Mit Waffen gegen Waffengewalt
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Mit Waffen gegen Waffengewalt
Thursday, 24. August 2017

In den USA gibt es mehr Schusswaffen als Menschen. Gut so, findet die Waffenlobby und mit ihr der US-Präsident, denn Waffen erhöhen die Sicherheit. Nehmen wir diese Theorie unter die Lupe.

Quelle: wikimedia.org, St. Louis Circuit Attorney's Office

Bild: wikimedia.org – St. Louis Circuit Attorney's Office (CC)

Bei meiner letzten USA-Reise habe ich mit einigen Freunden das kulturelle Pflichtprogramm absolviert und in einem der zahllosen Schiessstände scharf geschossen. Im Land der Waffennarren, wo es mehr Waffenläden als Supermärkte gibt, gehört es einfach dazu, einmal für teures Geld einige Magazine leerzuschiessen. Als wir zwischen gewöhnungsbedürftigen Verkaufsartikeln – wie beispielsweise Zielscheiben in der Form von Osama Bin Laden, aus Gewehrkugeln gebastelten Christenkreuzen und unzähligen Feuerwaffen – in der Warteschlange standen, sagte ich scherzhaft: «Dies ist der sicherste Ort im ganzen Land, hier hat es so viele Waffen, da kann gar nichts passieren.»

Der saloppe Spruch hat in unserer Gruppe zwar Gelächter ausgelöst, doch für die Waffenlobby und den amtierenden US-Präsidenten Donald Trump wäre dies eine ernstgemeinte Beurteilung der Sachlage. Nach den Pariser Terroranschlägen vom November 2015 ortete Trump die Hauptursache für das Ausmass der Tragödie bei der mangelhaften Bewaffnung der Bevölkerung. Ähnlich die Analyse des Präsidenten der Nationalen Schusswaffenvereinigung, Wayne LaPierre, nach dem Amoklauf an der Sandy Hook Primarschule im Jahr 2012, bei dem 28 Menschen starben: Es brauche endlich bewaffnetes Sicherheitspersonal an Schulen. Im Grundsatz sind sich die zwei Herren also einig. Gegen Waffengewalt hilft nur eines: mehr Waffen.

«The Good Guy with a Gun Theory»

Und so geht die dazugehörige Theorie: Die Bösen (im Waffenlobby-Slang «Bad Guys» genannt) beschaffen sich ohnehin Waffen, unabhängig von der Strenge der Waffengesetze. Die Guten («Good Guys») müssen sich also ebenfalls bewaffnen, um nicht schutzlos der Waffengewalt der Bösen ausgeliefert zu sein. Darum dient eine breite Bewaffnung der Bevölkerung als Abschreckung gegenüber den bösen Aggressoren und schafft damit mehr Sicherheit. Eine Verschärfung der Waffengesetze würde nur die gesetzestreuen Bürger, also die Guten, entwaffnen. Die Bösen liessen sich davon nicht beeindrucken.

Zum Lachen ist diese Theorie beileibe nicht. Im Gegenteil, mindestens auf den ersten Blick klingt sie durchaus plausibel. In den USA hat sie nicht nur unter Wild-West-Nostalgikern zahlreiche Anhänger. Und auch in der Schweiz sollten uns diese Argumente gegen strengere Waffenkontrollen bekannt vorkommen. Die Volksinitiative «Für den Schutz vor Waffengewalt» vor 10 Jahren, die unter anderem die Ordonanzwaffe ins Zeughaus verbannen wollte, wurde nicht zuletzt mit einer Kampagne gebodigt, die durchaus an die Theorie der amerikanischen Waffenlobby erinnert.

Zahlen sprechen eine andere Sprache

Nichtsdestotrotz scheint die Theorie nicht im Einklang zu sein mit den Nachrichten von Heckenschützen und Amokläufen in Schulen, die uns in regelmässigen Abständen von ennet dem Atlantik erreichen. Bei den Tötungsdelikten mit Schusswaffen befinden sich die USA mit rund 3,5 pro 100‘000 Einwohner und Jahr als einziges Industrieland weit oben in der Rangliste. In direkter Nachbarschaft finden sich Entwicklungsländer und mutmasslich gefährliche Reisedestinationen wie Nicaragua, Barbados oder Peru. Zum Vergleich: In der Schweiz kommen auf 100‘000 Einwohner 0,21 Tötungsdelikte durch Schusswaffen, was verglichen mit Ländern wie Rumänien, Japan oder Hong Kong wiederum sehr hoch ist. Die hohe Waffenkriminalität in den Vereinigten Staaten geht einher mit einer gewaltigen Waffendichte, 113 Feuerwaffen pro 100 Einwohner sind einsame Spitze (vgl. Grafik). In keinem anderen Land gibt es mehr Feuerwaffen als Menschen.

Auch wenn diese Zahlen die Theorie der Waffenlobby eher alt aussehen lassen, über den kausalen Zusammenhang zwischen Waffendichte und Waffengewalt ist damit noch nichts gesagt. Genau dieser Frage ist ein Forscherteam der Kalifornischen Spitzenuniversität Stanford in einer breit angelegten, kürzlich erschienenen Untersuchung nachgegangen. Der ausgeprägte Föderalismus macht die USA zu einem natürlichen Forschungslabor, um die Auswirkung einer Änderung der Waffengesetzgebung auf die Waffengewalt empirisch zu schätzen. Die Strenge der Waffengesetze variiert nicht nur über den untersuchten Zeitraum von 1977 bis 2014, sondern auch zwischen den 50 Bundesstaaten.

