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iconomix-Team, Sonntag, 8. Mai 2016, 00:05

Wie wird Geld geschaffen?

Banken werden gelegentlich als blosse Vermittler von Einlagen betrachtet, wobei die Einlagen als Kredite an Unternehmen und Haushalte weitervergeben werden. In dieser Sicht sind allein die Notenbanken für die Geldschöpfung zuständig. Diese Vorstellung ist falsch oder zumindest unvollständig. Wir erklären warum.

Bild: Wikimedia – Roland zh

Bis zur Finanzkrise 2008 nahmen Banken in der Volkswirtschaftslehre eine reine Vermittlerrolle ein. Vereinfacht lautete die Theorie: Die Notenbank schöpft Geld und stellt es den Banken zur Verfügung. Die Geschäftsbanken nutzen dieses Geld für Kredite. Ein Teil des Kreditbetrags landet wieder als Einlage auf den Konten der Bank, woraus erneut Kredite vergeben werden können (Geldschöpfungsmultiplikator). Begrenzt wird dieser Vorgang namentlich durch die Mindestreservevorschriften.

Wichtig bei dieser Betrachtungsweise ist zum einen, dass die ursprüngliche Geldschöpferin die Notenbank ist. Zum andern ist entscheidend, dass die Geschäftsbanken, um Kredite zu vergeben, vom Notenbankgeld und vorhandenen Spareinlagen abhängen.

Diese Vorstellung ist jedoch falsch - oder zumindest unvollständig: Geschäftsbanken brauchen für die Vergabe von Krediten weder Notenbankgeld, noch Spareinlagen. Vielmehr können Geschäftsbanken selbst Geld schöpfen, indem sie neue Kredite vergeben. Wie soll das gehen?

Banken schöpfen Geld

Ganz einfach: Bei der Vergabe eines neuen Kredits, gibt die Bank typischerweise kein physisches Geld in Form von Banknoten aus. Entsprechend sind auch kein physisches Notenbankgeld oder Spareinlagen nötig. Die Bank schreibt dem Kreditnehmer den Kreditbetrag auf seinem Bankkonto ganz einfach in Form von Buchgeld gut. In diesem Moment wird neues Geld geschaffen.

Diese Erkenntnis ist zwar altbekannt, wurde aber bisher in den meisten Lehrbüchern und selbst in den bis 2008 gebräuchlichen Standardmodellen der Konjunkturforschung übergangen. Mehr noch: Die meisten Modelle, die damals zur Prognose der Konjunktur verwendet wurden, ignorierten nicht nur die Tatsache, dass Banken selbst Geld schaffen können; Banken waren häufig gar nicht erst in den Modellen erfasst. Daher eigneten sich diese älteren Modelle auch nur bedingt zur Analyse der Zusammenhänge zwischen Finanzsektor und Realwirtschaft.

Kein Wunder also, dass deren Erweiterung seit der Finanzkrise 2008 zum Gegenstand intensiver Forschung geworden ist.

Folgerungen für die Wirtschaftspolitik

Kürzlich haben Michael Kumhof und Zoltan Jakab, zwei Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF), ein makroökonomisches Modell erstellt, in dem die Geschäftsbank als Geldschöpferin fungiert. Ihr Modell stellen sie im Artikel «The Truth about Banks» im Magazin Finance and Development des IWF einfach und gut verständlich vor.

Mittels Simulationen testen die Autoren ihr Modell. Dazu vergleichen sie die Simulationsresultate auf der Basis ihres Modells mit der Bank als Geldschöpferin mit den Resultaten einer Modellversion, in der die Bank als reine Vermittlerin auftritt.

Die Erkenntnis ihrer Studie: Das Modell unter der Annahme einer Bank als Geldschöpferin bildet die Realität besser ab. Dies spricht für die Auffassung, dass Banken keine reinen Vermittler von Einlagen sind, sondern Anbieter von Finanzierungen. Entsprechend werden Investitionen nur bedingt mit Spargeldern finanziert. Vielmehr sind es neu vergebene Kredite und die daraus resultierende Geldschöpfung, die Investitionen ermöglichen.

Die Folgerung für die Wirtschaftspolitik: Um Investitionen anzukurbeln, sollte der Fokus auf ein effizientes Finanzsystem gelegt werden, das höhere Transparenz schafft und somit besser in der Lage ist, rentable Projekte zu identifizieren und Kreditausfälle zu vermeiden. Ungeeignet sind aus Sicht der beiden Autoren dagegen Massnahmen, die versuchen, die Leute zum Sparen zu ermutigen, in der Hoffnung die Spareinlagen würden für erwünschte Investitionen genutzt.

Weitere nützliche Links und Quellen zum Thema:

  • Bank of England Quarterly Bulletin. Money creation in the modern economy (2014 Q1)
  • FAZ. Wie kommt Geld in die Welt? (05.02.2015)
  • Aargauer Kantonalbank, Mathias Binswanger (FHNW). Broschüre «Wie Banken Geld schaffen» (2016) (PDF)

Lesen Sie auch:

  • Geldschöpfung

Zum Thema:

  • iconomix-Baustein: «Was ist eine Bank? », Teil 1, BOX «Wie Banken Geld schaffen»

Für das iconomix-Team,
Josipa Markovic

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Kommentare (3)Kommentar abgeben
Josipa Markovic
13. September 2016, 09:09
RE: Anpassen des Lehrmaterials

Sehr geehrte Herren
Vielen Dank für die Kommentare. Die alte Theorie, abgebildet im Baustein «Was ist eine Bank», ist nach wie vor korrekt, aber – wie auch im Blog beschrieben – unvollständig. Uns ist es ein Anliegen neue Erkenntnisse in unsere Unterlagen einfliessen zu lassen, daher werden die iconomix-Lehrmaterialien fortlaufend aktualisiert. Der Baustein «Was ist eine Bank», sowie auch «Geldmenge und Preise», werden momentan überarbeitet und sollten ab November 2016 mit aktualisiertem Inhalt zur Verfügung stehen.

Mike Konrad
09. September 2016, 22:09
Anpassen des Lehrmaterials

Sehr geehrte Frau Markovic
Wie Herr Berlino schreibt, sollten die Lehrmaterialien "Was ist eine Bank Teil 1" angepasst werden. Auf Seite 5 wird immer noch die "alte" Theorie vermittelt, und nicht die, wie oben von Ihnen beschrieben.
Danke

Lino Berlino
03. Juni 2016, 07:06
Bitte Lehrmaterialien anpassen!

Hallo,
es freut mich, dass hier jetzt auch die Sachlage korrekt dargestellt wird! Es wäre jedoch schön, wenn die Aufklärungs/Lehrmaterialien auch entsprechend angepasst werden. Im Bereich "Was ist eine Bank?" werden Banken weiterhin als Vermittler zwischen Sparern und Kreditnehmern dargestellt...

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