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Warum ist Europa so reich?
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Warum ist Europa so reich?
Donnerstag, 19. November 2015

Die Industrielle Revolution ist der grösste wirtschaftliche Umbruch seit die Menschen vor 12'000 Jahren die Landwirtschaft entwickelten und sesshaft wurden. Warum fand sie in Europa und nicht in China statt?

Minenarbeiter und Eisenbahn bei Leeds, England, um 1814. Quelle: Wikimedia

Die Welt steht vor einem gewaltigen Umsturz: In den nächsten 50 Jahren stellen Digitalisierung und der Aufstieg von Schwellenländern wie Indien und China unsere heutige wirtschaftliche und politische Ordnung auf den Kopf.

Dieses Zukunftsszenario zeichnen die Autoren von «No Ordinary Disruption». Sie behaupten, die Weltwirtschaft verändere sich in den kommenden Jahrzehnten so radikal, dass die Industrielle Revolution daneben «wie ein Kindergeburtstag» aussehen wird.Sicher wird die Digitalisierung unser Leben in einem Ausmass verändern, das wir uns heute kaum vorstellen können. Die Idee, dass die Industrielle Revolution im Vergleich dazu bedeutungslos wird, beruht aber auf einer falschen Perspektive.

Die historische Bedeutung der Industrialisierung

Im späten 18. Jahrhundert gelangen in England technologische Durchbrüche, die die Welt veränderten wie nichts zuvor und nichts danach in der Geschichte der Menschheit. Die wichtigsten dieser Errungenschaften sind die mechanische Baumwollspinnerei, die Dampfmaschine und die Herstellung und Verwendung von Koks in der Stahlproduktion.

Diese Neuerungen steigerten die Produktivität in den betroffenen Sektoren auf zuvor unvorstellbare Höhen. Noch wichtiger aber: Sie zogen immer weitere Innovationen nach sich. Der beschleunigte technische Fortschritt führte zu einer nachhaltigen Explosion der gesamtwirtschaftlichen Wachstumsraten.

Ein paar Zahlen für die ganz lange Frist helfen, die Verhältnisse zu sehen: Die Abbildung unten zeigt die geschätzte weltweite Wirtschaftsleistung im Verhältnis zur Weltbevölkerung für die letzten siebentausend Jahre.

Der «Hockeyschläger» der Wirtschaftsgeschichte. Die Zeitachse ist zur Gegenwart hin gestreckt – sonst wäre die Moderne als senkrechter Strich kaum sichtbar. Quelle: Eigene Darstellung basierend auf De Long.

Die Kurve hat die Form eines Hockeyschlägers – über Jahrtausende ist sie flach, das gesamte Wachstum vor 1800 ist vernachlässigbar (langer Schaft). Der Trend ändert abrupt mit der Industriellen Revolution. Die Produktivität explodiert und steigt immer weiter an (kurze Schaufel). Das moderne Wirtschaftswachstum beginnt.

Anders gesagt: Fast während ihrer gesamten Geschichte war die Menschheit arm. Die Durchschnittseinkommen veränderten sich über Jahrhunderte nur leicht – sie schwankten rund ums Existenzminimum. Vorindustrielle Gesellschaften waren gefangen im fatalen Kreislauf der Agrarwirtschaft: Jeder wirtschaftliche Aufschwung wurde durch überproportionale Bevölkerungszunahme kompensiert – es folgten Hungersnot, Seuchen und Kriege (sogenannte «Malthus-Falle»).

Erst mit der Industriellen Revolution, der tiefgreifenden Änderung der Produktionsweise und dem nachhaltigen Anstieg der landwirtschaftlichen Produktivität, bricht die Menschheit aus diesem Teufelskreis aus: Über die letzten 200 Jahre stieg der Wohlstand für immer grössere Teile der Weltbevölkerung.

Die Industrielle Revolution ist darum nicht vergleichbar mit anderen strukturellen Veränderungen der Moderne. Keine neuere Entwicklung hat unsere heutige wirtschaftliche und soziale Realität ähnlich geprägt. Der letzte gesellschaftliche Umbruch von vergleichbarer Tragweite war die Neolithische Revolution vor ca. 10‘000 Jahren, als nomadische Jäger und Sammler den Ackerbau und Viehzucht entwickelten und sich als sesshafte Bauern niederliessen.

Warum Grossbritannien?

Dank der frühen Industrialisierung hängte Westeuropa (mit den USA und später Japan) den Rest der Welt wirtschaftlich ab. Warum hat gerade Europa diesen Durchbruch geschafft? Wieso fand die Industrielle Revolution ausgerechnet in Grossbritannien und nicht anderswo statt? Die Antwort auf diese zentrale Frage ist unter Wirtschaftshistorikern nach wie vor umstritten.

Gängige Erklärungen verwiesen lange auf kulturelle und soziale Besonderheiten Europas: Die Aufklärung und ihre Wirkung auf die Wissenschaft, die Entstehung der Nationalstaaten und der frühe Schutz des Privateigentums sollen in Europa günstige Bedingungen geschaffen haben, wie es sie nirgendwo sonst auf der Welt gab.

Seit ungefähr 15 Jahren werden diese Erklärungsansätze vermehrt hinterfragt. Verschiedene Forscher weisen auf den hohen Entwicklungstand Chinas vor der Industriellen Revolution hin. Die kulturellen und technologischen Bedingungen im Jangtse-Delta sollen Westeuropa über Jahrhunderte zumindest ebenbürtig gewesen sein: In der Region existierte bereits im späten Mittelalter eine mechanische, mit Wasserkraft betriebene Spinnmaschine – also genau jene Technologie, mit der in England später der Durchbruch gelang. In China jedoch wurde die Spinnmaschine nach einiger Zeit wieder aufgegeben – Weiterentwicklung und industrielle Verwendung blieben aus.

