Schaf oder Ziege, das ist nicht so wichtig – USA oder China hingegen schon
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Schaf oder Ziege, das ist nicht so wichtig – USA oder China hingegen schon
Saturday, 21. February 2015

Die USA und China sind mit grossem Abstand die beiden wichtigsten Volkswirtschaften der Welt. Die beiden Länder könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein. Was bedeutet das für die Zukunft?

Die Natur spricht für die USA, die Dynamik für China. Sonnenaufgang im Grand Teton National Park, Jackson Hole, Wyoming. (Bild: E. Tester)

Am 19. Februar hat in China das neue Jahr begonnen: das Yangnian. Da das Wort Yang 羊 im Chinesischen zugleich Schaf und Ziege bedeutet, sind sich sogar Experten uneinig, ob wir nun im «Jahr des Schafes» oder im «Jahr der Ziege» sind. Etymologen tendieren zu der Ziege, da diese in China viel früher als das Schaf zu den Nutztieren gehörte. Den Chinesen ist das einerlei. Hauptsache das Jahr hält, was es verspricht, nämlich ein gutes, harmonisches Jahr mit vielen positiven Entwicklungen zu werden – und Hauptsache, es gibt viele «Hongbaos», also rote Couverts mit Geld drin.

Auch in Amerika wird das Chinese New Year gefeiert, was mich besonders freut, da ich zurzeit nicht in Schanghai bin, sondern auf einer Reise durch den Westen der USA. Und diese Reise regt zu einigen grundsätzlichen Überlegungen zu den beiden wichtigsten Volkswirtschaften der Welt an.

Die USA und China dominieren die internationale Wirtschaft. Bis im Jahr 1890 war China mehr als 2000 Jahre lang die grösste Volkswirtschaft der Welt. 1830 betrug der Anteil Chinas am Welt-BIP 33%. 1890 verlor China den ersten Platz an die USA (unter Berücksichtigung der Kaufkraftparität). 2014 betrug das Bruttoinlandprodukt Chinas 10,4 Bio. $, die USA erwirtschafteten 17,4 Bio. $. Das kaufkraftbereinigte BIP Chinas belief sich jedoch auf 17,6 Bio. $ – was Kommentatoren zu der Aussage veranlasste, China sei nun wieder die grösste Volkswirtschaft der Welt. Doch diese Zahlen allein sagen wenig aus.

Offensichtliche Unterschiede

Gemäss Kaufkraft ist China zwar die grösste Volkswirtschaft der Welt, aber in punkto Pro-Kopf-BIP rangierte das Land 2014 mit 7600 $ nur auf Platz 82. Die USA hingegen befinden sich mit 55 000 $ hinter den üblichen Spitzenreitern Luxemburg, Norwegen, Katar, Singapur oder der Schweiz in den Top 10. Eine weitere aufschlussreiche Grösse ist der «Ease-of-doing-business-Indikator» der Weltbank. Er misst die für Geschäftstätigkeiten wichtigen Rahmenbedingungen eines Landes wie Bewilligungen, Zugang zu Infrastruktur, Steuer- und Rechtsrahmen, Rechte von Minderheitsaktionären, Konkursrecht, etc. Singapur rangiert auf Platz eins, vor Neuseeland, Hongkong, Dänemark, Korea und Norwegen. Die USA sind auf Platz sieben, die Schweiz auf Rang 20. Und China? China befindet sich in der Umgebung von Namibia und Serbien auf Platz 90.

Oberflächliche Unterschiede zwischen den beiden mächtigsten Ländern der Welt zeigen sich schon beim Autofahren. In China wird auf der Strasse gedrängelt, gehupt und es kann nicht schnell genug gehen. Wer den Verkehr Schanghais gewohnt ist, versucht beim Autofahren in den USA nicht einzuschlafen und fragt sich, wie ein Land, das sich so langsam und gemütlich bewegt, überhaupt wirtschaftliche Spitzenleistungen erbringen kann. Noch viel frappanter sind die Unterschiede natürlich in Bezug auf die Natur und die Umwelt. Aber die USA haben ja auch weniger als ein Viertel der Bevölkerung Chinas, bei etwa gleicher Fläche – und das Land kannte schon vor der Gründung des Yellowstone Nationalparks 1872 die Institution grossflächiger Naturschutzgebiete. In Bezug auf die Qualität der Strassen muss sich China jedoch nicht verstecken, im Gegenteil.

Quantität und Qualität

Die Fahrt durch Bundesstaaten wie Kalifornien oder Idaho zeigt auch relevantere Unterschiede auf den ersten Blick, vor allem in der Landwirtschaft. In den USA arbeiten weniger als 2% der Beschäftigten im Landwirtschaftssektor, sein Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP) beträgt 1% – typische Zahlen für ein voll entwickeltes Industrieland. Die Landwirtschaftsbetriebe sind oft riesig und werden mit entsprechenden kapitalintensiven Technologien bewirtschaftet. In China hingegen ist noch ein Drittel der Bevölkerung im Primärsektor Landwirtschaft beschäftigt, der 10% des Bruttoinlandprodukts ausmacht. Es gibt rund 200 Mio. Landwirtschaftsbetriebe, die meisten davon sind ineffiziente Kleinstbetriebe. Trotz glamouröser Metropolen wie Schanghai ist China immer noch ein Schwellenland.

