Schweizerische Nationalbank
Die Wahl der Qual im Zweiparteiensystem
Staat und Gesellschaft
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Die Wahl der Qual im Zweiparteiensystem
Dienstag, 13. November 2012

Beim Verfolgen des amerikanischen Wahlkampfs um das Präsidentenamt fragte ich mich (wohlgemerkt als demokratieerprobter Schweizer): Warum stehen bloss zwei Kandidaten zur Wahl? Jeder Wähler kann auf seinem Wahlzettel genau ein Kreuz placieren: Obama oder Romney? Demokrat oder Republikaner? Links oder Rechts?

Die USA haben gewählt. «four more years» – Barack Obama wird für die nächsten vier Jahre Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika bleiben, seinem republikanischen Widersacher Mitt Romney bleibt der Zutritt zum Weissen Haus versperrt.

Die Vereinigten Staaten von Amerika haben de facto ein Zweiparteiensystem. Die linke Seite der Wahlpräferenzen wird traditionell durch die demokratische Partei abgedeckt und die konservative Seite durch die republikanische. Eine Erklärung für die Zweiteilung der politischen Landschaft in Amerika bietet das Gesetz von Duverger (Loi de Duverger), benannt nach dem französischen Juristen und Politikwissenschaftler Maurice Duverger.

Das Gesetz von Duverger hat eine intuitive Aussage: Eine repräsentative Demokratie mit einem Mehrheitswahlsystem und Einerwahlkreisen (amerikanische Bundesstaaten) gipfelt in einem Zweiparteiensystem.[1]

Aus einem Einerwahlkreis kann jeweils nur ein Kandidat hervorgehen – derjenige mit den meisten Stimmen. Selbst der zweitbeste Nebenbuhler geht bei diesem Wahlverfahren leer aus, weshalb dieses System auch «winner-takes-it-all-system» genannt wird. Dem rationalen Wähler ist dieser Umstand durchaus bewusst, deshalb gibt er seine Stimme nicht dem Kandidaten der seinen politischen Präferenzen am nächsten steht, sondern zwangsläufig demjenigen Kandidaten, der ihm ideologisch immer noch nahe genug steht, aber über die grösseren Wahlchancen verfügt. Dieses Selektionsverfahren führt zur vollständigen Polarisierung – am Schluss bleiben nur noch zwei Kandidaten übrig, auf die sich sämtliche Stimmen konzentrieren. Der eine Kandidat wird von der Mitte aus das linke Wahlspektrum vertreten, der andere das rechte.

Ein Gedankenexperiment, das den Selektionsprozess nach dem Gesetz von Duverger wiedergibt: Gibt es in einem Einerwahlkreis mit Mehrheitswahl drei Parteien, welche die Wählerstimmen untereinander aufteilen, so werden in der folgenden Legislaturperiode die Mehrzahl der Einwohner durch eine Partei vertreten, die sie nicht wählten. Denn bei der Mehrheitswahl können kleine Parteien keinen Einfluss auf den politischen Prozess nehmen – sie sind ausgeschlossen. Diese Einflusslosigkeit führt dazu, dass Wähler den nächsten Wahlen fernbleiben oder eben, dass sie eine grössere Partei wählen mit höherer Erfolgschance. Die Minderheitspartei wird nach und nach von der poltischen Bühne gedrängt, aus Frustration oder finanziellem Ausbluten aufgrund mangelndem Erfolg – übrig bleiben zwei Parteien.[1]

Das Gesetz von Duverger ist aber nicht zweifellos erhaben – Wähler sind nicht immer rational. Dies beweist die Präsidentschaftswahl im Jahr 2000, wo Ralph Nader als vermeintlicher Aussenseiter die Wahl gravierend beeinflusste. Nader hat sich nicht dem Gesetz von Duverger unterworfen und seine aussichtslose Kandidatur aufrecht erhalten. Rückblick: Bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 2000 spielten bekanntlich Al Gore und George Bush die erste Geige. Der Ausgang der Wahl war denkbar eng. Al Gore hatte knapp mehr Stimmen, George Bush jedoch mehr der matchentscheidenden Elektoren, ergo gewann er die Wahl. Und Ralph Nader? Nader lief nie Gefahr ins Präsidentenamt gewählt zu werden, aber am Ende war er das berühmte «Zünglein an der Waage»: Er holte überraschend 2,7% der Stimmen für die Grünen. Stimmen die dem ideologisch näherstehenden Al Gore fehlten und damit dem grösseren politischen Gegner, George Bush, den Sieg ebneten.

Fazit: Nach dem Gesetz von Duverger sind politische Institutionen, wie das Mehrheitswahlsystem und Einerwahlkreise verantwortlich für die dünne Auswahl an Kandidaten bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Der rationale Wähler wird als Folge nicht seinen Wunschkandidaten wählen, der seine Interessen am besten vertritt, sondern denjenigen Kandidaten, der für ihn das kleinere Übel darstellt.

Zum Thema:

Für das iconomix-Team

Christoph Hirter

 

[1] Dennis C. Mueller (1991). Public Choice II. Camebridge University Press.

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Kommentare

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Pascal Sulser - irrationale Wähler

Wie so vieles in der Ökonomie, überzeugt dieses (vermeintliche) Gesetz in der Theorie mehr als es dies in der Praxis tut (cf. Wikipedia). So weit, so gut. Was ich mich hingegen nicht getrauen würde, wäre all den Nader-Wählern Irrationalität zu unterstellen. Stimmt das eigene Verhalten nicht mit den Präferenzen überein, so kann auch dies einen erheblichen Disnutzen erzeugen (kognitive Dissonanz). Zudem – man mag zur Begründung das ebenso strittige Medianwähler-Theorem bemühen – sind die parteilichen Differenzen zwischen Demokraten und Republikanern doch eher gering. Ich würde also behaupten, die erwarteten zusätzlichen Kosten einer Wahl von Bush waren aus Sicht der Nader-Anhängern geringer als die Kosten aus dem Abweichen von der eigenen Identität. Das zentrale Stichwort lautet hier natürlich «erwartete Kosten».

16.11.2012 Antworten