Die neue Ideenlosigkeit
Entwicklung, Wachstum, Umwelt
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Die neue Ideenlosigkeit
Sonntag, 20. November 2016

Zwischen 1870 und 1970 wuchs die Wirtschaft so stark wie nie zu vor. «So etwas werden wir nie wieder erleben», behauptet Robert Gordon in seinem neuen Buch. Tatsächlich?

Wie man sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Jahr 2000 vorstellte: fliegende Taxis. Bild: wikimedia

Stellen Sie sich vor, wir würden auf einer Zeitreise eine typische Wohnung in den 1940er Jahren besichtigen. Was würden wir dort antreffen? Wahrscheinlich eine Gasheizung, eine Toilette, fliessendes Wasser, elektrisches Licht, einen Kühlschrank und einen Telefonanschluss. Zwar gibt es noch keinen Fernsehapparat, keinen Internetanschluss und kein Netflix-Abo. Das ist zwar etwas ärgerlich, aber wir könnten in dieser Wohnung einigermassen gut zurechtkommen.

Müsste aber jemand aus den 50er Jahren in eine Wohnung aus den 1870er Jahren ziehen – sie oder er wäre geschockt: Toilette im Haus? Fehlanzeige. Russ und Qualm aus der Küche erschweren das Atmen. Weder Kanalisation noch Elektrizität sind vorhanden, geschweige denn ein Telefonanschluss. In diesem Umfeld zu leben, wäre selbst für die Generation aus den 1950er Jahren schwer vorstellbar.

1870 bis 1970 war einmalig

Wie sich die westliche Welt zwischen 1870 und 1970 entwickelte, ist ungeheuerlich. Während ein 1870 geborenes Kind im Schnitt mit 45 Jahren das Zeitliche segnen musste, lag die Lebenserwartung 100 Jahre später bei 72 Jahren. Dem technischem Fortschritt in der Medizin sei Dank: Impfungen und Antibiotika machten so manch frühzeitigem Tod einen Strich durch die Rechnung.

Die Lebenszeit hat sich nicht nur verlängert, die Erdenjahre konnten nun auch deutlich angenehmer gestaltet werden. Plötzlich war genügend Nahrung da, um die bis anhin hungrigen Mäuler zu stopfen. Plötzlich gab es Autos, um von A nach B zu gelangen. Selbst Unterhaltung wurde bezahlbar. Bald säumten Kinos die Strassen und nicht lange ging es, bis aus einem Telefon die Stimmen von weit entfernten Personen ertönten.

Dieser Fortschritt widerspiegelte sich auch in der gestiegenen Wirtschaftsleistung pro Kopf. Technischer Fortschritt führte zu Effizienzgewinn, wodurch mehr Bedürfnisse mit den gleichen Ressourcen befriedigt werden konnten. 1870 bis 1970 gilt als das goldene Zeitalter des Wirtschaftswachstums, welchem selbst zwei verheerende Weltkriege nichts anhaben konnten.

Die tiefhängenden Früchte sind gepflückt

Die Wirtschaftsleistung in den USA ist in dieser Zeit zwischen 1870 und 1970 so stark gewachsen wie nie zuvor – und auch wie nie wieder danach. Diese Zeit war einmalig, so der Ökonom Robert Gordon in seinem neuen Buch «The Rise and Fall of American Growth». Seither kam das Wachstum in den westlichen Ländern nicht mehr richtig in Schwung. Der Grund dafür ist laut Gordon, dass die neuen Erfindungen seither einfach nicht mehr gleich wichtig sind.

Seit den 1970er Jahren hat sich zum Beispiel eine Wohnung nicht mehr wesentlich verändert. Bildschirme und Kochherde wurden zwar flacher und manche können heute ihre Fensterläden elektronisch bedienen. Im Vergleich zu Errungenschaften wie der Zentralheizung oder dem Telefon wirken diese aber doch etwas kümmerlich. Internet und Smartphones mögen unseren Alltag etwas vereinfacht haben, so Robert Gordon, aber Hand aufs Herz: Würden Sie lieber auf Ihr Smartphone oder die Toilette verzichten?

Zwar läuft die technologische Entwicklung, wie die der Rechenleistung eines Computers, rasant. Doch die Auswirkung dieser Entwicklungen ist im Vergleich zu den Entwicklungen zwischen 1870 und 1970 klein. In der Tat haben sich viele Leute aus dem alten Jahrhundert das Jahr 2000 etwas anders vorgestellt. «Wir wollten fliegende Autos – sie gaben uns 140 Zeichen», spottet der Silicon Valley-Investor Peter Thiel in Anlehnung an die Textlänge in Twitter.

Gordon, der Technopessimist

Robert Gordon gilt als Technopessimist. Andere Ökonomen wie Joel Mokyr, Wirtschaftshistoriker der Northwestern University, halten die von Gordon proklamierte technische Stagnation durch die Ideenlosigkeit für absurd. Sie sagen, die Digitalisierung ist gerade dabei die Wissenschaft zu revolutionieren. Dank wachsender Rechenpower und Big-Data können wir bald Probleme analysieren und Gleichungen lösen, die bis anhin als unlösbar galten.

Dass sich die Digitalisierung nur beschränkt in den Wachstumsraten des Bruttoinlandproduktes (BIP) widerspiegelt, führt Mokyr darauf zurück, dass das BIP heute nicht mehr zeitgemäss ist. Das BIP mag vielleicht in Kohle- und Stahlökonomien den Wohlstand treffend abbilden, nicht aber in Zeiten der Digitalisierung. Grund dafür: Zahllose Produkte, die im Internet gratis verfügbar sind, bleiben im BIP unberücksichtigt.

Wo liegt nun die Wahrheit? Es leuchtet ein, dass in der Zeit zwischen 1870 und 1970 viele tiefhängende Früchte gepflückt wurden – schliesslich kann ein Verbrennungsmotor tatsächlich nicht zweimal erfunden werden. Trotzdem kann und darf es eine Weile dauern, bis aus wissenschaftlichen Erkenntnissen neue Technologien entstehen und daraus irgendwann Wirtschaftswachstum resultiert. Vielleicht sind wir mithilfe der Wissenschaft gerade dabei, uns eine Leiter zu bauen, um bald auch hoch hängenden Früchte zu ernten. Ein Blick in die Entwicklungen der Robotik und der Biotechnologie schürt gar Hoffnung, dass diese Früchte einst besonders genussvoll sein könnten.

Robert J. Gordon: The Rise and Fall of American Growth. The U.S. Standard of Living since the Civil War. Princeton University Press, Princeton.

 

 

 

 


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Zum Thema:

  • NY Times. The Powers That Were (31.01.2016)
    Paul Krugman bespricht «The Rise and Fall of American Growth»

Patrick Keller,
M.A. in Volkswirtschaftslehre der Universität Zürich, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie, ehemaliger Praktikant bei iconomix.

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

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