Gute Schulden, schlechte Schulden
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Gute Schulden, schlechte Schulden
Thursday, 18. January 2018

In den letzten Jahrzehnten erlebte die Weltwirtschaft überdurchschnittlich viele Schuldenkrisen. Fritz Zurbrügg, Vizepräsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank (SNB), erklärt, wie diese entstehen können.

Während der Schweizer Immobilienkrise der 1990er Jahre gingen sogar an der Zürcher Bahnhofsstrasse die Mieten runter. Bild: pxhere (CC)

Schulden spielen in der Wirtschaft eine herausragende Rolle im Guten wie im Schlechten. Sie können das Wirtschaftswachstum ankurbeln oder zu schweren Krisen führen. Es verhält sich damit wie mit dem Essen. Eine gewisse Menge ist überlebensnotwendig, doch eine zu grosse Menge kann sehr ungesund sein und eine langwierige Diät nach sich ziehen.

Die positiven Auswirkungen des Kreditwesens kommen daher, dass durch Schulden die Kreditnehmenden einerseits ihr Lebenseinkommen dann einsetzen können, wenn es ihnen den grössten Nutzen erbringt, und andererseits die Kreditgebenden nicht genutztes Kapital gewinnbringend anlegen können.

Zu viel des Guten

Ein funktionierendes Kreditwesen ist für eine florierende Wirtschaft essentiell. In der jüngeren Vergangenheit haben aber Schuldenkrisen auch die Risiken aufgezeigt, die mit Krediten einhergehen.

Grundsätzlich besteht bei Krediten immer die Gefahr, dass der Schuldner die Schuld nicht zurückzahlen kann. Einzelne Ausfälle sind kein Problem für eine Wirtschaft. Doch kommt eine grosse Zahl von Kreditnehmenden in Zahlungsschwierigkeiten, kann dies Folgen für die gesamte Volkswirtschaft haben und allenfalls zu einer Krise führen.

Bei dieser Art von Schuldenkrisen, wie zum Beispiel bei der Schweizer Immobilienkrise der frühen 1990er Jahren, sind im Vorfeld typischerweise folgende makroökonomischen Ausprägungen zu beobachten: wirtschaftlicher Aufschwung, tiefe Zinsen und steigende Vermögenspreise.

Die Auswirkungen des makroökonomischen Umfelds

Der wirtschaftliche Aufschwung und die tiefen Zinsen sorgen zunächst für eine Zunahme der Kredite, da Investitionen, die zuvor nicht profitabel waren, nun finanziert werden können. Ein weiterer Grund für die erhöhte Kreditvergabe ist, dass Kreditgebende höhere Risiken eingehen, um trotz tiefer Zinsen die Rendite hoch zu halten.

Das Anwachsen des Kreditvolumens und die steigenden Vermögenspreise können zu einer sich gegenseitig verstärkenden Dynamik führen. Gerade auf Märkten wie dem Immobilienmarkt, auf denen Vermögenspositionen mit Hilfe von Krediten erworben werden. Durch die steigenden Preise von Immobilien und anderen Vermögenswerten werden deren Besitzer automatisch reicher und kreditwürdiger. Sie können also mehr oder höhere Kredite aufnehmen. Mit diesen Krediten erwerben einige weitere Vermögenswerte. Dieser Nachfrageanstieg treibt bei einem beschränkten Angebot wiederum die Vermögenspreise an.

Systemische Risiken und verzerrte Erwartungen

Durch diese Dynamik kann eine Situation entstehen, in der sich systematisch immer mehr Akteure in einem einzigen Markt investieren und dabei auf der individuellen Ebene nur scheinbar rational agieren. Die einzelnen Investoren nehmen nämlich das kollektive Risiko nicht wahr, dem sie sich aussetzen.

Diese Blindheit gegenüber der Gefahr wird oft durch verzerrte Erwartungen verstärkt. Je länger ein Boom anhält, desto eher schlägt die Stimmung bei vielen Akteuren in einen übermässigen Optimismus um. Bevor es überhaupt zu einer Schuldenkrise kommen kann, steigt die Preisblase über längere Zeit an und bestätigt immer wieder die viel zu optimistischen Erwartungen.

Die Spirale kann auch nach unten drehen

Kommt es trotz aller Zuversicht zu einem Abschwung und fallen plötzlich die Vermögenspreise und steigen die Zinsen, sind Zahlungsausfälle die Folge. Um die Einbussen zu kompensieren, werden die Vermögenseigner ihre Positionen verkaufen wollen, was deren Wert weiter nach unten drückt und dadurch weitere Kreditnehmende in Schwierigkeiten bringt.

In einer solchen Situation hat ein einzelner Kreditausfall nun ganz andere Konsequenzen, da sich viele Anleger dem gleichen Risiko exponiert haben. Je mehr Wirtschaftsakteure in die Blase involviert waren, desto stärker ist diese Auswirkung.

Was die Konsequenzen einer solchen Dynamik sein können, lässt sich wiederum anhand der Schweizer Immobilienkrise der 1990er illustrieren. Die Grafik oben zeigt, dass es nach dem Schweizer Immobilienboom Ende der 1980er Jahre zu einer starken Korrektur und herben Wertverlusten kam. Die Banken mussten daraufhin über 40 Milliarden Schweizer Franken abschreiben.

Natürlich muss eine ganze Reihe von Faktoren mitspielen bis es zu einer Krise kommt. Nicht jedes Mal, wenn während eines Aufschwungs die Zinsen tief sind und Vermögenswerte steigen, endet die Wirtschaft in der Krise. Aber bei faktisch jeder Schuldenkrise waren zuvor diese makroökonomische Konstellation und die daraus folgenden systemischen Risiken zu beobachten.

Keine Schulden, keine Probleme?

Was können wir tun, um Schuldenkrisen in Zukunft zu vermeiden? Die konsequenteste Lösung wäre, das Kreditwesen abzuschaffen. Da damit aber auch ein substantieller Teil unseres Wohlstands wegfallen würde, kann das kaum der richtige Ansatz sein.

Behält man das Kreditwesen bei, bleibt hingegen stets eine positive Wahrscheinlichkeit für neue Schuldenkrisen. Mit den passenden Regulierungen gilt es, diese in den Griff zu bekommen und dafür zu sorgen, dass die Wachstumseffekte grösser sind als die Kosten der Krisen.

Das Referat von Fritz Zurbrügg, Vizepräsident des Direktoriums der SNB, finden Sie hier: Kredite, Schulden und Wachstum.

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