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Niedrigzinsen – ein Symptom, mehrere Ursachen
Geld, Währung, Finanzen
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Niedrigzinsen – ein Symptom, mehrere Ursachen
Sonntag, 04. September 2016

Früher war alles besser – der Himmel blau, die Zinsen hoch. Heute lohnt sich Sparen kaum mehr, düster steht‘s auch um unsere Altersvorsorge. Oft wird die Geldpolitik dafür verantwortlich gemacht. Doch wie ein Papier der Bank of England zeigt, greift diese Kritik zu kurz: Die Währungshüter dieser Welt sind nur beschränkt schuld an der «Misere». Simon Schmid von der Handelszeitung geht die Studie in einem Blog im Detail durch. Wir fassen zusammen.

Niedrigzinsen, Nullzinsen, Negativzinsen: Die Zinsen sind bereits seit geraumer Zeit im Sinkflug. Quelle Daten: Datenportal der Schweizerischen Nationalbank

Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Entsprechend ergibt sich auch der Gleichgewichtszins aus der angebotenen und der nachgefragten Menge an Kapital. Je höher das Spargeldangebot und je tiefer die Investitionsnachfrage, umso tiefer der Gleichgewichtszins.

Wie die obige Grafik anhand der Rendite zehnjähriger Staatsanleihen illustriert, ist dieser dabei bereits seit geraumer Zeit im Sinkflug. Ein erstes Indiz dafür, dass die – erst nach der Krise einsetzende – unkonventionelle Geldpolitik nicht alleine für das Tiefzinsumfeld verantwortlich gemacht werden kann.

Die Forscher der Bank of England nennen sogar ganze sieben angebots- und nachfragebedingte Ursachen für die Niedrigzinsen. Diese erklären jeweils einen – von den Forschern geschätzten – Anteil am Zinsrückgang. Ihre von Schmid übersetzte Grafik verschafft Überblick:

Bild: Handelszeitung

  • Demografie (verantwortlich für 20% des Zinsrückgangs)
    Die Generation der Babyboomer hat den Anteil der Erwerbstätigen in der Bevölkerung und somit das Spargeldangebot erhöht.
  • Zunehmende Ungleichheit (verantwortlich für 10% des Zinsrückgangs)
    Wer viel verdient, spart mehr. Die in vielen Ländern steigende und durch Spitzenverdiener getriebene Einkommensungleichheit hat das Spargeldangebot ausgedehnt.
  • Globale Flut von Spargeld (verantwortlich für 6% des Zinsrückgangs)
    Die seit der Jahrtausendwende erzielten Handelsüberschüsse vieler Schwellenländer weiteten das Spargeldangebot weiter aus.
  • Billige Investitionsgüter (verantwortlich für 11% des Zinsrückgangs)
    Die dritte industrielle Revolution minderte die Kapitalnachfrage. Mikrochips und Software sind weniger kapitalintensiv als Dampfmaschinen und Eisenbahnschienen.
  • Weniger öffentliche Investitionen (verantwortlich für 4% des Zinsrückgangs)
    Krisenbedingt, aufgrund von Wählerpräferenzen oder infolge der bereits stark ausgebauten Infrastruktur haben die öffentlichen Investitionen und entsprechend die Nachfrage nach Kapital in den letzten Jahren abgenommen.
  • Grössere Risikoaversion (verantwortlich für 16% des Zinsrückgangs)
    Unter anderem haben striktere regulatorische Vorschriften und ein grundlegendes Bedürfnis nach sichereren Anlagen dazu geführt, dass die Investitionsnachfrage gesunken ist.
  • Niedrigeres Wachstum (verantwortlich für 22% Zinsrückgangs)
    In der Regel gilt: Je höher das Wachstum, umso höher der Zins. Entsprechend hat auch das relativ tiefere Wirtschaftswachstum der letzten Jahre den Gleichgewichtszins gedämpft.

Die obigen sieben Effekte erklären insgesamt 89 Prozent vom beobachteten Zinsrückgang. Unerklärt bleiben elf Prozent. Höchstens elf Prozent sind folglich auf die Zinspolitik der Zentralbanken zurückzuführen.

Den umfassenden Artikel von Schmid zur Studie der Engländer und insbesondere seinen Kommentar zu deren Prognose über die künftige Zinsentwicklung finden Sie hier:

Handelszeitung. Fünfzehn magere Jahre für Sparer. (10.08.2016)


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Für das iconomix-Team,
Laura Felber

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