Der technologische Durchbruch ökonomisch erklärt

Wieso wurden in England im 18. Jahrhundert einfache technische Innovationen bis zur industriellen Produktion weiterentwickelt, während in anderen Ländern ähnliche Ideen wieder vergessen gingen? – Aufgrund unterschiedlicher wirtschaftlicher Rahmenbedingungen – so der britische Wirtschaftshistoriker Robert Allen. In seinem Buch «The British Industrial Revolution in Global Perspective» (2009) unterscheidet er zwischen Angebot und Nachfrage nach innovativen Erfindungen:

Das Angebot an Technologie hängt ab vom «Erfindergeist» der Bevölkerung. Dieser wird bestimmt von kulturellen Faktoren wie dem allgemeinen Bildungsstand, der Alphabetisierung der Bevölkerung, der Verbreitung von Aufklärung und wissenschaftlicher Revolution. In einigen dieser Bereiche war England anderen europäischen Ländern und China tatsächlich voraus. Allen räumt ein, dass diese Vorteile die Innovation begünstigten. Sie reichten alleine aber nicht aus, um zu erklären, warum der Durchbruch in England und sonst nirgends gelang.

Die Nachfrage nach Technologie ist für Allen wichtiger. Sie hänge hauptsächlich von den Faktorpreisen ab, den Löhnen und den Preisen für Kapital und Energie. Darin sieht Allen den entscheidenden Punkt, der die britische Wirtschaft des 18. Jahrhunderts von anderen Ökonomien in Europa und Asien unterschied: Die englischen Löhne zu dieser Zeit waren ausserordentlich hoch. Die Preise für Kohle als wichtigster Energieträger lagen dagegen vor allem im Norden tief. Diese Kombination aus billiger Energie und teurer Arbeit existierte nirgendwo sonst auf der Welt (siehe Grafik unten). In Nordengland führte sie zu einer starken Nachfrage nach innovativer Technologie, die teure Arbeitskräfte einsparte und durch billige Energie ersetzte.

Reales Einkommen eines Arbeiters (oben) und Marktpreise für Energie (unten) in verschiedenen Städten der Welt. Quelle: Robert C. Allen – voxeu.org

«Innovation ist 1% Inspiration und 99% Schweiss»

Betrachtet man die wichtigsten Erfindungen der britischen Industrialisierung, die Spinn- und Webmaschinen oder den Dampfantrieb, so fallen zwei Punkte auf. Erstens: Diese Innovationen ersetzen menschliche Arbeit durch Energieträger. Zweitens: Die Maschinen entstanden durch langwieriges Experimentieren, Ausprobieren und stetiges Verbessern. Dieser Ingenieursprozess ist harte Arbeit und eine wirtschaftliche Aktivität. Sie wird nur verfolgt, wenn sie sich auch auszahlt.

Dank dem einzigartigen Verhältnis von teurer Arbeit und billiger, gut verfügbarer Energie lohnte sich diese Forschungsarbeit in Nordengland. Unternehmer und Investoren hatten Interesse, Tüftler wie James Hargreaves, Thomas Newcomen oder James Watt zu finanzieren. Schliesslich boten bereits ihre frühen Ideen die Aussicht, Arbeitskräfte einsparen und Kosten senken zu können.

In anderen, teils weit entwickelten Gesellschaften des 18. Jahrhunderts waren die Löhne im Vergleich zu England tiefer und die Energiekosten hoch. So entwickelten französische oder chinesische Ingenieure keine Dampfmaschinen – nicht weil sie dazu nicht fähig gewesen wären, sondern weil sich der Einsatz dieser Technik unter den lokalen Bedingungen nicht lohnte. In Paris oder Peking bestand kein Anreiz, eine Entwicklung zu beginnen, die billige Arbeitskräfte durch teure Energie ersetzt. Dass solche Innovationen über die längere Frist die Produktivität wie in England vervielfacht hätten, blieb unerkannt.

Es bleibt die Frage, woher die ungewöhnlich hohen Löhne und die tiefen Energiepreise in England stammten. Robert Allen sieht sie als Folge des früheren wirtschaftlichen Erfolges Englands als Kolonial- und Handelsmacht:  Ab 1500 stieg in den florierenden britischen Hafenstädten die Nachfrage nach Arbeitskräften und Brennmaterial. Dies hob einerseits die Löhne an. Andererseits entwickelte sich dadurch rund um die günstig gelegenen Kohlevorkommen in Nordengland die Minenindustrie – die Kohlepreise sanken.

Die hier vorgestellten Thesen sind Teil einer laufenden Forschungsdebatte und haben unter Wirtschaftshistorikern sowohl Befürworter als auch Gegner. Robert Allens Buch diskutiert viele der Positionen und bietet einen Einblick in Forschungsarbeit, die qualitative Methoden der Geschichtswissenschaft mit quantitativen Instrumenten aus der Ökonomie verbindet.

Robert C. Allen. The Industrial Revolution in Global Perspective. Cambridge University Press. 2009.


Zum Thema:


Für das iconomix-Team,
Samuel Berger

Dieser Blog wurde am 27.04.2017 aktualisiert.

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