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Elisabeth Tester, Sonntag, 18. September 2016, 00:09

Verkehrserziehung auf Chinesisch

In China trifft die Macht der Regierung oft auf die Macht der Gewohnheit. In Sachen Autofahren hat die Regierung zumindest in Schanghai gewonnen. Doch die undisziplinierten Autofahrer sind eines der kleinsten Probleme Chinas.

Verkehrschaos in Hangzhou – nichts geht mehr. Bild: Elisabeth Tester

Vor 20 Jahren war Anstehen in China ein handfestes Abenteuer. Am Billettschalter des Flughafens, an der Bushaltestelle, an der Kasse im Einkaufsladen – überall galt das Recht des Stärkeren. Menschenhaufen in der Form eines Schneepflugs drängten sich unter Einsatz des ganzen Körpers zum Ziel, und wer höflich einer alten Dame den Vortritt lassen wollte, wurde von allen Seiten noch stärker angerempelt und von der Dame selbst mit einem Ellbogenschlag belohnt. Heute stehen die Chinesen wundersam so wohlgesittet an wie die Engländer, obwohl der Abstand in der «Queue» zur vorderen Person immer noch auf wenige Zentimeter zu begrenzen ist, da sich sonst bestimmt jemand in die Warteschlange hineinmogelt.

In China gibt es also immer wieder kleine Wunder. Ich war letzte Woche in Schanghai. Wie immer war es interessant, spannend und auch etwas anstrengend. Doch im Vergleich zu früheren Aufenthalten in der gigantischen Stadt war etwas anders – und ich brauchte eine Weile, bis ich merkte was: Es war so ruhig! Der Verkehr floss fast lautlos durch die Strassen, niemand hupte. Und das ist doch sehr bemerkenswert.

Feuerwerk und Hupen verboten

In China wird nämlich immer gehupt, und zwar aus Prinzip. Dieses Hupen soll nicht bewirken, dass andere Fahrzeuge abbremsen oder gar anhalten, im Gegenteil. Hupen ist einfach ein konstantes «Auf-sich-aufmerksam-machen», das jedoch niemand beachtet. (Vergleiche Iconomix Blog vom 2. Mai 2013: Taxifahren in Schanghai.) Was ist passiert? Wieso hupen die Chinesen nicht mehr? Und noch viel erstaunlicher, wieso fahren sie nicht mehr bei Rot über die Kreuzungen?

Ganz einfach: Wenn die Regierung will, kann sie auch tief verwurzelte Verhaltensweisen ändern. Das wurde in Schanghai quasi über Nacht einmal mehr vorexerziert. Aber ich muss etwas ausholen.

Anfangs Jahr wurde das Abbrennen von Feuerwerk im Stadtzentrum verboten, um die Qualität der Luft nicht noch weiter zu beeinträchtigen. Obwohl Feuerwerke ein vermeintlich nicht wegdenkbarer Teil jeder Hochzeit und jeder Geschäftseröffnung sind, wurde dieses Verbot dermassen strikt durchgesetzt, dass die Verantwortlichen im Verkehrsministerium Schanghai sich sagten: «Das können wir auch!». Hupen wurde verboten. Und sie schafften es, den Verkehrsampeln und Verkehrsschildern, die in China von den Autofahrern traditionell eher als Vorschlag denn als Vorschrift interpretiert werden, mehr Achtung zu verleihen.

Taxis in Peking. Bild: Elisabeth Tester

Beamte werden zu Verkehrspolizisten

An wichtigen Strassenkreuzungen wurde eine Vielzahl uniformierter Beamter positioniert, um zu verhindern, dass die Autofahrer in die Kreuzung fahren und sie blockieren, wenn der Verkehr auf der anderen Seite nicht abfliesst. Das führte bisweilen zum etwas absurden Bild, dass an der Kreuzung einer vierspurigen Strasse nicht nur ein Meer von Verkehrsampeln und -schildern steht, das alleine schon unmissverständlich klare Kommandi gibt, sondern dass zusätzlich ein halbes Dutzend Beamte in verschiedenen Uniformen dieselben Befehle erteilen. Aber immerhin: Das Ziel wurde erreicht, die Kreuzungen sind weniger verstopft.

Die Folgen dieser Aktion sind weitherum spürbar. Meine Freundin im Ministerium für Aussenbeziehungen in Schanghai beklagte sich beispielsweise darüber, dass ihre Besucher an mehreren Tagen der Woche vereinsamt vor dem Schlagbaum am Eingang zum Bürogelände stehen. Denn die Sicherheitskräfte, die die Gäste normalerweise in Empfang nehmen, wurden zum Verkehrsdienst beordert. Dies meist zum Verdruss der normalerweise eine ruhige Kugel schiebenden Beamten.

Auf was will ich hinaus? Verkehrsstaus, das Abbrennen von Feuerwerk, Hupen: Das sind kleine Baustellen im Vergleich zu den Herausforderungen, mit denen China sonst konfrontiert ist. Die Verschwendung öffentlicher Gelder, die Ineffizienz vieler staatlicher Unternehmenskolosse, mangelhafte Corporate Governance vieler kotierter Unternehmen, ein zu sehr durch Personen und nicht genügend durch Normen bestimmtes Rechtssystem, ein am Markt vorbei produzierendes Ausbildungssystem – das sind einige der ganz grossen Probleme Chinas.

Echte Probleme angehen

Doch auch an all diesen Fronten ist die Regierung aktiv. Der Schutz geistigen Eigentums wird stärker durchgesetzt. Erste Unternehmen, die betrügerisch gewirtschaftet hatten, wurden dekotiert. Mitarbeiterbeteiligungsprogramme werden schrittweise auch bei staatlich kontrollierten Unternehmen eingeführt. Viele weitere Bemühungen sollen dazu beitragen, die Wirtschaft Chinas aufzuwerten. Dabei steht immer die Regierung im Zentrum dieser Transformationsprozesse. Nicht alle Regierungsvorhaben werden von Erfolg gekrönt sein. Aber Chinas Regierung kann im Laufe der Zeit auch scheinbar Unmögliches erreichen.

Als Resultat der Verkehrsdisziplinierung in Schanghai sind die Strassen viel ruhiger, gehupt wird kaum noch, und die Fussgänger können auf den Fussgängerstreifen die Strasse überqueren ohne von Autos drangsaliert zu werden. Wie nachhaltig solche Aktionen das Verhalten der notorisch kreativen Autofahrer beeinflussen, wird sich weisen. Und wie bei vielen anderen Entwicklungen in China können solche Veränderungen natürlich sowohl als Fortschritt, als auch als Verlust eines Teils der nationalen Identität gewertet werden. Treffen Sie ihre Wahl.

Elisabeth Tester,
Ökonomin, Journalistin
Ehem. Chinakorrespondentin von «Finanz und Wirtschaft», Wirtschaftspublizistin «From facts to stories», lebt in Schanghai und Zürich. Spezialistin China, makroökonomische Themen und Rohstoffe.

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

Thema: China
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