Seit 1970 sind die überwachten Wildtierpopulationen weltweit um ganze 73% zurückgegangen – ein dramatischer Einbruch, der vom Living Planet Index (LPI) auf Basis von Daten zu über 42 000 Populationstrends belegt wird.
Dieser Verlust der Artenvielfalt und Lebensräume hat auch starke Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft, da die Menschheit auf eine intakte Natur und Biodiversität angewiesen ist.

Seit 1970 ist die Grösse der überwachten Wildtierpopulationen um 73% zurückgegangen. Dies zeigt der Living Planet Index (LPI), der anhand von fast 42 000 Populationstrends von 5579 Arten bestehend aus Amphibien, Vögeln, Fischen, Säugetieren und Reptilien bestimmt wird.
Der LPI ist ein Mass für den Zustand der Biodiversität insgesamt. Biodiversität umfasst dabei neben der Artenvielfalt auch die genetische Vielfalt von Organismen sowie die Vielfalt der Lebensräume1.
Die Hauptgründe für den anhaltenden Biodiversitätsverlust sind vielfältig. Die intensive Nutzung von Land und Meeren, die Verschmutzung der Umwelt, der Klimawandel, die Verbreitung invasiver Arten und die Übernutzung natürlicher Ressourcen gelten als die wichtigsten Treiber.

Zustand der Biodiversität in der Schweiz
Auch in der Schweiz ist diese Entwicklung deutlich sichtbar. Seit dem 19. Jahrhundert wurden 90% der Moore, Trockenwiesen und Auen zerstört. Von den rund 10 000 einheimischen Pflanzen-, Pilz- und Tierarten, für die das Aussterberisiko abgeschätzt wurde, sind 35% bedroht oder bereits ausgestorben.
Eine aktuelle Studie der Akademie der Naturwissenschaften zeigt, dass die Biodiversität in der Schweiz zwar weiterhin gefährdet ist, sich der Rückgang der Artenvielfalt seit der Jahrtausendwende jedoch verlangsamt hat. Es sind sogar auch Fortschritte zu erkennen: In einigen Lebensräumen hat sich die ökologische Qualität verbessert, wodurch die Bestände bestimmter Arten zugenommen haben.
Insgesamt bleibt der Zustand der Biodiversität in der Schweiz dennoch schlecht. Die positiven Entwicklungen zeigen aber, dass die Regenerationsfähigkeit der Natur in vielen Ökosystemen hoch ist. Solange der Zustand eines Ökosystems noch nicht einen Kipppunkt erreicht hat, ist der Schutz der Natur somit eine wirksame Strategie.
Nutzen der Biodiversität
Intakte Biodiversität ist viel mehr als die Vielfalt von Arten: Sie bildet die Grundlage für sogenannte Ökosystemdienstleistungen, die für den Menschen unverzichtbar sind. Diese Leistungen reichen von der Bereitstellung von sauberem Trinkwasser, Nahrungsmitteln und medizinischen Wirkstoffen bis hin zur Klimaregulierung, der Sauerstoffproduktion und dem Schutz vor Naturgefahren wie Überschwemmungen oder Stürmen.
Biodiversität wirkt wie ein stabiles Netz, das essenzielle Prozesse in der Natur aufrechterhält. Verlieren wir dieses Netz, geraten auch andere Systeme ins Wanken. Intakte Ökosysteme speichern CO₂, reinigen Wasser, schaffen Lebensräume, produzieren Rohstoffe und ermöglichen die Bestäubung von Pflanzen.
Auswirkungen der Biodiversität auf Unternehmen
Natürliche Lebensräume und ihre Ressourcen, zusammengefasst als Naturkapital, sind die Grundlage vieler wirtschaftlicher Aktivitäten. Landwirtschaft, Fischerei, Tourismus, Pharmaindustrie oder Wasserkraft profitieren unmittelbar von intakten Ökosystemen. Wenn das Naturkapital durch Biodiversitätsverlust gefährdet wird, entsteht ein wirtschaftliches Risiko – etwa durch Rohstoffverknappung, höhere Kosten oder Produktionsausfälle.
Auch der Klimawandel verschärft diese Problematik: Ökosysteme, die CO₂ speichern, verlieren ihre Effizienz, was nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich Folgen hat. Laut dem World Economic Forum zählen Biodiversitätsverlust und Klimawandel zu den grössten Gefahren für die globale Wirtschaft.
Einfluss der Wirtschaft auf die Biodiversität
Die Beziehung zwischen Wirtschaft und dem Zustand der Biodiversität ist wechselseitig: Wirtschaftliche Aktivitäten nutzen natürliche Ressourcen wie Wasser, Land und Rohstoffe, tragen aber auch zum Verlust der Biodiversität bei. Besonders Landwirtschaft, Rohstoffabbau oder industrielle Produktion beeinflussen Ökosysteme, oft negativ.
Wird die regenerative Kapazität der Natur überschritten – etwa durch Übernutzung oder Umweltverschmutzung – leidet der Zustand der Biodiversität. Meistens verlaufen die Veränderungen langsam in kleinen Schritten. Wird jedoch eine Schwelle erreicht, können auch abrupte und erhebliche Veränderungen stattfinden, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können – man spricht von sogenannten Kipppunkten, wie sie beispielsweise bei Korallenriffen bereits beobachtet wurden.
Der rückläufige Klimawandel verstärkt diese Prozesse, indem er Lebensräume verändert und den Biodiversitätsverlust beschleunigt. Damit leidet nicht nur die Umwelt, sondern auch das Naturkapital, auf dem viele Wirtschaftszweige direkt angewiesen sind.
Der Living Planet Index ist daher nicht nur ein ökologisches Signal, sondern ein wirtschaftliches Warnzeichen: Der Verlust der Biodiversität wirkt sich auf allen Ebenen des menschlichen Lebens aus.
1 Diaz, S. et al. (2015): The IPBES Conceptual Framework — connecting nature and people - ScienceDirect. Current Opinion in Environmental Sustainability.