Mit modernen statistischen Techniken schätzen die Wissenschaftler den Effekt einer Lockerung des Waffenrechts auf die Gewaltkriminalität. Konkret geht es um die Einführung eines sogenannten «Right-to-carry» (RTC)-Gesetzes in Bundesstaaten wie Texas, Pennsylvania oder Mississippi, welches den Bürgern grundsätzlich das Recht zum Tragen einer Schusswaffe ohne Bedarfsnachweis garantiert. Die Analyse zeigt, dass in Bundesstaaten, die ein RTC-Gesetz erlassen haben, die Gewaltkriminalität in den zehn Jahren nach Inkrafttreten um 13 bis 15% gestiegen ist relativ zu einer vergleichbaren Gruppe von Staaten, in denen das Waffenrecht nicht gelockert wurde.

Was ist faul an der besagten Theorie?

Spätestens jetzt sollte man sich die Frage stellen, ob der «mehr Waffen, weniger Kriminalität»-Theorie, wie sie ebenfalls häufig genannt wird, nicht doch ein Denkfehler anhaftet. Testen wir sie auf Herz und Nieren.

Fragwürdige Dichotomie der Good Guys und Bad Guys

Die Theorie geht davon aus, dass die Guten und die Bösen trennscharf sind. Es gibt also gute Menschen, die Waffen nur zu Selbstverteidigungszwecken verwenden und böse Menschen, die aktiv auf andere Menschen schiessen. Diese Zweiteilung ist etwas gar vereinfacht. In der Realität geht die Waffengewalt nicht von einer klar definierbaren Gruppe von Kriminellen aus. Auch ein vermeintlicher Good Guy kann in eine ausweglose Situation geraten und dann aus Verzweiflung oder im Affekt zur Schusswaffe greifen. In dieser Situation ist derer rasche Verfügbarkeit das richtungweisende Element.

Schon die Prämisse, dass alle Bad Guys unabhängig vom Waffenrecht ohnehin mit Pistole rumlaufen, ist sehr fragwürdig. Von Schwerkriminellen einmal abgesehen, spielt auch da die Einfachheit des Zugangs eine entscheidende Rolle. Ähnlich wie Gelegenheit sprichwörtlich Diebe macht, macht Gelegenheit auch Waffenbesitzer. Auch wenn Personen mit Vorstrafen wirksam vom Waffenkauf ausgeschlossen werden, je mehr Waffen zirkulieren, desto mehr Waffen finden bspw. durch Verlust oder Diebstahl den Weg in den Schwarzmarkt oder direkt in die Hände von Leuten mit unlauteren Absichten. In den USA werden jedes Jahr über eine halbe Million Schusswaffen gestohlen...

Fragiles Gleichgewicht

Selbst wenn die Waffengewalt von einer klar abgrenzbaren Gruppe ausgehen würde, wäre die besagte Theorie ein sehr gefährliches Konstrukt. Stellen wir uns eine Menschenmenge von 500 Personen bspw. in einem Shoppingcenter vor. Um maximale Sicherheit zu garantieren tragen sie – ganz im Sinne der Waffenlobby – alle einen Revolver am Gürtel, um einen potentiellen Aggressor sofort zur Strecke bringen zu können. Gehen wir des Weiteren davon aus, dass sich unter den 500 Personen zwei Bad Guys befinden.

In der Tat haben die zwei Schurken nun nicht den geringsten Anreiz, die Waffe zu zücken. Es wäre ihr sofortiges Todesurteil. Ökonomen sprechen von einem Gleichgewicht, in dem alle ihre Waffe im Holster lassen. Soweit stimmt die Theorie der Waffenlobby, denn unbewaffnet wären die Guten 498 den Bösen zwei schutzlos ausgeliefert. Die Krux an diesem Gleichgewicht: Es ist hochgradig instabil! Sollte einer der Schurken entgegen dem rationalen Gebot seine Waffe doch ziehen, dann endet die Szenerie in einem Blutbad. Unter Umständen reicht es schon, wenn einer der 500 eine Handbewegung eines anderen fälschlicherweise als Griff zur Waffe interpretiert.

John J. Donohue, der Stanford-Rechtsprofessor und Mitautor der Untersuchung, vergleicht Schusswaffen mit Röntgenstrahlen. Sie können in Einzelfällen Menschenleben retten, wenn man sich aber permanent der Bestrahlung aussetzt, trägt man gesundheitliche Schäden davon. Ein wahrer Kern lässt sich der «mehr Waffen, weniger Kriminalität»-Theorie nicht absprechen. Nicht zuletzt wegen der aufgezeigten Schwachpunkte sprechen die Fakten dennoch gegen sie. Auch ein vernünftiger Umgang mit Waffen ist also eine Frage der Dosis. Wenn sich die breite Bevölkerung zu Selbstverteidigungszwecken bewaffnet, dann sind die Risiken und Nebenwirkungen grösser als der Gewinn an Sicherheit.

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

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