An der Harvard University erforscht die Ökonomin Stefanie Stantcheva, wie Menschen wirtschaftliche Zusammenhänge wahrnehmen, welche Überzeugungen ihre Sichtweise prägen und wie diese Wahrnehmungen schlussendlich wirtschaftspolitische Entscheidungen beeinflussen.
In einem NZZ-Interview vom Januar 2026 berichtet Stantcheva von ihrer Arbeit.

Stantcheva ist Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Harvard University und Gründerin des dort angesiedelten Forschungszentrums Social Economics Lab. Dieses untersucht mithilfe gross angelegter Umfragen und Experimente wirtschaftliche Fragestellungen sowie das ökonomische Verständnis der Menschen.
Anlässlich ihres Besuchs am 19. Januar 2026 an der Universität Basel sprach die Neue Zürcher Zeitung mit Stantcheva unter anderem über ihre Arbeit.
Wir geben das Interview auszugsweise wieder.
Sie erheben auf eine besonders spannende Art Daten für Ihre Forschung – über tiefgehende Fragebögen und grosse Datensätze, gestützt auf KI. Wie kamen Sie zu diesem Ansatz?
Am Social Economics Lab an der Harvard University untersuchen wir, was in den Köpfen der Bürgerinnen und Bürger vor sich geht, wenn es um wirtschaftliche Fragen und Politik geht. Volkswirte analysieren meist, wie Politik gestaltet werden sollte oder welche Wirkungen sie entfaltet – aber weit weniger, wie sie wahrgenommen wird. Das war eine grosse Lücke in unserem Fach.
Welche Ihrer Ergebnisse haben Sie am meisten überrascht?
Viele! Ein Beispiel ist unsere Studie zum Nullsummendenken. Also zu der Idee, dass ein Gewinn des einen zwangsläufig ein Verlust für den anderen bedeute – dass der Wohlstand in der Welt ein fixer Kuchen sei. Wir untersuchten, wie stark das protektionistische Nullsummendenken bei Menschen ausgeprägt ist, wie es ihre politischen Präferenzen prägt und woher diese Denkweise stammt.
Wovon hängt die Nullsummenmentalität ab?
Vom Umfeld, in dem man aufwächst. Besonders auffällig ist: In vielen reichen Ländern – auch in der Schweiz und in den USA – ist das Nullsummendenken bei jüngeren Generationen deutlich stärker ausgeprägt als bei älteren. Das ist ein sehr robuster Befund.
Warum ist das so?
Wir können das auf die wirtschaftlichen Bedingungen während der Jugend zurückführen. Wer unter dynamischen wirtschaftlichen Bedingungen mit hoher sozialer Mobilität aufwächst, ist für ein protektionistisches Nullsummendenken weniger empfänglich. Doch in vielen reichen Ländern sind Wachstum und Mobilität seit Jahrzehnten rückläufig. Junge Menschen wachsen also in einer Welt auf, in der sich die Ressourcen stärker begrenzt anfühlen.
Das protektionistische Denken nach dem Muster «wir gegen die anderen» ist ökonomisch schädlich. Was kann man gegen ein Überhandnehmen der Nullsummenmentalität tun?
Solche Denkmuster widerspiegeln zumeist gelebte Bedingungen. Die Frage ist daher, wie man die Realität verbessert – wie man eine Dynamik schafft, welche die meisten als mehrwertgenerierend betrachten. Etwa indem man auf Kinder fokussiert: bessere Ernährung, frühkindliche Bildung, direkte Unterstützung von Familien. Die Forschung zeigt, dass solche Programme sich selbst finanzieren, weil sie langfristig höhere Einkommen generieren.
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Quelle: The Harvard Crimson
Stefanie Stantcheva ist Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Harvard University und Gründerin des Social Economics Lab. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Besteuerung von Unternehmen und Privatpersonen sowie die Frage, wie Menschen wirtschaftliche Themen und politische Massnahmen verstehen, wahrnehmen und ihre Einstellung dazu entwickeln.
Lesen Sie das vollständige Interview hier.
