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Simon Schmid, Mittwoch, 8. Juni 2011, 06:06

Das Globalisierungs-Trilemma

Du hast drei Möglichkeiten: wähle zwei davon

In den Jahren 1962 und 63 entwickelten John Fleming und Robert Mundell unabhängig voneinander dieselbe Theorie. Die beiden Ökonomen kamen zum Schluss, dass Länder in der offenen Volkswirtschaft nicht gleichzeitig den internationalen Kapitalverkehr einführen, fixe Wechselkurse halten und eine eigenständige Geldpolitik führen können: Verfolgen sie zwei dieser Ziele, so müssen sie das dritte zwingend aufgegeben.[1]

Die Denkfigur ging als Trilemma des Wechselkursregimes in die volkswirtschaftlichen Lehrbücher ein. Sie zeigt auf, dass monetäre Aussenwirtschaftspolitik eine konfliktträchtige Angelegenheit ist: Möchten Länder zum Beispiel ihre Wechselkurse fix aneinander binden, ohne ihre Grenzen für den Kapitalverkehr zu schliessen – so wie es im Goldstandard während weiten Teilen des 19. und 20. Jahrhunderts vorgesehen war – so müssen sie zwangsläufig auf eine eigenständige Geldpolitik verzichten.

Wie der Ökonom N. Gregory Mankiw in einem Artikel in der New York Times zeigt, haben sich wirtschaftlichen Grossmächte der heutigen Zeit für unterschiedliche Varianten entschieden. Die USA kennen zum Beispiel den freien Kapitalverkehr und führen eine selbständige Geldpolitik. Dafür verzichten sie aber auf einen festen Wechselkurs für ihre Währung, den US-Dollar.

Auch die europäischen Länder haben den internationalen Kapitalverkehr liberalisiert. Viele von ihnen haben ihre geldpolitische Autonomie jedoch zugunsten einer übergeordneten Notenbank, der EZB, abgegeben. Über die Einführung des Euro haben sie den Wechselkurs zu ihren Nachbarländern quasi fixiert.

China schliesslich führt eine eigenständige Geldpolitik und kontrolliert den Wechselkurs seiner Währung – dafür muss es jedoch den freien Kapitalverkehr mit dem Ausland beschränken.

Im Spannungsfeld der Weltwirtschaft

Die Währungspolitik ist jedoch nicht die einzige Domäne, in der es widerstrebende Ziele gibt. Wie der Ökonom Dani Rodrik in seinem neuen Buch «Das Globalisierungsparadox» schreibt, findet die Aussenwirtschaftspolitik von Ländern in einem vielschichtigen Spannungsfeld zwischen drei Polen statt: jenem der politischen Demokratie, der nationalstaatlichen Unabhängigkeit und der wirtschaftlichen Integration.

Dieses «politische Trilemma der Weltwirtschaft» ist kein absolutes, sondern eines der graduellen Art, schreibt Rodrik. Seiner Ansicht nach stellt die Integration von Güter-, Kapital- und Arbeitsmärkten widersprüchliche Anforderungen an die nationale Politik. Denn auf der einen Seite sollte diese die demokratische Willensbildung ihrer Bürger im Inland berücksichtigen – gleichzeitig ist sie jedoch Sachzwängen aus dem Ausland unterworfen, die entgegen den Interessen der Volksmehrheit stehen können. 

Typische Konfliktfelder sind laut Rodrik das Arbeitsrecht, Steuersätze für Privatpersonen und Unternehmen sowie Umwelt- und Produktstandards. In all diesen Bereichen kommt es bei zunehmender wirtschaftlicher Integration zu einem Angleichungsdruck – sei es aufgrund der internationalen Politik, oder sei es, weil der Standortwettbewerb Länder dazu zwingt, ihre Regeln dem Ausland anzupassen. In beiden Fällen wird jedoch dasselbe Prinzip herausgefordert – nämlich jenes, dass unabhängige Völker die Gesetze in ihren Nationalstaaten jederzeit frei ändern können. 

Zwei extreme Alternativen sind im Umgang mit den Konflikten denkbar. In der einen Alternative behält der Nationalstaat seine Autonomie bei, schafft aber die Mitsprache seiner Bürger ab – er segelt quasi als gewinnorientiertes, aber diktatorisches Unternehmen in der integrierten Weltwirtschaft umher. In der anderen Alternative wird die demokratische Mitsprache auf eine grössere Ebene transferiert: Der Nationalstaat wird abgeschafft, und die Mehrheit in einem zusammengeschlossenen Staat entscheidet über die Regeln, nach denen die Märkte der Weltwirtschaft funktionieren sollen.

Natürlich gibt es auch Mittelwege zwischen diesen beiden Extremen – der schweizerische Föderalismus kann hierfür als gutes Beispiel stehen. Doch Rodriks Gedankenexperiment legt einen pikanten Schluss nahe: Je weiter die wirtschaftliche Globalisierung voranschreitet, desto schwieriger wird es für Länder sein, gleichzeitig ihre nationale Souveränität und ihre politische Demokratie in vollem Umfang beizubehalten.

[1] Abbildungen aus Dani Rodrik (2007): «One Economics, Many Recipes»

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