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Warum die Lohnquote sinkt
Sonntag, 11. Juni 2017

Die Lohnquote ist seit den 1990er Jahren weltweit rückläufig. Die Gründe dafür liegen im technologischen Fortschritt, in der globalen Integration und im Aufstieg der «Superstar-Firmen».

Mega-Konzerne wie Amazon haben einen Einfluss auf die sinkende Lohnquote Bild: flickr – Álvaro Ibáñez (CC)

Die Wirtschaftsleistung eines Landes ist auf die beiden Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital zurückzuführen. Folglich wird das Volkseinkommen zwischen den Arbeitskräften und den Eigentümern von Kapital aufgeteilt. Lange Zeit wurde angenommen, dass die Anteile der Arbeits- und Kapitaleinkommen am Volkseinkommen – also die Lohn- und Kapitalquoten – praktisch konstant sind.

Seit einigen Jahrzehnten lässt sich jedoch beobachten, dass die Lohnquote in vielen Ländern rückläufig ist. Mit diesem Trend setzen sich Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in der aktuellen Ausgabe des «World Economic Outlook» auseinander. Ihre Analyse zeigt, dass der Rückgang der Lohnquote rund um den Globus wahrnehmbar ist, sowohl in Industrie- als auch in Entwicklungsländern. Über die Hälfte der 50 grössten Volkswirtschaften verzeichnen seit den 1990er Jahren einen Abnahme der Lohnquote.

Das Phänomen ist in den meisten Fällen nicht auf eine Verschiebung zwischen den Branchen sondern innerhalb der Branchen zurückzuführen. Gemäss dem IWF ist die Lohnquote in sieben der zehn bedeutendsten Branchen gefallen. Besonders stark betroffen sind das verarbeitende Gewerbe, die Transport- und die Kommunikationsbranche. Eine Ausnahme ist China: dort gab es aufgrund der Industrialisierung eine Verschiebung zwischen den Branchen. Viele Arbeitskräfte haben vom arbeitsintensiven Landwirtschaftssektor in den kapitalintensiven Industriesektor gewechselt.

Der IWF sieht in der fallenden Lohnquote eine Gefahr für die Verstärkung der Einkommensungleichheit. Einerseits, weil in den letzten Jahren vor allem die Arbeitnehmer mit niedriger oder mittlerer Qualifikation die Last der sinkenden Lohnquote getragen haben. Andererseits, weil ein Rückgang des Anteils der Arbeitseinkommen mit einer Erhöhung des Anteils der Kapitaleinkommen einhergeht. Eigentümer von Kapital sind vor allem an der Spitze der Einkommensskala zu finden.

Der Rückgang der Lohnquote in Industrienationen ist laut den IWF-Ökonomen in erster Linie auf den technologischen Fortschritt zurückzuführen. Dieser liess die relativen Preise für Investitionsgüter sinken. Das gibt vielen Firmen den Anreiz Arbeit durch Kapital zu ersetzten – vor allem in Branchen in denen die Tätigkeiten leicht automatisierbar sind.

Eine weitere wichtige Ursache ist die globale Integration. Der IWF beschreibt, dass der globale Handel in den letzten 25 Jahren aufgrund der sinkenden Transport- und Kommunikationskosten sowie gelockerten Handelsrestriktionen stark zugenommen hat. Firmen haben somit die Möglichkeit erhalten, die Produktion von arbeitsintensiven Gütern in ein Land mit niedrigeren Lohnkosten zu verlagern.

Das Phänomen der «Superstar-Firmen»

Eine kürzlich erschienene Studie einer Gruppe von renommierten Ökonomen – unter ihnen ist der Zürcher Professor David Dorn – weist auf einen weiteren Faktor hin, der für die rückläufige Lohnquote mitverantwortlich ist: Der Aufstieg der Superstar-Firmen. In vielen Branchen wird ein immer grösserer Anteil des Branchenumsatzes von einer immer kleineren Anzahl Firmen erwirtschaftet.

Solche Mega-Konzerne wie Google oder Amazon kennen viele vor allem aus der Technik-Branche, aber auch in traditionelleren Wirtschaftszweigen nimmt die Machtballung zu. «Wir haben festgestellt, dass die Konzentration von mächtigen Firmen seit den 1980er Jahren quer über alle Branchen und Länder hinweg ansteigt», sagt Dorn gegenüber der NZZ am Sonntag.

Die Studie von Dorn und dessen Co-Autoren zeigt, dass es zumindest in der US-Wirtschaft einen Zusammenhang zwischen dem Aufstieg der Mega-Konzerne und der fallenden Lohnquote gibt: In den Branchen in denen die Konzentration der mächtigen Firmen am meisten gestiegen ist, ist auch die Lohnquote am stärksten gefallen.

Dorn erklärt in der NZZ am Sonntag diesen Zusammenhang folgendermassen: «Die Superstar-Firmen müssen im Verhältnis zu ihrem Umsatz bloss einen kleinen Teil für Löhne und Gehälter ausgeben. Wenn ein solcher Gigant wächst, nehmen Umsatz und Gewinn viel rascher zu als die Personalausgaben. Dank dem grösseren Gewinn erzielen die Kapitalgeber höhere Einkommen.»

Wie sollen Staat und Wirtschaft dieses Problem handhaben? Laut Dorn ist die Umverteilung von Einkommen durch ein Steuer- und Transfersystem wichtig. Zudem soll Leuten mit tieferen Einkommen die Gelegenheit gegeben werden, von den erhöhten Kapitalerträgen zu profitieren. Eine Möglichkeit dazu bieten die Ersparnisse der zweiten Säule. Diese sollen vermehrt in Aktien anstatt Obligationen investiert werden, rät Dorn in der NZZ am Sonntag: «So könnten breitere Bevölkerungskreise vom Ertrag der Kapitalanlagen profitieren.»


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Für das iconomix-Team,
Valérie Müller

Dieser Blog wurde am 17.08.2017 aktualisiert.

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