der tangierten Länder und nicht auf die politischen Interessen Chinas ausgerichtet sind. Da sich die Initiative noch im Anfangsstadium befindet lässt sich derzeit noch kein abschliessendes Urteil über den Erfolg oder Misserfolg der Initiative schliessen. Es bleibt spannend welche Dimension Chinas «Jahrhundertprojekt» in den kommenden Jahren annehmen und wie sich dies auf die Weltwirtschaft auswirken wird.

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