Die neue Globalisierung
Entwicklung, Wachstum, Umwelt
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Die neue Globalisierung
Freitag, 19. April 2013

Die «neue Globalisierung» ist individueller, abrupter und unvorhersehbarer. Richard Baldwin erklärt, weshalb Städte die neuen Fabriken sind und weshalb der Staat nicht Jobs, sondern die Arbeitnehmenden schützen sollte.

Bild: Wikipedia

In einem Artikel der «NZZ» vom 17.04.2013 schreibt Richard Baldwin – Professor und Spezialist für internationale Handelstheorie – über die «neue Globalisierung». Sein Fazit: Menschen schätzen die Globalisierung falsch ein.

«Alte Globalisierung»: Trennung von Produktion und Konsum

Am Anfang der Globalisierung stand die Erfindung der Dampfmaschine. Weil die Transportkosten sanken, mussten Güter nicht mehr an dem Ort konsumiert werden, wo sie produziert wurden.

So konnte man Effizienzunterschiede zwischen den Ländern wohlfahrtsstiftend ausnutzen. Profitiert haben die konkurrenzfähigsten Branchen eines Landes («sunrise sectors»), während die wenig dynamischen Branchen («sunset sectors») zu den Verlierern gehörten.

Damit die Verlierer nicht zu arg leiden mussten, senkten die Staaten die Zölle seit der Nachkriegszeit nur schrittweise. Die Globalisierung wurde so gebremst, wodurch man Zeit gewann, die Ressourcen innerhalb eines Landes von den schwachen zu den konkurrenzfähigen Sektoren umzulagern.

Die «alte Globalisierung» war ein langsamer und vorhersehbarer Prozess. Viele Menschen denken, dass dies heute immer noch ähnlich ist. Falsch gedacht – die «neue Globalisierung» sieht anders aus.

«Neue Globalisierung»: Trennung von Produktionsschritten

Obschon die Transportkosten bereits tief waren, fand bis Mitte der 1980er Jahre die gesamte Produktion eines Gutes in einer Fabrik oder einem Industrieviertel statt. Die geographische Nähe der einzelnen Produktionsschritte war notwendig, weil eine Auslagerung sehr komplex und mit hohen Koordinationskosten verbunden gewesen wäre.

Mit dem technischen Fortschritt der Informations- und Kommunikationstechnologie (kurz: ICT) sanken nun auch die Koordinationskosten.

Von nun an konnten auch einzelne, unrentable Produktionsschritte innerhalb der Wertschöpfungskette ins Ausland verlagert werden. Die Auswirkungen der ICT-Revolution sind differenzierter: Nicht ganze Branchen werden in andere Länder verschoben, sondern einzelne Stellen oder Prozessschritte werden ins Ausland ausgegliedert.

Die ICT-Entwicklung kann nicht so einfach vorhergesagt werden. Die «neue Globalisierung» ist daher gemäss Baldwin individueller, abrupter und unvorhersehbarer. Darauf muss sich die Politik einstellen.

Verlierer dieser «neuen Globalisierung» sind Menschen, deren Jobs nun auch in einem Billiglohnland verrichtet werden können und solche, die zu wenig flexibel für einen Stellenwechsel sind.

Richard Baldwin empfiehlt, nicht Jobs, sondern die Arbeitnehmenden selbst zu schützen. Will heissen, dass es keinen Sinn macht unrentable Stellen zu subventionieren oder anderswie zu erhalten.

Vielmehr muss der Staat mit einem guten Bildungssystem dafür sorgen, dass die Menschen über eine qualifizierte Ausbildung verfügen und vor allem die Bereitschaft entwickeln, ein Leben lang zu lernen. Nur so sind sie flexibel genug um den Anforderungen einer globalisierten Wirtschaft gewachsen zu sein.

Betrachtet man die obige Graphik (entnommen aus dem Artikel der «NZZ»), so sieht man, dass der grösste Teil der Wertschöpfung heute in den Dienstleistungen vor und nach der Produktion geschafft wird. Die eigentliche Produktion kann leicht repliziert werden. Es macht daher betriebswirtschaftlich Sinn, die eigentliche Produktion in Billiglohnländern zu verrichten, weil die Wertschöpfung entsprechend tief ist.

Wertschöpfungsmässig wichtiger sind die Dienstleistungen vor und nach der Produktion. Dienstleistungen – wie die Planung, das Engineering oder das Marketing – sind anspruchsvoll. Sie benötigen qualifizierte Fachkräfte und können nicht einfach kopiert werden. Zudem benötigen Dienstleistungen direkte Interaktion mit dem Kunden. Dies ist die Chance für Menschen in Hochlohnländern.

Auf den Punkt gebracht: In wohlhabenden Ländern sind Jobs in Fabriken schlecht, weil diese automatisiert oder ausgelagert werden können. Dienstleistungsjobs aber entsprechend gut. Für Baldwin sind deshalb die Städte, mit ihrem Pool an qualifizierten Arbeitskräften, die Fabriken des 21. Jahrhunderts.

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Zum Thema:

Für das iconomix-Team
Patrick Keller

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