Schweizerische Nationalbank
SNB führt Negativzinsen ein
Geld, Währung, Finanzen
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SNB führt Negativzinsen ein
Dienstag, 13. Januar 2015

Ab dem 22. Januar belastet die SNB Guthaben auf ihren Girokonten mit negativen Zinsen. Was bedeutet das für den Mindestkurs und für mein Sparkonto?

Artikel wurde am 15. Januar 2015 aktualisiert.

Quelle: SNB

Rubelkrise, Ölpreiskollaps, Wahlen und Gerüchte um den Euro-Ausstieg von Griechenland – die Schlagzeilen rund um den Jahreswechsel haben weiter zur wirtschaftlichen und politischen Verunsicherung in Europa beigetragen. In diesem Umfeld flüchten Anleger in den sicheren Hafen Schweiz. Die Kapitalzuflüsse und der Ansturm auf den Schweizer Franken drücken den Wert unserer Währung relativ zu Euro, Dollar usw. in die Höhe. Die Schweiz ist aber ein Exportland; 2013 wurden fast 60% der hier produzierten Waren nach Europa exportiert. Entsprechend anfällig sind Exportsektor und Tourismusbranche in Phasen einer raschen und starken Frankenaufwertung.

Der Euro-Frankenkurs ist noch von einer weiteren Seite unter Druck: Die Europäische Zentralbank (EZB) bringt im Rahmen ihres Programms zur Quantitativen Lockerung 1000 Milliarden zusätzliche Euro in den Umlauf. Sie versucht damit, die schleppende Konjunktur in der Eurozone anzukurbeln. Als Folge dieser Politik dürfte sich der Euro gegenüber dem Schweizer Franken weiter abschwächen.

Dieses schwierige Umfeld stellt die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank vor grosse Herausforderungen. Der im Jahr 2011 eingeführten Mindestkurs von 1.20 Schweizer Franken pro Euro schützte den Exportsektor damals vor einem ruinösen Aufwertungsschock. Mit der Einführung der Negativzinsen greift die Nationalbank nun zu einem weiteren unkonventionellen Instrument. Wie genau soll diese Massnahme den Mindestkurs stützen?

Anlagen in Schweizer Franken sollen unattraktiv werden

Konkret werden die Negativzinsen folgendermassen umgesetzt: Auf die bei der Nationalbank für Finanzinstitute geführten Girokonten wird ein Zins von 0,25 Prozent erhoben, sofern diese einen Freibetrag von 10 Millionen Franken übersteigen (Pressemitteilung vom 18.12.2014). Dadurch verteuert die SNB die Haltung von Liquidität für Banken und andere Finanzmarktteilnehmer. Wenn also zum Beispiel die PostFinance bei der Zentralbank Reserven von 20 Millionen Schweizer Franken hinterlegt, so wird ihr nach Abzug des Freibetrages für dieses Depot der Betrag von 25‘000 Franken pro Jahr belastet.

Die Einführung von Negativzinsen steigert die Kosten der Liquiditätshaltung und dürfte die Zinsen auf Anlagen in Franken auf breiter Front senken. Die Nationalbank strebt an, dass der Leitzins – der 3-Monats-Libor – in den negativen Bereich fällt, was auch bereits erfolgt ist. Dadurch steigt die Zinsdifferenz zum Ausland wieder an. Dies macht Anlagen in Schweizer Franken unattraktiver und andere Währungen für Investoren wieder interessanter.

Wie steht’s um den Mindestkurs?

Die Negativzinsen der Nationalbank führen also nicht nur dazu, dass Finanzanlagen in unserer Währung weniger profitabel werden. Das Halten von Franken wird für Finanzinstitute sozusagen «kostenpflichtig». Dadurch sollte die Nachfrage nach Schweizer Franken sinken und der Aufwertungsdruck abnehmen.

Quelle: iconomix

Für die Auswirkungen auf den Euro-Wechselkurs spielen auch die Erwartungen der Anleger eine wichtige Rolle: So hat zum Beispiel die blosse Ankündigung der Negativzinsen am 18.12.2014 den Kurs von 1.2001 Schweizer Franken pro Euro am Morgen augenblicklich auf knapp 1.21 angehoben, obwohl die negativen Zinsen erst ab dem 22. Januar 2015 gelten.

…und mein Bankkonto?

Der negative Zins gilt für Sichtguthaben auf den Girokonten der SNB. Kleinsparer sind davon nicht direkt betroffen. Einerseits bleiben viele Schweizer Banken von den Strafzinsen verschont, da ihre Reserven kleiner sind als der Freibetrag. Andererseits wäre eine Weitergabe der negativen Zinsen an die Sparer für die Banken auch mit Kosten verbunden: «Ich gehe davon aus, dass es für die Banken keinen Sinn macht, die Kleinsparer mit Negativzinsen zu belasten», sagte SNB-Präsident Thomas Jordan am 18.12.2014 an einer Medienorientierung in Zürich. Einzelne Banken erwägen indessen die Einführung von sogenannten «Guthaben-kommissionen» für Grosskunden. Damit werden die Negativzinsen an grosse Unternehmen und Finanzinstitute weitergegeben, die hohe Reserven in Form von Buchgeld bei einer Bank halten wollen.

Negativzinsen sind ein sehr seltenes Instrument der Geldpolitik. In der Vergangenheit hat die Schweizerische Nationalbank erst einmal Ende der 1970er-Jahre zu diesem Mittel gegriffen. Auch damals ging es darum, den Zustrom von ausländischem Kapital in die Schweiz zu bremsen.

Update vom 15.01.2015, 17.15 Uhr: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat beschlossen, den Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro per sofort aufzuheben und ihn nicht mehr mit Devisenkäufen durchzusetzen. Gleichzeitig mit der Aufhebung des Mindestkurses senkt die Nationalbank den Zins für Guthaben auf den Girokonten per 22. Januar auf minus 0,75 Prozent. Die Freibeträge bleiben unverändert. Die nochmals tieferen Zinsen machen Frankenanlagen deutlich weniger attraktiv und federn die Aufhebung des Mindestkurses ab. Das Zielband für den Dreimonats-Libor wird um 0,5 Prozentpunkte nach unten verschoben, auf minus 1,25 bis minus 0,25 Prozent. (zur Medienorientierung vom 15.01.2015, 13.15 Uhr)

Zum Thema:

Für das iconomix Team
Samuel Berger und Noémie Roten

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