Und im Silicon Valley – mein Kollege Christoph Gisiger, USA-Korrespondent der «Finanz und Wirtschaft», nennt es das «Tal des digitalen Urknalls» – gibt es das in Hülle und Fülle, womit China hadert: Hochtechnologie, Innovation, und nochmals Innovation. In Sachen Innovation, Wertschöpfung, Effizienz – und vor allem auch in Bezug auf das Rechtssystem und die Respektierung geistigen Eigentums – muss China noch massiv aufholen, damit das Land nicht nur zahlenmässig den zweiten Platz auf der Weltwirtschaftsrangliste verdient. Die Aufzählung auch nur der auffälligsten Unterschiede liesse sich beliebig lang fortsetzen, und sie kulminiert aus westlicher Sicht oft in der unterschiedlichen Presse- und Meinungsvielfalt.

Doch all das ist eine Bestandesaufnahme und zeigt weder die Vergangenheit noch die Zukunft. China hat es geschafft, in drei Dekaden seinen Anteil am Welt-BIP mehr als zu verdreifachen und zur zweitwichtigsten Volkswirtschaft der Welt zu werden – trotz ineffizienter wirtschaftlicher und politischer Strukturen. Der Preis, den das Land dafür zahlen musste, ist hoch, man denke an die Zuwachsrate der Verschuldung und die Zerstörung der Umwelt. Die Wirtschaftsreformen in China verlaufen langsam, das Land muss riesige Probleme bewältigen. Doch die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass dies gelingt.

Chinesische Dynamik

Obwohl sich die Wachstumsraten in China deutlich abschwächen – und in den kommenden Jahren noch weiter sinken werden – hat China immer noch das höchste Wirtschaftswachstum sämtlicher grosser Länder der Welt und ein riesiges Wachstumspotenzial. So wie im Westen der USA Hochtechnologieunternehmen und die imposante Schönheit der Natur allgegenwärtig sind, ist in China eine unglaubliche Dynamik von Wirtschaft und Gesellschaft zu spüren. China wird immer mehr auch in Bezug auf Qualität und nicht nur Quantität zu den USA aufschliessen. Trotz Energierevolution in den USA, spricht der Wachstums- und Entwicklungstrend eindeutig für China. Es ist zu hoffen, dass die chinesische Bevölkerung nach und nach auch mehr individuelle Freiheitsrechte geniessen darf – das, was den grössten Unterschied zwischen den beiden Ländern ausmacht.

Nebst der unbestrittenen Dominanz der USA und Chinas in Bezug auf die Wirtschaftsleistung – Japan auf Platz drei kommt gerade noch auf ein BIP von 4,8 Bio. $ – lohnt sich jedoch auch ein Blick auf weitere Länder und Regionen. Das Welt-BIP betrug im letzten Jahr rund 77,6 Bio. $. Die Anteile der USA und Chinas beliefen sich auf 23 resp. 13%. Die EU-Länder leisteten einen Beitrag von 18,4 Bio. $ oder 24%, und die Entwicklungs- und Schwellenländer zusammen erwirtschafteten 30,5 Bio. $ oder 40% der weltweiten Wirtschaftsleistung. Unter Berücksichtigung der Kaufkraft verändern sich die Ranglisten markant: Indien z.B. rutscht von Platz zehn auf Platz drei vor, die Schweiz sackt von Rang 21 auf Rang 40 ab. Interessant ist auch die Tatsache, dass das Bruttoinlandprodukt des Rohstoffriesen Russland mit gut 2 Bio. $ nur gerade demjenigen Kaliforniens entspricht.

In Jackson Hole in Wyoming treffe ich auf dem Berg zwei Herren von CWA aus Olten. Das Unternehmen hat die neue Gondelbahn in Jackson Hole gebaut und verhandelt über neue Projekte. Auf meine Frage, wie es denn so sei, an den schönsten Skiresorts der Welt arbeiten zu können, meinten die Herren: «Das ist fantastisch. Aber die meisten Anlagen liefern wir nach China.»

In diesem Sinne: Yangnian kuaile – alles Gute zum Chinesischen Neujahr! Egal ob Schaf oder Ziege, China wird immer wichtiger.

Elisabeth Tester,
Ökonomin, Journalistin
Ehem. Chinakorrespondentin von «Finanz und Wirtschaft», Wirtschaftspublizistin «From facts to stories», lebt in Schanghai und Zürich. Spezialistin China, makroökonomische Themen und Rohstoffe.

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

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