Angst macht uncool
()
73 Aufrufe
Angst macht uncool
Sonntag, 29. März 2015

Angst macht auch vor professionellen Investoren keinen Halt. Dies konnten Forscher der Universität Zürich in einem Experiment nachweisen.

Bild: Wikipedia

Die Wallstreet am 29. Oktober 1929. Schwarzer Dienstag. Szenen, die einem Schlachtfeld ähneln. Tausende von Investoren rennen in Panik über die Strassen. Börsenmakler springen in Verzweiflung aus dem Fenster in den Tod.

Finanzmärkte sind emotional. Auch in weniger dramatischen Zeiten als in jenen gegen Ende der 1920er Jahre, kann man davon ausgehen, dass das Börsengeschehen durch archaische Emotionen wie Angst, Gier und Hochmut beeinflusst wird.

Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass in Zeiten des Abschwungs die Risikoprämie viel höher ist. Darunter versteht man den Preisaufschlag, den Investoren verlangen um für das eingegangene Risiko entschädigt zu werden. Die Vermutung liegt nahe: Wer für mehr Risiko entschädigt werden will, hat Angst. Und Abschwünge machen Angst.

Doch können auch professionelle Investoren ihre Ängste nicht im Zaum halten? Würde man von ihnen nicht eine gewisse «Coolness» erwarten? Schliesslich sollten ja gerade sie wissen, dass Angst meist ein schlechter Ratgeber ist.

Um das herauszufinden, haben die Zürcher Ökonomen Alain Cohn, Jan Engelmann, Ernst Fehr und Michel Maréchal knapp 200 Finanzangestellte eingeladen und mit ihnen experimentiert. Das Resultat der soeben publizierten Studie ist ernüchternd: Die Investoren sind in einem Abschwung tatsächlich ängstlicher, obwohl der zu erwartende Gewinn nicht kleiner ist als in einem Aufschwung. Zudem gilt dies unabhängig von ihrer Erfahrung und ihrem Wissen über die Finanzmärkte.

In Boom und Rezession versetzt

Um mit einem Experiment herauszufinden, wie sich Investoren in einem Auf- beziehungsweise Abschwung verhalten, muss man sie mental in die entsprechende Stimmung versetzen. In der Psychologie nennt man dies «Priming». Man gibt Menschen einen Reiz, der in ihrem Gedächtnis Assoziationen auslöst. Wer ein Bild mit Palmen, Strand und Meer betrachtet, fühlt sich wahrscheinlich in die letzten Ferien zurückversetzt. Dies geht in der Regel mit angenehmen Stimmung einher.

Bei Investoren braucht man keine Palmen. Ein paar Fragen darüber, ob sie dieses oder jenes Finanzprodukt in einem Boom kaufen würden und eine Kursgrafik die nach oben schwingt, genügen um sie mental in die Stimmung eines Aufschwungs zu versetzen.

Die Studienteilnehmenden wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. In der einen Gruppe wurden Investoren auf Boom, in der anderen auf Abschwung «geprimed». Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten je 200 Franken Startkapital und mussten sich entscheiden: Lege ich das Geld lieber «sicher» an und kann die ganzen 200 Franken nach Hause nehmen oder investiere ich es in eine risikoreiche Anlage, bei der ich eine höhere Auszahlung erwarten kann, aber auch das Risiko trage, mit leeren Händen nach Hause zu gehen. Die Versuchsleiter konnten nun messen, ob sich das Entscheidungsverhalten derjenigen in «Boomstimmung» zu denjenigen in «Abschwungsstimmung» systematisch unterscheidet.

In der Tat verhielten sich die beiden Gruppen unterschiedlich, obwohl der zu erwartende Gewinn in beiden Gruppen derselbe war: Investoren die in die Stimmung des Abschwungs versetzt worden waren, entschieden sich öfter für den sicheren Betrag. Ein Zeichen dafür, dass sie weniger risikofreudig sind, als die Investoren in Aufschwungslaune. Genau andersrum verhielten sich die Teilnehmer der Boomgruppe. Sie wählten öfters die risikobehaftete Alternative.

Um sicher zu sein, dass nicht vielleicht unterschiedliches Wissen über Finanzmärkte oder die Berufserfahrung das Risikoverhalten beeinflussen, wurde das Finanzwissen der Teilnehmenden abgefragt. Das Resultat: Es spielt keine Rolle.

Sinn und Zweck von Experimenten

Resultate von Experimenten muss man mit gesunder Vorsicht geniessen. Die Experimente finden in Labors statt. Ein häufiges Problem ist daher ihre externe Validität. Das heisst, man weiss nicht ob sich die Menschen im realen Leben genau so verhalten würden, wie in der künstlichen Welt der Labors. Sprich, es ist fraglich inwiefern die gewonnen Resultate ausserhalb des Labors tatsächlich gültig sind.

Trotz gewissen Vorbehalten sind Experimente ein Segen für die ökonomische Forschung. Lange Zeit war die Ökonomie als eine nicht-experimentelle Wissenschaft bekannt. Der Grund liegt nahe: Experimente mit einer ganzen Volkswirtschaft – das geht schlicht und einfach nicht. Doch Experimente auf Mikroebene erlauben ökonomische Zusammenhänge besser zu verstehen. Wirkungszusammenhänge – wie in diesem Beispiel der Effekt von Boom- und Abschwungsstimmung auf das Risikoverhalten – können so eins-zu-eins aufgezeigt werden.

Cohn, Alain, Jan Engelmann, Ernst Fehr, and Michel André Maréchal. 2015. «Evidence for Countercyclical Risk Aversion: An Experiment with Financial Professionals.» American Economic Review, 105(2): 860-85.

Lesen Sie auch:

Zum Thema:

Patrick Keller,
Masterstudent in Volkswirtschaft an der Universität Zürich und ehemaliger Praktikant bei iconomix.

Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.

× Vielen Dank für Ihren Kommentar. Er wurde erfolgreich zur Überprüfung übermittelt.

Kommentare

Anzahl verbleibender Zeichen: 800
captcha

Diese Seite wurde noch nicht kommentiert.

Verfassen Sie den ersten Kommentar.