2.6 Billionen Dollar gebunkert
Staat und Gesellschaft
()
195 Aufrufe
2.6 Billionen Dollar gebunkert
Thursday, 19. April 2018

US-Grosskonzerne haben aus steuerlichen Gründen riesige Vermögenswerte aus zurückbehaltenen Gewinnen im Ausland angehäuft. Diese steuerlichen Anreize fallen mit der US-Steuerreform weg.

Bild: Wikimedia - Gage Skidmore (CC)

Dieses Jahr ist die wohl tiefgreifendste US-Steuerreform seit 1986 in Kraft getreten. Sie wurde im letzten Herbst im Rekordtempo durch den Kongress gepeitscht, aus Furcht, die fragilen Mehrheiten könnten zuungunsten des Projekts kippen. Während hierzulande Steuerreformen ganz profan als «Unternehmenssteuerreform III» oder – in der Neuauflage – als «Steuervorlage 17» bezeichnet werden, fängt in den USA die Kampagne schon mit der Namensgebung an. «Tax Cuts and Jobs Act» heisst die Vorlage vielversprechend.

Böse Zungen behaupten, dass vor allem bei der steuerberatenden Zunft mit neuen Jobs zu rechnen ist. Denn das rund 500 Seiten starke Gesetz ist für Normalsterbliche bleischwere Kost. Mit der Reform wurde der allgemeine Gewinnsteuersatz auf Bundesebene von 35% auf 21% gesenkt. Gleichzeitig beinhaltet die Reform komplexe, sich gegenseitig beeinflussende Regeln, die sowohl Mehr- als auch Minderbelastungen mit sich bringen. Oft betreffen sie das grenzüberschreitende Geschäft von in den USA tätigen Firmen.

Ein Kernelement der Reform, das weniger beachtet wird als die Steuersenkung um stolze 14-Prozentpunkte, ist der Übergang vom Prinzip der Welteinkommensbesteuerung zum Territorialprinzip. Im bisher vorherrschenden Welteinkommensprinzip mussten US-Unternehmen auch im Ausland erwirtschaftete Gewinne bei der Rückführung versteuern.

Konkret mussten amerikanische Mutterfirmen auf die Gewinnausschüttungen ihrer ausländischen Tochterfirmen US-Unternehmenssteuern bezahlen. Die im Ausland bereits geleisteten Steuern konnten dabei angerechnet werden. Das heisst, wenn im Ausland bereits eine Steuer in Höhe von bspw. 10% geleistet wurde, dann stellte der amerikanische Fiskus nur noch die Differenz zum US-Steuersatz in Rechnung. Weil dieser aber mit 35% zu den höchsten weltweit gehörte, langte Uncle Sam bei der Rückführung in aller Regel nochmals zu.  Neu werden nur im Inland erzielte Gewinne besteuert. Aus dem Ausland erhaltene Gewinnausschüttungen – sofern eine Beteiligung von mindestens 10% vorliegt – sind fortan steuerfrei.

2.6 Billionen Dollar im Ausland gebunkert

Weil Gewinnrückführungen steuerlich unattraktiv waren, haben US-Firmen über die vergangenen Jahre riesige Summen an zurückbehaltenen Gewinnen im Ausland angehäuft. Gemäss Schätzungen betrugen die Bestände im Jahr 2016 satte 2.6 Billionen Dollar, das entspricht rund dem Vierfachen des Schweizer Bruttoinlandprodukts.

Die Tabelle zeigt die 15 US-Firmen mit den höchsten Beständen an im Ausland gebunkerten Gewinnen. Spitzenreiter ist Apple. Beim Technologiegiganten aus Kalifornien haben sich Bestände von 230 Milliarden Dollar angesammelt. Auch Pharmariese Pfizer und Softwarehersteller Microsoft haben dreistellige Milliardenbeträge an (noch) nicht zurückgeführten Gewinnen in den Büchern. Firmen wie Apple und Oracle haben sogar eigene Gesellschaften, Braeburn Capital und Delphi Asset Management, zur Verwaltung der entstandenen Vermögenswerte gegründet.

US-Politiker möchten das Geld lieber im Inland investiert statt im Ausland geparkt sehen. Das wissen die Firmen und spekulierten offenbar darauf, dass ihnen der Fiskus in Zukunft günstigere Gewinnrückführungen erlaubt (ansonsten gäbe es keinen Grund, mit der Gewinnrückführung zu warten). 2004 ging diese Rechnung schon einmal auf, als ihnen unter Präsident Bush eine einmalige Rückführung zu einem Sondersatz von 5,25% ermöglicht wurde.

Nun hat sich das Warten wieder gelohnt. Der «Tax Cuts and Jobs Act» sieht eine einmalige Nachbesteuerung zu 8% bzw. für Liquiditätsbestände zu 15,5% vor. Zum Vergleich: Bei einer ordentlichen Gewinnrepatriierung gemäss altem Gesetz wäre eine Nachbesteuerung zu durchschnittlich 29% fällig gewesen. Dies schätzt das amerikanische Institute on Taxation and Economic Policy.

Was passiert, wenn diese Anlagen verkauft werden?

Wie erwähnt werden fortan repatriierte Gewinne vom US-Fiskus nicht mehr nachbesteuert. Die steuerlichen Anreize zum Horten von im Ausland erzielten Gewinnen fallen also weg. Es ist damit zu rechnen, dass international tätige US-Firmen nun mindestens einen Teil der bisher angehäuften Vermögenswerte an die Aktionäre ausschütten. Zudem werden zukünftig erzielte Gewinne nicht mehr im selben Ausmass zurückbehalten.

Dies wird nicht spurlos an den Finanzmärkten vorbeigehen. Was der Regimewechsel im US-Steuersystem auslösen wird, hängt entscheidend davon ab, wie die angesparten Vermögenswerte angelegt wurden. Die Credit Suisse hat im Rahmen einer Studie einen Blick in die angehäuften Portfolios geworfen. Demnach ist das angesparte Geld zum grössten Teil in festverzinslichen Wertpapieren angelegt. Insgesamt fällt rund ein Drittel auf US-Staatspapiere (Schätzung gemäss Hochrechnung ausgehend von den 10 Firmen mit den grössten Portfolios). Mit anderen Worten, amerikanische Grosskonzerne wie Apple, Microsoft oder Google haben in den vergangenen Jahren mit ihren einbehaltenen Gewinnen das US-Budgetdefizit mitfinanziert.

Wenn sich die Prognosen des (unparteiischen) Congressional Budget Office bewahrheiten, dann wird die US-Steuerreform das Budgetdefizit der grössten Volkswirtschaft über 10 Jahre um insgesamt 1 bis 1.5 Billionen erhöhen. Diese Lücke muss mit der Herausgabe von Staatsanleihen gedeckt werden. Nun fallen aber für international tätige US-Konzerne die steuerlichen Anreize zum Horten von Vermögensbeständen und damit zum Kauf dieser Staatsanleihen weg.

Folge: Das Angebot an US-Staatspapieren auf dem Markt steigt und die Nachfrage danach sinkt. Es könnte also sein, dass das US-Finanzministerium die Steuerreform gleich zweimal in der Staatsrechnung zu spüren bekommt. Einmal weil das Defizit steigt und ein zweites Mal weil sich die Staatspapiere zum Decken der Defizite nur noch zu höheren Zinsen am Markt platzieren lassen.

Zum Thema

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

× Vielen Dank für Ihren Kommentar. Er wurde erfolgreich zur Überprüfung übermittelt.

Kommentare

Diese Seite wurde noch nicht kommentiert.

Verfassen Sie den ersten Kommentar.