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Programmieren – Schlüsselkompetenz der Zukunft?
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Programmieren – Schlüsselkompetenz der Zukunft?
Sonntag, 21. Mai 2017

Um mit der Digitalisierung Schritt zu halten, soll Programmierung als obligatorisches Schulfach eingeführt werden - bereits auf Primarstufe. Ist Programmieren das neue Lesen und Schreiben?

Bild: Pixabay – cherylt23 (CC)

Self-Checkout in der Migros, selbstfahrende Busse im Wallis, Uber in Basel und Zürich – der digitale Wandel verändert unseren Alltag. Und er verändert den Arbeitsmarkt. Durch strukturelle Änderungen werden viele der heutigen Berufsfelder gefährdet sein.

Die Digitalisierung schafft aber auch neue Stellen. Der Branchenverband der IT- und Kommunikationsberufe schätzt, dass bis im Jahr 2024 mindestens 25'000 Fachkräfte fehlen.

Diese gewaltige Umwälzung erfordert Anpassungen im Schul- und Ausbildungssystem. Der Verband ICT Berufsbildung reagiert zum Beispiel mit der Förderung zusätzlicher Lehrstellen und der Schaffung neuer eidgenössisch anerkannter Berufsabschlüsse.

Für die Volksschule wurde der Informatikunterricht in den Lehrplan 21 aufgenommen. Mitverantwortlich dafür ist Juraj Hromkovič, ETH-Professor und Experte für Informatikausbildung. Er fordert seit Jahren, dass gute IT-Ausbildung mehr auf Programmierunterricht und weniger auf die Vermittlung von Anwenderkenntnissen fokussieren sollte. Und das bereits auf Primarstufe.

Auf Projektbasis oder im Rahmen der Umsetzung des Lehrplan 21 haben verschiedene Schweizer Primarschulen Programmierunterricht eingeführt und erste Erfahrungen gesammelt. Oft wird dabei zusammengearbeitet mit dem Ausbildungs- und Beratungszentrum für Informatikunterricht (ABZ) der ETH Zürich, das Hromkovič leitet. Einen guten Einblick, wie dies konkret aussieht, gibt diese lesenswerte Reportage aus einer Basler Schule.

Programmieren in der Primarschule – Warum?

Ziel der von Hromkovič und seinem Team entwickelten Lehrmodule ist nicht, dass die Schülerinnen und Schüler später alle zu IT-Spezialisten ausgebildet werden. Es gehe nicht primär um den Fachkräftemangel. Vielmehr fördere Programmieren Denkweisen und grundlegende Fähigkeiten zur Problemlösung, wie sie in keinem klassischen Schulfach unterrichtet werden könnten.

Im Unterricht mit dem Lehrmittel «Einführung in die Programmierung mit LOGO» erarbeiten die Lernenden eigene Vorgehensweisen, um simple grafische Probleme zu lösen. Dabei muss jeder Lösungsschritt klar definiert und mit der eigens für Kinder entwickelten Programmiersprache dem Computer «erklärt» werden.

Dies fördert nicht nur die Kreativität und logisches Denken. Das Formulieren einer selbständig entwickelten Lösung in einer eindeutigen Sprache trainiert auch kommunikative Fähigkeiten. Zentraler Nutzen ist für Hromkovič denn auch die Anregung zu Eigenständigkeit und forschenden, kritischen Denkweisen.

In Zukunft sei die einfache Ausführung einer Tätigkeit durch Menschen immer seltener gefragt. Hingegen werden immer mehr Berufe etwas mit Technik zu tun haben. Grundlegende Kenntnisse der Programmierung sind darum eine Voraussetzung, um die digitale Welt zu verstehen und mitzugestalten. Ähnlich dem Lesen und Schreiben sollte diese Kulturkompetenz des digitalen Zeitalters nicht Spezialisten vorenthalten sein.

Wer soll das unterrichten? – Wann?

Wie sich in Kantonen zeigt, wo die Umsetzung des Lehrplan 21 bereits läuft, ist die Einführung von Programmierunterricht in der Primarschule mit grossen Herausforderungen verbunden. Erstens ist die Zahl der verfügbaren Lektionen ausserhalb der klassischen Fachbereiche und erster und zweiter Fremdsprache äusserst knapp.

Für Juraj Hromkovič ist wichtig, dass man trotz voller Stundenpläne nicht auf ein verbreitetes Missverständnis zurückfällt und Informatik als reinen Computer-Bedien-Kurs auffasst. Beschränkt sich der IT-Unterricht auf das Vermitteln von Anwenderkenntnissen und die Bedienung bestimmter Programme, so ist er in der schnelllebigen IT-Welt ständig veraltet. Wie man eine PowerPoint-Präsentation erstellt, würden die Kinder sowieso nebenbei und selbständig lernen, wenn sie später Projektarbeiten der Sekundarstufe in der Klasse präsentieren.

Zweitens ist Informatik noch nicht obligatorischer Bestandteil des Studiums an der Pädagogischen Hochschule. Viele Lehrpersonen dürften folglich selber nur beschränkte Programmierkenntnisse haben, zumal ein grosser Teil aktiver Lehrer keine «digital natives» sind.

Das ABZ der ETH Zürich bietet deshalb verschiedene Weiterbildungen an. Zudem sollen sich Lehrpersonen ohne Berührungsängste an die Lehrmittel zur Programmierung heranwagen. Gemäss Hromkovič merke man schnell, dass Informatik nichts Fremdes und zum Beispiel dem Mathematikunterricht oft ähnlich ist. Programmieren sei kreativ und erlaube ein weitgehend eigenständiges Entdecken. Wie die Erfahrung zeigt, macht dieses Entdecken nicht nur Lernenden, sondern auch den Lehrpersonen grossen Spass.

Grundkonzepte der Programmierung als Bausteine: Schleife, Bedingungen und Parametrisierung bei «Scratch», einer Programmiersprache für Kinder. Bild: Screenshot scratch.mit.edu


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Samuel Berger,
M.A. in Wirtschaftsgeschichte und Volkswirtschaft der Universität Zürich. Ehemaliger Praktikant bei iconomix.

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

Dieser Blog wurde am 01.06.2017 aktualisiert.

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