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«Das neoklassische Menschenbild ist absurd!»
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«Das neoklassische Menschenbild ist absurd!»
Dienstag, 22. September 2015

Der Siegeszug der Verhaltensökonomie – oder warum wir uns ständig daneben benehmen: Richard Thaler in Zürich.

Der provokante Ökonom, Buchautor und Mitbegründer der Verhaltensökonomie, Richard Thaler, sprach an der Universität Zürich. iconomix gibt einen Einblick in sein neues Buch «Misbehaving».

Quelle: University of Chicago – R. Thaler

Sie finden auf einer verlassenen Strasse ein Portemonnaie, das jemand verloren hat. Darin sind 200 Franken Bargeld, Kreditkarten und Ausweise des unglücklichen Besitzers. Weit und breit ist niemand zu sehen, der Ihre Entdeckung bemerkt haben könnte. Was tun Sie?

Die Wenigsten von uns würden das Bargeld einfach schamlos einstecken. Vermutlich werden Sie den Besitzer kontaktieren. Oder das Portemonnaie bei der Polizei abgeben. Dieses selbstlose Verhalten ist ökonomisch nicht recht erklärbar. Zumindest nicht mit der neoklassischen Vorstellung der Nutzenoptimierung.

Richard Thaler bezeichnet solche Verhaltensweisen darum als «Fehlverhalten». Denn Menschen haben, so wie sie in Modellen der neoklassischen Ökonomie beschrieben sind, drei definierende Eigenschaften:

  • Sie haben alle die mathematischen Fähigkeiten von Albert Einstein,
  • sie haben die Selbstkontrolle von Mahatma Gandhi,
  • und sie sind «herzlose Schweine», wie Thaler es nennt.

Er bezeichnet diese Modell-Menschen als «Econs» (kurz für Homo Oeconomicus). Dass mit dieser Vorstellung etwas nicht stimmen kann, liegt auf der Hand. Würden Sie sich selber als geniales, selbstdiszipliniertes, herzloses «Schwein» beschreiben?

Die Liste der menschlichen «Fehlverhalten»

Bereits als Wirtschaftsstudent stellte Thaler fest, dass menschliches Verhalten häufig unvereinbar ist mit den Theorien, die man ihm an der Universität beibrachte. Diese ökonomischen «Anomalien» hat er in einer Liste gesammelt, die er im Buch «Misbehaving: The Making of Behavioural Economics» wiedergibt. Drei Beispiele daraus:

Soziale Normen

Verkaufsstände für Blumen (oder Früchte und Gemüse), die nach dem Prinzip «Selber ernten – selber bezahlen» funktionieren.

Quelle: Wikimedia – 4028mdk09

Solche Angebote dürfte es gemäss neoklassischer Theorie gar nicht geben. Denn der erste «Econ», der hier vorbeikommt, würde unbestraft alle Blumen samt dem Geld bisheriger Kunden mitnehmen. Kein vernünftiger Bauer würde so etwas Ruinöses anbieten.

Offensichtlich passiert das nicht. Denn Menschen halten sich auch bei wirtschaftlichen Entscheidungen an soziale Normen.

Framing-Effekte

Menschen lassen sich in ihren Entscheidungen davon beeinflussen, wie die zur Auswahl stehenden Optionen präsentiert werden. Dies lässt sich experimentell zeigen. Ein Beispiel dafür: Eine medizinische Behandlung einer tödlichen Krankheit, die 40% der Patienten heilt, wird systematisch besser beurteilt, als eine Behandlungsmethode mit einer Sterbensrate von 60%. Faktisch sind beide Behandlungen aber identisch.

Standard-Optionen

Die Wahl der Standard-Option, die immer dann eintritt, wenn wir uns nicht ausdrücklich dagegen wenden, hat einen enormen Einfluss auf menschliche Entscheidungen. Im iconomix-Blog besprochene Beispiele dafür sind der automatische Steuerabzug vom Lohn oder die Organspende.

Nach Richard Thaler beeinflusst uns dies aber auch in viel banaleren Situationen des Alltags. Zum Beispiel dann, wenn wir uns wenig geistreiche Sendungen im Fernsehen anschauen, nur weil diese zufällig gleich anschliessend an eine interessante Dokumentation gesendet werden...

Was bringen verhaltensökonomische Erkenntnisse?

Diese Phänomene sind nicht vereinbar mit der klassischen Theorie der rationalen Entscheidung. Die Menschen entsprechen nicht der Idee des Homo oeconomicus. Sonst hätten Framing und Standard-Optionen keinen Einfluss auf ihre Entscheidungen.

Trotzdem seien unsere Rechtssysteme und die Politik auf diese fiktive Idee des Homo Oeconomicus ausgelegt, so Thaler. Zu oft würde davon ausgegangen, dass die Leute jedes Problem perfekt lösen könnten. Für Thaler ist darum die Zeit reif für Theorien, die auf Menschen basieren – nicht auf fiktiven «Econs».

Die wissenschaftlichen Arbeiten von Richard Thaler, Daniel Kahneman, Ernst Fehr und anderen Verhaltensforschern haben völlig neue Sichtweisen in die Ökonomie eingeführt. Inzwischen ist die anfänglich umstrittene Verhaltensökonomie salonfähig geworden: Weltweit haben Regierungen in bereits über 50 Staaten sogenannte «Nudge Units» eingesetzt. Ziel dieser Berater-Teams: Die Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung für eine effizientere Politik zu nutzen.

Bessere Altersvorsorge – weniger Littering

Gemäss Thaler geht es dabei darum, das sozial wünschenswerte Verhalten für die Bürger und Bürgerinnen einfacher zu machen: Wer standardmässig für die Pensionskasse eingeschrieben wird, entscheidet sich sehr selten auszutreten. So erreicht man eine bessere Altersvorsoge, als wenn jeder Arbeitnehmer aktiv einen Vorsorgeplan wählen muss.

Das Buch gibt weitere Anwendungsbeispiele: So fördern verhaltensökonomische Erkenntnisse die Steuermoral in Guatemala, reduzieren Littering in Dänemark und unterstützen Verhütung und Anti-Aids-Kampagnen in Kenia. Die Bereiche, in denen die Verhaltensökonomie den Menschen hilft, bessere Entscheidungen zu treffen, sind vielfältig und die Liste wächst stetig.

Natürlich hat der Erfolg von Thalers Ansätzen auch Kritik hervorgerufen. So bemängeln Liberale, das unterschwellige Fördern gewisser Verhaltensweisen durch Nudging sei eine Bevormundung mündiger Bürger. Auch auf Manipulationen und den «Missbrauch» verhaltensökonomischer Erkenntnisse zu kommerziellen Zwecken (Marketing) weisen Kritiker hin.

Thaler räumt ein, dass «es einfacher ist, die Unzulänglichkeiten der Mitmenschen auszunutzen um Geld zu verdienen, als diese zu korrigieren». Nicht ganz überraschend überwiegen für ihn aber die Vorteile. Nudging im öffentlichen Leben sei wie ein GPS-Navigationsgerät im Auto: Das Ziel wählen wir selber. Das Gerät hilft, eine gute Route zu finden. Es zwingt uns aber zu nichts.

Richard H. Thaler. Misbehaving - The Making of Behavioral Economics. W.W. Norton & Company. 2015.

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Zum Thema:

Für das iconomix-Team,
Samuel Berger    

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