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Ökonomie als Ingenieurskunst
Freitag, 27. November 2015

Wie werden Auszubildende den Lehrstellen oder Spenderorgane den Empfängern zugeteilt? Immer wenn nicht der Preis Angebot und Nachfrage steuert, kommen Marktdesigner ins Spiel.

Quelle: wikipedia.org - Drumguy8800

Viele Märkte sind anonym und gehorchen dem Preis zur Koordination von Angebot und Nachfrage. Wenn Sie an den Finanzmärkten eine Aktie, im Internet einen neuen Computer oder am Kiosk ein Magazin kaufen wollen, müssen Sie nur eine Bedingung erfüllen, Sie müssen den Marktpreis bezahlen. Wer Ihre Gegenpartei ist, spielt keine Rolle.

In vielen Märkten ist das Knappheitssignal des Preises beim Zusammenführen von Anbietern und Nachfragern selbst den besten Marktdesignern weit überlegen. Doch es gibt zahlreiche Ausnahmen: Die Studiengebühren der Universitäten werden nicht bis auf den Betrag erhöht, bei dem sich genau die gewünschte Anzahl Studenten einschreibt. Die Voraussetzung für die Zulassung zum Studium ist viel mehr das Vorweisen einer Matura oder – im Falle des Medizinstudiums – das erfolgreiche Absolvieren des Eignungstests. Eine Zuteilung der Studienplätze nach Zahlungsbereitschaft würde kaum die geeignetsten Kandidaten herausfiltern.

Die Ingenieure der Ökonomengilde wie die nobelpreisgekrönten US-amerikanischen Marktdesigner Alvin Roth und Lloyd Shapley nennen solche Märkte «Matching markets», also Märkte auf welchen Anbieter und Nachfrager zusammenpassen müssen. Sie können Ihre Vertragspartner nicht frei aussuchen, Sie müssen auch ausgewählt werden. Bei der Job- oder Partnersuche kann das zuweilen eine schmerzhafte Erkenntnis sein. Wenn Sie bspw. der UBS schriftlich mitteilen, dass Sie nächsten Montag zur Arbeit erscheinen zum Marktlohn eines Bankers, dann lösen Sie damit höchstens bei der HR-Abteilung Heiterkeit aus. Auch die Suche nach einem Ehepartner kann sich als schwieriger erweisen als der Kauf einer Zeitung am Kiosk.

Lehren für den Schweizer Lehrstellenmarkt

Direkte Anwendung findet die Forschung der Marktdesigner unter anderem bei der Zuteilung von Assistenzärzten auf Spitäler in den USA. Früher fanden sich Spitäler und Assistenzärzte, die frisch von den Universitäten kamen bilateral. Dies hatte zur Folge, dass die Spitäler ihre Fühler schon weit im Voraus nach den besten Absolventen ausstreckten. Die zukünftigen Assistenzärzte waren so schon lange vor Abschluss des Studiums vertraglich an einen Spital und somit auch an eine Spezialisierungsrichtung gebunden. Heute läuft das «Matching» über eine zentrale Plattform, auf welcher sich potentielle Assistenzärzte und Spitäler einschreiben. Die Spitäler haben keinen Anreiz mehr, die Arbeitsverträge weit im Voraus unter Dach und Fach zu bringen.

Mit diesen Erkenntnissen liesse sich womöglich auch das Design des Schweizer Lehrstellenmarkt verbessern. Das heutige System krankt an denselben Problemen wie früher der amerikanische Jobmarkt für Assistenzärzte. Ein verbindliches Stichdatum zum Unterbreiten von Angeboten von Seitens der Unternehmen würde die zukünftigen Auszubildenden davor bewahren, sich allzu früh festlegen zu müssen und danach die Motivation für den Schulalltag zu verlieren. Der koordinierte Zeitpunkt zum Unterbreiten von Lehrstellenverträgen würde zudem die Markttiefe erhöhen und das «Matching» verbessern.

«Repugnant transactions»

Alvin Roth, der seine Tätigkeit auch als Teil der Unterhaltungsbranche sieht, hat besonders mit Lösungsvorschlägen zu sogenannten «repugnant transactions» (abstossende Transaktionen) in einer breiteren Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erlangt. Was abstossend ist und was nicht, hängt stark vom Zeitgeist und vom gesellschaftlichen Kontext ab. Für einen Kredit Zinsen zu verlangen, galt lange als moralisch verwerflich und war daher verboten. Heute sieht kaum jemand mehr etwas Anstössiges daran.

Der Kauf oder Verkauf von menschlichen Organen wird von einer Mehrheit der Menschen für eine «repugnant transaction» gehalten und ist deshalb verboten. Auch der Tausch Sex gegen Geld wird in diversen Ländern als derart niederträchtig beurteilt, dass Prostitution gänzlich verboten ist. Die generellen Verbote trotzen auch dem in einem liberalen Staat sonst starken Argument, dass ohnehin niemand gezwungen wird, sich an einer solchen Transaktion zu beteiligen.

In den erwähnten Beispielen scheint die Bezahlung der Stein des Anstosses zu sein. Wenn kein Geld fliesst und die Transaktion einvernehmlich stattfindet, haben die wenigsten Gewissensbisse. Weil Moral kein ökonomisch belastbares Argument ist, ist aus ökonomischer Sicht kaum etwas gegen solche Geschäfte einzuwenden. Möglicherweise könnten sogar die langen Warteschlangen von Leuten, die auf ein lebenserhaltendes Organ warten und oft sterben bevor sie an der Reihe sind, durch die Zulässigkeit des Organhandels etwas reduziert werden.

Wenn die Leute dies nicht wollen, ist mit dieser Erkenntnis jedoch nichts gewonnen. Der Stanford Professor Roth sucht deshalb nach Lösungen, welche mit den Wertvorstellungen der Leute im Einklang stehen. Damit eine Nierenspende bei zwei involvierten Personen möglich ist, ist eine gehörige Portion Glück von Nöten. Die Blutgruppen müssen kompatibel sein und das Immunsystem darf die Spenderniere nicht abstossen. Es nützt also unter Umständen nichts, wenn der Ehepartner zu einer Organspende bereit ist.

Darstellung der «Nieren-Tauschkette». Quelle: The Faculty Lounge: Custom, Contract, and Kidney Exchange. (22.11.2012)

Um dem Mangel an Spenderorganen zu begegnen, schlug er deshalb eine Ausweitung der Organspende zwischen zwei involvierten Personen auf «Tauschketten» vor. A spendet seine Niere für B, C spendet die seinige für D, E spendet für F, etc. Zwischen B und C sowie zwischen D und E muss aufgrund von Verwandtschaft oder Freundschaft eine emotionale Nähe bestehen, sodass der jeweils letztere bereit ist, seine Niere an eine unbekannte Drittperson zu spenden um seiner Tochter, seinem Ehegatten oder Freund eine Organspende zu ermöglichen. Nach diesem Schema konnten vor einigen Jahren in den USA während acht Monaten zehn erfolgreiche Nierentransplantationen zwischen kompatiblen Spendern durchgeführt werden. So gesehen ist es nicht falsch, das Marktdesign als lebensrettende Forschung zu bezeichnen.

Roth, Alvin (2015). Who Gets What - and Why: The New Economics of Matchmaking and Market Design. Eamon Dolan/Houghton Mifflin Harcourt.

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Zum Thema:

David Staubli,
Ökonom, MSc der Universität Basel, Doktorand und Lehrassistent an der Universität Lausanne.

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

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