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Zwanzig Mal reicher und trotzdem nicht glücklicher
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Zwanzig Mal reicher und trotzdem nicht glücklicher
Sonntag, 01. Februar 2015

Die Entwicklung der Wohlfahrt seit der Industrialisierung ist eindrücklich. Glücklicher sind wir deswegen nicht geworden. Ein wirtschaftlicher Blick auf die letzten 200 Jahre.

War früher alles besser? Fabrik im Jahre 1880. Quelle: Wikimedia / Lecen

Es geht uns so gut wie noch nie in der Geschichte. Wir sind nicht nur reicher, auch die Lebenserwartung, die Gesundheit und der Grad der politischen Mitbestimmungsrechte kennen seit langem nur eine Richtung: nach oben. Trotzdem sind die Newskanäle voll mit Krisenbotschaften: Wirtschaftskrisen, Schuldenkrisen, Währungskrisen, um nur einige Beispiele zu nennen. Woher dieser scheinende Widerspruch?

Wenn wir von Wirtschaftskrisen sprechen, meinen wir den Vergleich von heute mit den vergangenen paar Quartalen oder Jahren. Stockt das Wirtschaftswachstum über einige Jahre hinweg, sprechen wir bereits von einer Krise. Diese kurzfristige Sichtweise lässt uns völlig vergessen, welch unglaublichen Wohlstand wir im historischen Vergleich heute haben.

Die Wirtschaftsleistung pro Kopf ist seit Beginn des 19. Jahrhunderts weltweit um das 10 bis 15-fache gestiegen. Das reale Einkommen des durchschnittlichen Westeuropäers ist gar um sagenhafte 20 Mal höher als vor rund 200 Jahren. Zum Vergleich: Den grössten Einbruch während der vergangenen (bzw. aktuellen) Finanzkrise erlebte die Schweizer Wirtschaft im Jahre 2009 mit einem Rückgang des Bruttoinlandprodukts pro Kopf um gut 3%. Im historischen Kontext sieht das nach einer vernachlässigbaren Korrektur aus.

Eindrückliche Entwicklung des realen Bruttoinlandprodukts pro Kopf in Westeuropa seit der Industrialisierung (Quelle: Maddison Project Database, eigene Berechnungen, gemessen in US-Dollars des Jahres 1990).

Mit der wirtschaftlichen Entwicklung geht auch die Verbesserung einer Reihe anderer Wohlfahrtsindikatoren einher. 1820 konnte rund ein Fünftel der Menschheit lesen und schreiben, heute beträgt die Alphabetisierungsrate in Westeuropa beinahe 100%. Die Lebenserwartung als Indikator für hygienische Bedingungen und Gesundheit hat sich im selben Zeitraum von gut 30 auf 80 Jahre erhöht.

Wer vermutet, diesen Wohlstand müssten wir uns durch immer längere und intensivere Arbeitszeiten schweisstreibend erkämpfen, sieht sich mindestens durch die Zahlen nicht bestätigt. Die Lebensarbeitszeit ist in den letzten Jahrzehnten in Westeuropa stetig gesunken. Während die durchschnittliche Jahresarbeitszeit im Jahre 1950 noch deutlich über 2‘000 Stunden betrug, ist sie heute mit rund 1‘600 Stunden fast um 30% tiefer. Wir sind also heute reicher, besser gebildet, leben gesünder und länger und müssen dafür zudem noch weniger arbeiten.

War Rockefeller arm?

Neben dem Vielfachen an Einkommen haben wir heute auch eine massiv grössere Auswahl an Gütern und Dienstleistungen. Interessant ist vor diesem Hintergrund ein Vergleich unserer wirtschaftlichen Situation mit derjenigen von John D. Rockefeller, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts im aufstrebenden Erdölsektor zu einem der reichsten Menschen der Neuzeit wurde.

Beim Geldausgeben hatte es Rockefeller bestimmt leichter. Wir müssen sorgfältig kalkulieren. Er konnte sich alles leisten, was er wollte. Doch welche Möglichkeiten hatte er dabei? iPhone, Flachbildschirm, ultraschnelle Internetverbindung oder ein Laptop, auf welchem gerade diese Zeilen geschrieben werden? Wie sieht es mit einer Kariesbehandlung infolge pulsierender Zahnschmerzen aus? Nichts von dem war erhältlich. Eine bakterielle Infektion wäre infolge Mangels an geeigneten Medikamenten womöglich das Todesurteil gewesen.

Wer heute keinen Zugang zu Antibiotika hat oder sich keinen Internetzugang leisten kann, gilt in unseren Breitengraden als arm. Manche würden gar von einem unwürdigen Leben sprechen. War also Rockefeller arm? So gesehen gar nicht so eine simple Frage.

Wirtschaftswachstum ohne Glückswachstum

Wir könnten uns heute alle reich und glücklich fühlen. Erkenntnisse aus der Glücksforschung zeigen jedoch ein anderes Bild: Trotz kräftigem Anstieg des Wohlstandsniveaus in den letzten Jahrzehnten hat sich das Niveau der Lebenszufriedenheit kaum verändert. Leider sind für uns die Einkommen unserer Vorfahren vor 200 Jahren kein relevanter Vergleich.

Ein hohes Einkommen erhöht in der Tat die Lebenszufriedenheit, die Vergleichsgrössen sind aber andere. Wir vergleichen uns mit Arbeitskollegen, Familienangehörigen oder Freunden. Der Gedanke, dass unsere Ur-Ur-Urgrosseltern nicht einmal fliessend Wasser hatten oder dass sich der superreiche Rockefeller weder Computer noch Handy kaufen konnte, löst in uns kein Gefühl von Reichtum aus.

Zudem gewöhnen wir uns sehr schnell an ein höheres Konsumniveau. Stellen Sie sich die Freude der Leute vor, als ihnen die erste Waschmaschine das Kleiderwaschen von Hand ersparte. Aber löst bei uns heute eine Waschmaschine noch ein Glücksempfinden aus? Eine rhetorische Frage.

Wir sind zwar reicher, unsere Vergleichsgruppen sind es aber ebenso. Wir kämpfen weiterhin um unsere Position auf der Einkommensleiter, und dieser Kampf wird durch die generelle Steigerung des Wohlstands nicht leichter. Oder wie es die NZZ treffend formulierte: „Der Mensch ist nicht für das Paradies gemacht“.

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Zum Thema:

David Staubli,
Ökonom, MSc der Universität Basel, Doktorand und Lehrassistent an der Universität Lausanne

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.     

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